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Wolfsburg-Kommentar : Die Tore fallen am Fließband

Erfolgreicher Auftakt: Julian Draxler schießt Wolfsburg zum Sieg in der Champions League. Bild: AFP

In Dortmund kommen 80.000 Fans zu einem Abschiedsspiel, in Wolfsburg nicht einmal 20.000 zur Champions League. Das hat Gründe. Die Lücken im Stadion sind dennoch hässlich und imageschädlich.

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          Vielleicht sollte es Wolfsburg demnächst einfach mal mit Lionel Messi versuchen. Und wenn man dafür nicht gleich eine Milliarde auf den Tisch legen müsste, wäre es schon mal einen Versuch wert, ob es nicht das ungekrönte Haupt des Weltfußballs ganz alleine schafft, woran nun die europäische Königsklasse in der Autostadt nach sechs Jahren grandios gescheitert ist: ein Fußballstadion in der Provinz zu füllen.

          Schlimmer als jeder Gegentreffer in der Vorsaison dürfte den Werksklub bei seinem Comeback in der Champions League das Rendezvous mit der Realität auf den Rängen getroffen haben. Nicht einmal zwanzigtausend Zuschauer wollten live mitansehen, wofür das Team von Trainer Hecking ein Jahr lang in der Bundesliga regelmäßig über sich hinausgewachsen war – und Volkswagen und der Klub immer wieder Zigmillionen investieren.

          Während in Städten wie Hamburg, Frankfurt, Stuttgart oder Köln die Anhänger ihren Klubs schon im Vorverkauf die Bude einrennen würden, wurden dem Werksklub gegen ZSKA Moskau die Grenzen seiner emotionalen Wachstumsphantasien aufgezeigt. Ganz zu schweigen von Dortmunder Verhältnissen, wo zuletzt 80.000 Fans zum Abschiedsspiel von Dede pilgerten. Das Traumziel Champions League erschien in Wolfsburg daher am Dienstagabend trotz des 1:0-Siegs wie eine Endstation – und nicht als Anfang auf dem Weg zu noch höheren Zielen.

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          Der Automobilkonzern begründet sein Engagement beim VfL Wolfsburg stets und vor allem als Maßnahme für das Standortmarketing. Die Anziehungskraft aber selbst dieses ungewöhnlich starken Teams, das wurde schon in der Vorsaison in der Europa League deutlich, reicht meist gerade so, um an Bundesliga-Wochenenden die dreißigtausend Stadionplätze in der 125.000-Einwohner-Stadt zu füllen.

          Kenner der Verhältnisse im Werk und im Werksklub verweisen bei der Ursachenforschung, weshalb sich an internationalen Fußballabenden so hässliche und imageschädliche Lücken im Stadion auftun, neben dem dünnen Fan-Umland auch auf die Dienstzeiten am Stammsitz. Spät- und Nachtschicht bei Volkswagen wechseln sich um 22 Uhr. Also mitten in der zweiten Halbzeit. Darüber wurde schon in der Champions-League-Saison 2009/10 geklagt.

          Und so fielen und fallen in Wolfsburg an europäischen Abenden die Tore offenbar tatsächlich und buchstäblich am Fließband. Aber eben nicht, wie von Volkswagen und dem Werksklub erträumt, in seiner schicken Fußballarena. Sondern nebenan für Tausende Anhänger nur im Werk. Aber man darf sicher sein: Auch daran wird man in der großen Auto- und der kleinen Fußballstadt Wolfsburg in Zukunft arbeiten.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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