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Bayern München : Wer ist Mario Götze wirklich?

Mario Götze und der FC Bayern – alles nur ein Irrtum? Bild: dpa

Immer wieder wird Mario Götze mit Lionel Messi verglichen. Doch der Wechsel des Wunderkinds zu Bayern und Pep Guardiola hat sich nicht ausgezahlt. Vor dem Spiel in Barcelona mehrt sich die Kritik an Götze.

          3 Min.

          Immer wieder dieser Name. „Guardiola will aus dir den neuen Messi machen.“ Und: „Zeig der Welt, dass du besser bist als Messi.“ Zwei Zitate, die Mario Götze in seiner Karriere gehört hat. 2013 vom FC Bayern, 2014 vom Bundestrainer. Zwei Vergleiche mit dem Größten des Fußballs. Sie zeigten Wirkung. Er wechselte aus Dortmund zu den Bayern. Er schoss das Tor zum WM-Sieg, gegen Argentinien, gegen Messi.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          An diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker auf FAZ.NET), im Champions-League-Halbfinale in Barcelona, wird er Messi wieder begegnen, sofern Pep Guardiola das will. Sicher ist das nicht. Das frühere Wunderkind hat nach dem Wechsel zu den Bayern nicht die Entwicklung genommen, die seinem Potential zu entsprechen schien. Trainer Guardiola, dem die Bosse damals den Wunschspieler Neymar aus- und Götze einredeten, zog ihm im Pokalhalbfinale gegen Dortmund sogar den Reservisten Mitchell Weiser, dann den Rekonvaleszenten Arjen Robben vor. Erst durch dessen abermalige Verletzung kam er spät ins Spiel und durfte sich am Elfmeter-Debakel beteiligen. Götze und Bayern, die Geschichte eines Irrtums? Oder: Götze und Guardiola, eine Beziehung, die nicht funktioniert?

          Mit dem Treffer im WM-Finale wurde Götze weltberühmt Bilderstrecke

          Guardiola liebt Spieler, die auf seine Ideen eingehen und den Willen erkennen lassen, ständig zu lernen, sich weiter zu verbessern. Zu Götze, der es mit seiner maskenhaften Coolness jedem schwermacht, diesen Eigenantrieb erkennen zu lassen, hat der Trainer offenkundig kein Vertrauen gefunden. Zuletzt behandelte er ihn fast wie einen Fremden in seiner Familie.

          Vielleicht ist die Distanzierung, ja Degradierung aber auch als Motivation für einen großen Götze-Moment gedacht, wie ihn die dezimierten Bayern in Barcelona brauchen können. Aber funktioniert ein Götze wirklich nur wie ein launischer, spätpubertärer Joker? Einer, den man bestrafen muss, um ihn zu trotzigen Großtaten zu bringen? Sein BVB-Jugendtrainer Hyballa machte das schon so, er ließ den 16-Jährigen in einem wichtigen Spiel auf der Bank, um ihn dann einzuwechseln mit den bekannt klingenden Worten: „Jetzt zeig, dass du der Beste bist.“ Es half, wie sechs Jahre später in Rio.

          Aber hat der WM-Siegtreffer Götze wirklich geholfen? Er müsse „aufpassen, zukünftig nicht nur auf diesen Treffer reduziert zu werden“, sagte der Torschütze. Die anderen deutschen WM-Siegschützen waren nicht gerade Glückspilze im späteren Leben, Helmut Rahn 1954, Gerd Müller 1974, Andreas Brehme 1990, sie alle hatten irgendwann finanzielle Probleme, die allerdings einem Star der Generation Götze erspart bleiben dürften. Auf Platz 20 in der Geldliste, die das Fachmagazin „France Football“ alljährlich für die Kicker-Branche ermittelt, ist er mit 16,9 Millionen Euro an Gehalt, Prämien und Werbeeinnahmen der bestverdienende deutsche Fußballer, mit 22 Jahren. Die Zielgruppe, die er erreicht, ist jung und deshalb attraktiv. Seinen zehnmillionsten Facebook-Fan will er mit einem selbstgebackenen Kuchen begrüßen.

          Der Schwung von Rio hielt nicht lang vor. In den ersten Saisonmonaten war er der formstärkste WM-Held, in der Rückrunde wurde der Strahlemann immer mehr zum Schattenmann. Seit zehn Einsätzen ist er ohne Tor. In seinen letzten 18 Bundesligaspielen traf er nur beim 8:0 gegen Hamburg im Februar. In den anderen 17: null Tore, eine Torvorlage. Am Samstag durfte er wieder einmal neunzig Minuten spielen, in Leverkusen. Er wirkte völlig neben sich: zweimal allein vor Torwart Bernd Leno, zweimal kläglich und kraftlos gescheitert. Nach der 0:2-Niederlage gab er einen typischen Götze-Satz ab, so seltsam blutleer und steif, wie er selbst nach dem Goldenen Tor von Rio geklungen hatte: „Wenn wir unsere Torchancen machen, gerade in meiner Person, dann sieht das auch anders aus.“

          Seit Thiago Alcántara wieder fit ist, der andere Jungstar, der 2013 kam, wird immer deutlicher, was die Bayern an Götze vermissen. Thiago hat eine Spritzigkeit, Spielfreude, Einsatzbereitschaft, die ansteckend wirkt. Götze hatte das auch einmal, aber das war in Dortmund. In seinen 88 Spielen für die Bayern hat er weniger Wirkung erzielt als Thiago in 34.

          Gerade in der Generation der Altmeister mehrt sich die Kritik. Lothar Matthäus sagte bei „Sky“, Thiago sei Götze „sehr weit voraus“. Dietmar Hamann erklärte bei „Spiegel online“, dass Götze „einfach nicht nach München passt“. Und Stefan Effenberg fand im „Kicker“, Götze fehle „das 100-prozentige Vertrauen des Trainers“, empfahl aber: „Ein Jahr sollte man ihm noch geben.“ Götzes Vertrag läuft bis 2017, der von Guardiola bis 2016. Sollten die Bayern sich auf einen Verkauf einlassen, es wäre ein Verstoß gegen die vereinstypische personelle und finanzielle Vernunft, die das Wirken von Uli Hoeneß prägte.

          Hoeneß wusste stets: Es gibt einen FC Bayern nach dem Trainer, den man gerade hat, und sei er der beste der Welt. Die Bayern wollen Guardiola über 2016 hinaus halten. Aber sollte er darauf nicht eingehen, wäre es unklug, den Kader komplett auf ihn auszurichten. Und einen Spieler wegzuschicken, der erst 22 ist und, auch nach zwei ziemlich verlorenen Jahren, immer noch das Kronjuwel des deutschen Fußballs. Wollte Guardiola aus Götze wirklich den neuen Messi machen? Hat Götze mit seinem Tor Joachim Löw wirklich gezeigt, dass er besser ist als Messi? Zwei Zitate, zwei Irrtümer. Mario Götze muss immer noch zeigen, wer er wirklich ist.

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