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Leipzig-Trainer Hasenhüttl : „Ich bin kein Verfechter des Guardiola-Fußballs“

Der letzte Schritt bei der Balleroberung in den Gegner hinein hat in der ersten Saison für unser Spiel gestanden. Heute gilt: vorne ja. Hinten nicht mehr unbedingt. Wir können jetzt auch auf den Fehlpass warten – und so den Ball erobern und dann schnell umschalten. Wenn in einem Spiel aber sehr viel gejagt wird, wenn sehr stark gegen den Ball gearbeitet wird und unser Spiel extrem darauf angelegt ist, dem Gegner keine Räume zu geben, wenn es also Spiele sind, in denen wir sagen, wir müssen All-in gehen, wenn wir pressen, dann ist es in der gegnerischen Hälfte absolut legitim, dass wir da auch mal foul spielen. Aber im letzten Drittel geht das aktive Ball-Gewinnen immer mehr zu einem Fehlpass-Erzwingen über. Der Ballgewinn ist in dieser Zone eher nettes Beiwerk, das wir gerne mitnehmen. Wir provozieren den Ballgewinn dort nicht mehr mit letztem Risiko. Ein Unter-Druck-Setzen des ballführenden Spielers von verschiedenen Seiten ist zielführender, weil der Gegner dann nicht mehr die Chance bekommt, einen Freistoß zu ziehen. Aber Fehlervermeidungs-Fußball möchte ich nicht spielen. Ich bin aber auch kein Freund davon, den Gegner bei Ballbesitz zehn Minuten am Stück laufen zu lassen und dabei gar nicht das Ziel zu haben, ein Tor zu schießen. Das ist nicht mein Ding.

Sondern?

Fußball muss lebendig sein. Aber dieser Ballbesitz-Fußball ist nicht lebendig. Ich finde, dass sich eine gute Mannschaft über ihre Leidenschaft definiert. Über ihre Art, wie sehr sie darauf aus ist, die Menschen zu begeistern. Das ist unsere Aufgabe im Fußball. Natürlich müssen wir Siege erzielen – und zweifellos begeistern Siege. Aber auch Niederlagen können begeistern. Als wir im letzten Jahr 4:5 gegen Bayern verloren haben, ist keiner nach Hause gegangen und hat unserer Mannschaft diese Niederlage übelgenommen. Die Leute waren dankbar, dass sie so ein Spiel erleben durften. Ich glaube, das Spiel muss so lebendig sein, wie wir es tatsächlich versuchen zu spielen. Wir sind in dieser Saison oft gelobt worden für unseren offensiven und temporeichen Fußball, weil er für viele Fans eben so attraktiv ist. Aber unser Spiel ist weit davon entfernt, fehlerfrei zu sein. Das wird es auch bleiben. Ich sage immer: Die eine Aktion, die gelingt, adelt die neun Versuche, die zuvor nicht geklappt haben. Wenn es anders wäre, würde ja jede Minute ein Tor fallen. So ist es aber nicht. Fußball ist ein Fehlerspiel – und wird es immer bleiben. Aber: Die Mannschaft, die am Ende der Saison die wenigsten Fehler macht, wird Meister.

Aus welchen Fehlern hat Ihr Team am meisten gelernt?

Wir versuchen uns im Ballbesitz mittlerweile schon so zu positionieren, dass ein möglicher Fehler von uns darin einkalkuliert ist – um dann gut nachpressen und den Ball gleich zurückerobern zu können. Das geht aber nur, wenn man alle Ebenen auf dem Platz gut besetzt hat. Und nicht, wenn man mit sechs Mann vor dem Ball agiert und nur mit zwei oder drei dahinter. Dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass der Gegner bei Balleroberung ein Tor erzielt. Wir haben also bei eigenem Ballbesitz das Hauptaugenmerk darauf gelegt, dass die Positionierung so passt, dass solche Ballverluste nicht zwangsläufig zu Gegentoren führen.

Sie legen bei der Weiterentwicklung Ihrer Mannschaft den Schwerpunkt also darauf, Fehler immer weiter zu vermeiden – und nicht, um kreativere und risikoreichere Lösungen bei Ballbesitz zu finden?

Es geht darum, wenn man mehr Risiko im Spielaufbau auf sich nimmt – wie wir das mittlerweile tun, weil wir häufiger in Ballbesitz sind –, dieses Risiko aber trotzdem überschaubar zu halten. Sonst wäre es Harakiri-Fußball.

Bei manchen Teams, wie bei Borussia Dortmund, passiert das aber.

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