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RB Leipzig im Viertelfinale : „Da ist die Hütte explodiert“

Beflügelt ins Viertelfinale: Timo Werner (links) verfolgt Torschütze Marcel Sabitzer zum Jubeln. Bild: EPA

Trotz der Ausbreitung des Coronavirus spielt Leipzig in einem vollen Stadion – und zieht nach einem 3:0-Sieg über Tottenham ins Viertelfinale der Königsklasse ein. Die Begeisterung ist enorm. Nur ein Mal ist es ganz ruhig.

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          Kurz nach der Halbzeit war es plötzlich ruhig im Leipziger Fußballstadion. Das lag nicht daran, dass das Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen die Tottenham Hotspur, das der Klub aus der Bundesliga mit 3:0 gewann, auf einmal doch noch als Geisterspiel wegen des Coronavirus deklariert worden wäre. Vielmehr war der Leipziger Nordi Mukiele, nachdem er den Ball aus kurzer Distanz ins Gesicht bekommen hatte, zusammengesunken. Mitspieler und der Schiedsrichter zeigten sofort, dass Mukiele Hilfe braucht. Die bekam er von Ärzten und wurde nach stillem Bangen der Fans und Kollegen auf einer Trage vom Rasen gebracht.

          Champions League
          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          In der Nacht meldete sich Mukiele via Twitter aus dem Krankenhaus. „Ein kleiner Schreck, aber wen kümmert das schon?“, schrieb der Spieler und zeigte sich mit erhobener Siegerfaust noch im Trikot im Bett der Klinik. „Das Wichtigste ist etwas anders: ein historisches Weiterkommen und ein unglaubliches Gefühl.“ Es ging dem Franzosen offensichtlich wieder besser. Das bestätigte Julian Nagelsmann. „Ihm geht es gut, er weiß, dass wir gewonnen haben“, sagte der Trainer nach dem Sieg durch die Tore von Marcel Sabitzer (10. und 21. Minute) sowie Emil Forsberg (87.). Durch das 1:0 im Hinspiel vor drei Wochen in London zogen die Leipziger insgesamt hochverdient ins Viertelfinale ein.

          „Das war ein großer Moment in der Geschichte unseres Klubs und auch für mich als Trainer“, sagte Nagelsmann. „Es war total verdient, dass wir gegen Tottenham in die nächste Runde eingezogen sind. Wir haben beide Spiele kontrolliert, haben insgesamt vier Tore erzielt und keines kassiert.“ Vor allem in der ersten Halbzeit in Leipzig war RB vom Klub aus England nicht zu stoppen. Herausragend dabei war Sabitzer, nicht nur, weil er die beiden Treffer erzielte. Der Österreicher, bereits seit 2014 beim emporgestiegenen Klub aus Sachsen, zeigte im Mittelfeld eine starke Leistung.

          „Das vergisst man nicht so schnell“, sagte Sabitzer, der die Kapitänsbinde trug. „Wir haben über beide Spiele eine sehr gute und reife Leistung gezeigt und sind absolut verdient weitergekommen.“ Es sei ein Abend für die Geschichtsbücher. „Den werde ich so schnell nicht mehr vergessen. Das wird mir noch einige Male durch den Kopf gehen.“ Erstmals steht RB Leipzig, erst 2009 gegründet, unter den besten acht Klubs der Königsklasse. „Das ist unsere zweite Saison in der Champions League. Wir sind nicht mit dem Ziel gestartet, dass wir ins Viertelfinale kommen müssen“, sagte Geschäftsführer Oliver Mintzlaff. Nun haben sie es doch geschafft. „Das ist großartig.“

          Auf dem vorläufigen Höhepunkt angekommen blickte auch Sabitzer an diesem besonderen Abend zurück. Er erinnerte unter der Dusche an Zeiten in der zweiten Bundesliga, die noch gar nicht allzu lange zurückliegen. „Wir haben uns darüber unterhalten, dass wir vor vier Jahren hier gegen Sandhausen 0:1 verloren haben“, berichtete er vom Kabinengespräch. „Und jetzt schlagen wir Tottenham insgesamt 4:0.“ Die Spurs standen im vergangenen Juni immerhin noch im Finale des höchsten europäischen Wettbewerbs für Vereinsmannschaften. Auch wenn die Spurs seitdem viel schwächer geworden sind und etliche Ausfälle zu beklagen hatten, beeindruckte die Leipziger Leistung.

          „Gemessen an dem Rahmen, war das eine sehr reife Leistung“, sagte Trainer Nagelsmann. Denn der „Rahmen“ war tatsächlich ein außergewöhnlicher: Die Partie fand in einem vollbesetzten Stadion statt. Wegen des Coronavirus wurden am Spieltag für die Bundesliga und weltweit Partien ohne Zuschauer beschlossen, um der Ausbreitung der Lungenkrankheit entgegenzuwirken. In Leipzig hatten örtliche Behörden anders entschieden. Geschäftsführer Mintzlaff rechtfertigte den Schritt: „Wir hatten bei Spielbeginn vier Infizierte in Leipzig. Da hat die Gesundheitsbehörde völlig richtig entschieden.“

          Kritik wollte er kurz vor Mitternacht nach einem so oder so speziellen Abend für seinen Verein nicht an sich heranlassen. „Dass das ein Thema ist, mit dem wir uns beschäftigen müssen, ist für mich ok. Ich freue mich übers Viertelfinale und lege mich heute ins Bett und denke nicht über Corona nach, sondern denke, yes, wir haben es geschafft.“ Von diesem Mittwoch an aber muss auch Mintzlaff der Realität, die weit über ein Fußballspiel hinaus wirkt, ins Auge sehen und wird das auch. „Es ist eine Ausnahmesituation, da hat keiner Erfahrungen. Wir müssen gucken, dass wir die richtige Entscheidung treffen“, sagte er mit Blick auf die Zuschauerzulassung für das nächste Bundesliga-Heimspiel gegen Freiburg.

          So weit wollten auch die Spieler am Abend des Triumphs nicht denken. „Es war ein großer Fußballabend mit einer super Atmosphäre“, sagte Dayot Upamecano. „Wir haben gegen ein Top-Team aus England in zwei Spielen kein Gegentor zugelassen und beide Duelle gewonnen. Diese Leistung macht uns stolz.“ Auch Doppeltorschütze Sabitzer genoss zuvorderst die Stimmung mit gut 42.000 Fans im ausverkauften Stadion: „Beim 1:0 ist die Hütte explodiert, ein paar Minuten später fällt das 2:0. Das sind Emotionen, das trägt.“ Auf die muss nicht nur Sabitzer wohl in der nächsten Zeit in einem Fußballstadion verzichten.

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