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Champions League : Gelsenkirchener Beton gegen Real

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Kommando zurück: Roberto di Matteo lässt auf Schalke mauern. Bild: dpa

Sind die Schalker stabil genug für Real Madrid? Trainer Roberto di Matteo hat die Defensive vor dem Achtelfinale gegen den Titelverteidiger in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt.

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          Als Roberto Di Matteo in Gelsenkirchen seinen Dienst antrat, hatte er längst erkannt, worauf es ankam. Als erstes müsse die Organisation der Mannschaft auf dem Fußballplatz verbessert werden, sagte der neue Trainer des FC Schalke 04. Drei Monate später sind Fortschritte im Abwehrverhalten unverkennbar. Es ist schwierig geworden, gegen Schalke Tore zu schießen. In den zurückliegenden sechs Bundesligapartien reichten den Königsblauen insgesamt fünf Treffer, um elf Punkte zu ergattern. In keinem dieser Spiele gab es mehr als ein Gegentor. Tony Jantschke, Kapitän von Borussia Mönchengladbach, stellte kürzlich – nach einem 0:1 – fest, er habe „die Schalker noch nie so defensiv erlebt“.

          Ästhetisch bewegt sich das, was di Matteo spielen lässt, zuweilen hart an der Grenze des Zumutbaren. Aber sein Personal fühlt sich offenbar wohl im 3-5-2, das bei Ballbesitz des Gegners die beiden außen positionierten Mittelfeldspieler zu Verteidigern mutieren lässt. Die Grundordnung gibt Profis Halt, die der Trainer als Mannschaft ohne Struktur, ohne Profil übernommen und zügig umgebaut hat. „Wir stehen unglaublich stabil, das ist ein Fundament“, sagt Mannschaftskapitän Benedikt Höwedes, einer von drei Innenverteidigern, die die hinterste Linie bilden.

          Di Matteo hat das Gebiet diesseits der Mittellinie in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt, in dem Angreifer wenig Raum erhalten. Das mussten sogar die Profis des Branchenführers Bayern München erkennen. Deren Stürmerstar Arjen Robben beklagte sich nach dem mageren 1:1, bei dem seine Elf lange in Überzahl spielte, entnervt über die Spielweise der Schalker. „Sie haben es nicht verdient.“ Die Bayern sollen nicht die einzige Mannschaft von Rang bleiben, die vergeblich gegen das westfälische Bollwerk anrennt, das in Matija Nastasic von Manchester City – vorerst auf Leihbasis – einen jungen, begabten Verteidiger hinzugewonnen hat.

          An diesem Mittwoch im Achtelfinale der Königsklasse (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) werden die Schalker sich auch gegen Real Madrid in der Kunst der Verteidigung üben. Wer wollte es ihnen verdenken? Es ist ihre einzige Chance, gegen eine solche fußballerische Übermacht ein annehmbares Ergebnis zu erzielen oder gar eines, das für das Rückspiel noch ein wenig Spannung verheißt. Schon im vergangenen Jahr hatte Schalke sich im Achtelfinale den „Königlichen“ aus der spanischen Hauptstadt gegenübergesehen. Das Hinspiel wurde ein furchtbarer Abend für die naiv spielenden Gelsenkirchener – sie unterlagen dem späteren Champions-League-Sieger in der heimischen Arena 1:6.

          Di Matteo hat der Mannschaft inzwischen das Rüstzeug an den Fuß gegeben, das nötig ist, um zu verhindern, dass sich ein solches Debakel wiederholt. Eine stabile Abwehr ist umso wichtiger, da Stammtorhüter Ralf Fährmann und sein Stellvertreter Fabian Giefer verletzt ausfallen. An ihrer Stelle wird abermals Timon Wellenreuther das Tor hüten, ein 19 Jahre alter Nachwuchsmann, der gerade einmal drei Bundesligaspiele bestritten hat. „Es ist schon in Ordnung, wenn Timon am Mittwoch gegen eine der besten Mannschaften der Welt im Tor steht“, sagt Heldt.

          Hoffnungsträger: Der in der Bundesliga gesperrte Torjäger Klaas-Jan Huntelaar

          Unabhängig von solchen Erschwernissen besitzt der Taktiker Di Matteo auch ein persönliches Interesse daran, vorzuführen, dass seine Spieler die defensive Organisation inzwischen so verinnerlicht haben, dass sie auch auf hohem internationalem Niveau imstande sind, sich zu behaupten, zumindest in der eigenen Hälfte. In der Gruppenphase, beim 0:5 gegen den FC Chelsea, war der Schalker Stabilitätspakt noch kollabiert. Was für eine Demütigung für Di Matteo, der als Fußball-Architekt Wert auf eine besonders robuste Statik legt. Um solche Zusammenbrüche künftig zu vermeiden, stellt er ästhetische Ansprüche vorerst zurück – Gelsenkirchener Beton statt Gelsenkirchener Barock.

          Das mag manche Kritiker stören, doch den Trainer plagt kein schlechtes Gewissen wegen des mitunter geringen Unterhaltungswertes, den der Schalker Minimalismus mit sich bringt. „Wir sind personell in Not, deshalb legen wir größten Wert auf Organisation“, sagt Di Matteo. Wenn überhaupt in nächster Zeit, wird Schalke frühestens dann eine Akademie der Fußball-Künste, wenn etablierte Offensivkräfte wie Julian Draxler und Jefferson Farfan oder auch der junge Leon Goretzka, allesamt seit langem verletzt, wieder ins Geschehen eingreifen können. In der Bundesliga muss Schalke derzeit auch noch ohne Torjäger Klaas-Jan Huntelaar auskommen, der gesperrt ist. Vor der Partie gegen seinen früheren Klub Real Madrid indes ruht ein Teil der Hoffnungen auf dem Niederländer, der nach einer Infektion wieder fit ist.

          So klar der Lernfortschritt in der Defensive zu erkennen ist, so groß ist der Nachholbedarf in der Abteilung Attacke. In der Liga lag die Quote der erzielten Treffer aus den vergangenen fünf Begegnungen bei 0,6 pro Spiel. Auf dem Weg nach vorn und auch im Abschluss wirken die Schalker wenig konsequent. Das war zuletzt wieder in Frankfurt zu sehen; dort hätte Schalke zur Pause klar führen können, musste am Ende aber die erste Niederlage in der Rückrunde einstecken. „Es ist ärgerlich, dass es uns nicht gelungen ist, Selbstvertrauen zu tanken“, sagt Sportvorstand Horst Heldt. „Das hat aber für Mittwoch gar nichts zu bedeuten.“ Ähnlich klingt es bei Mittelfeldspieler Tranquillo Barnetta. „Angst haben wir nicht“, behauptet er. Vielleicht fühlen die Schalker sich wirklich sicher in Di Matteos Organisation. Jedenfalls tun sie so.

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