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Paris in Champions League : „Es war ein verrücktes Spiel“

Der Dank des Trainers ist ihm gewiss: Thomas Tuchel (rechts) bedankt sich bei Kylian Mbappé. Bild: dpa

Paris ist fast ausgeschieden und schafft es doch ins Halbfinale der Champions League. Der Siegtorschütze ist ein alter Bekannter. Und Thomas Tuchel ist am Ende kaum zu halten – trotz seiner Verletzung.

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          Thomas Tuchel ballte beide Fäuste und schrie seine Freude hinaus ins fast leere Stadion von Lissabon. Als alles nach einem weiteren bitteren Aus für den Paris Saint-Germain Football Club aussah, drehte die Auswahl des deutschen Trainers das Viertelfinale der Champions League durch zwei Tore in den letzten Minuten doch noch und gewann mit 2:1. Am Tag des 50. Geburtstag des Vereins machte sich die Mannschaft selbst das größte Geschenk. Erst glich Marquinhos aus (90. Minute), dann erzielte der eingewechselte frühere Bundesligaspieler Eric Maxim Choupo-Moting (90.+3) gar noch in der regulären Spielzeit den Siegtreffer. Mario Pašalić (26.) hatte  Außenseiter Atalanta Bergamo in Führung gebracht.

          Champions League
          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Die Dramaturgie hatte viel vom Finale 1999, als der FC Bayern sich schon bereitmachte zur Feier und dann von Manchester United mit zwei Toren in der Nachspielzeit aus allen Träumen gerissen wurde. Am Mittwochabend ging es im Estadio Da Luz zwar noch nicht um eine Trophäe, aber doch um viel. Paris hatte trotz der immensen finanziellen Aufwendungen, die die Besitzer aus Qatar seit 2011 in den Verein gepumpt haben, vor 25 Jahren letztmals ein Halbfinale der Königsklasse erreicht. Und lange sah es danach aus, als käme in dieser Saison eine weitere schlimme Enttäuschung hinzu.

          Zig Titel hat der französische Dominator in seiner Heimat in den vergangenen Jahren gewonnen. In dieser Saison kamen mit Meisterschaft, Pokalsieg, Ligapokal und Supercup vier weitere dazu. Doch all die glänzenden Pokale aus Frankreich werden zur Gewohnheit. Einzig der Titel im Europapokal der Pokalsieger 1996 steht für Paris international zu Buche. Nun soll es endlich mehr sein. „Wir haben die Champions League nie gewonnen“, sagte Siegtorschütze Choupo-Moting, der in Hamburg geborene Deutsch-Kameruner. „Wir haben schon vier Trophäen gewonnen, aber diese ist die wichtigste.“

          Dass das beim Finalturnier in Portugal, das wegen der Corona-Pandemie verspätet und in einfachem Modus mit nur einem Spiel pro Runde vor leeren Zuschauerrängen ausgetragen wird, weiter möglich ist, lag in großem Maße an Choupo-Moting, der den Ausgleich mit einer Flanke einleitete, und das zweite Tor aus kurzer Distanz selbst erzielte. „Es war ein verrücktes Spiel“, sagte der Stürmer, der einst für den Hamburger SV, Nürnberg, Mainz und Schalke in der Bundesliga spielte. „Es war hart gegen einen harten Gegner.“ Das war Bergamo in der Tat. 29 Fouls zählten sie Statistiker.

          Mit der Spielweise, die nicht brutal war, aber immer wieder durch kleine Regelwidrigkeiten den Spielfluss von Paris störte, wollte Atalanta den Gegner nerven. Und das gelang – bis in die Nachspielzeit. Neymar, der beste Spieler auf dem Rasen, tat seinen Unmut über die Art der Italiener mehr als ein Mal kund. Doch schließlich besann sich der lamentierende Brasilianer auf seine Qualität als Fußballspieler und war maßgeblich an beiden Toren beteiligt. Erst spielte er einen genialen Pass auf Vorlagengeber Kylian Mbappé beim 1:1, dann legte er Choupo-Moting selbst final vor. „Er ist außergewöhnlich, das habe ich schon immer gesagt“, lobte Tuchel Joker Choupo-Moting.

          „Als ich hereinkam, dachte ich: ‚Wir können nicht verlieren, so können wir noch wieder nach Hause fahren‘“, sagte Choupo-Moting, der wie der deutsche Nationalspieler Julian Draxler eingewechselt worden war. Tuchel verfolgte die Partie auf einer hellblauen Tonne sitzend. Vergangene Woche hatte er sich einen Mittelfußbruch zugezogen. Als sich in der Schlussphase die Ereignisse überschlugen, hielt auch ihn nichts mehr. Jubelnd auf einem Bein stand er in seiner Coaching Zone. „Wir haben ein sehr, sehr starkes Spiel gemacht“, sagte Tuchel. „Das Weiterkommen ist absolut verdient, auch wenn wir am Ende Glück hatten. Manchmal ist von außen schwer zu verstehen, wie viel Arbeit da drinsteckt. Das ist ein großer Erfolg und ein sehr, sehr großer Schritt für uns.“

          Auch für Tuchel persönlich ist der späte Sieg viel wert. Der Erfolgsdruck in Paris ist immens. Ein Aus gegen Außenseiter Bergamo hätte seine Position geschwächt. Jedes Mal, wenn der Klub international sein Ziel nicht erreicht, gerät in der französischen Hauptstadt der Trainer in die Diskussion, da können noch so viele nationale Titel für die Vitrine eingesammelt worden sein. Nun winkt sogar der Einzug ins Endspiel. Im Halbfinale wartet RB Leipzig oder Atlético Madrid, die an diesem Donnerstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, bei Sky und DAZN) in ihrem Viertelfinale spielen.

          Ob am kommenden Dienstag im Kampf um das Finale Keylor Navas dabei sein kann, ist unsicher. Der Torwart aus Costa Rica musste mit Problemen im Oberschenkel ausgewechselt werden. Mbappé, der flinke Weltmeister, war nach einer Verletzung immerhin bereit, um nach einer Stunde Spielzeit zu kommen. Mit Neymar riss er das Spiel an sich und war maßgeblich an der Wende beteiligt. Angel Di Maria, der gegen Bergamo gesperrt fehlte, steht nun auch wieder zur Verfügung. „Es ist nur noch ein Spiel bis zum Finale“, sagte Neymar. „Wir werden alles geben. Wenn wir so eine Mentalität wie heute zeigen, ist es schwer, uns zu schlagen.“

          Auch Präsident Nasser al-Khelaifi strahlte am späten Abend in Lissabon ob der Erfolgs, durch den der Qatarer dem großen Ziel Champions-League-Sieg nahekommt. „Es ist ein ganz besonderer Tag für uns, einfach großartig“, sagte er. Genau solch einen Sieg habe es gebraucht, um die Kritiker in Paris zu überzeugen, sagte al-Khelaifi. „Nach dem Abbruch der Meisterschaft war es nicht leicht, jetzt bin ich sehr stolz.“ Doch das Werk ist noch nicht vollendet. Ein Aus im Duell im Halbfinale – und all die Glückseligkeit und der Stolz weichen der lange bekannten europäischen Ernüchterung, die das Geburtstagskind vom Mittwoch schon so oft erlebt hat.

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