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Maccabi Tel Aviv : Morgens Bunker, mittags Fußballplatz

  • -Aktualisiert am

Eran Zahavi ist der große Star von Maccabi Tel Aviv. Bild: AFP

Nach elf Jahren gelingt Maccabi Tel Aviv die Rückkehr in die Champions League. Doch der Fußball in Israel wird immer wieder vom politischen Alltag beschädigt. Ein Deutscher hat das hautnah miterlebt.

          „Dreißig bis vierzig Tore. Wettbewerbsübergreifend. In jeder der vergangenen beiden Spielzeiten.“ Wenn Michael Nees über Eran Zahavi spricht, gerät er ins Schwärmen. Der offensive Mittelfeldspieler von Maccabi Tel Aviv ist in Israel „der alles überragende Spieler, ohne den Maccabi nicht in der Champions League spielen würde“. Bis zum vergangenen Juni arbeitete Nees als technischer Direktor und U-21-Nationaltrainer beim israelischen Verband.

          Vor zwei Jahren hatte der einen erfahrenen Sportdirektor mit internationalem Format gesucht – am liebsten einen aus Deutschland, weil der „deutsche Fußball in Israel einen hervorragenden Ruf hat“. Nees passte ins Anforderungsprofil des Verbandes. Und weil sein Vertrag als technischer Berater beim südafrikanischen Fußballverband ausgelaufen war, passte das Engagement auch in dessen Planung.

          An diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) trifft Maccabi Tel Aviv auf den FC Chelsea. Der FC Porto und Dynamo Kiew sind die anderen beiden Mannschaften in der Gruppe G, die für Tel Aviv „sehr schwierig“ sein wird. Umso mehr ist Nees gespannt, wie sich Maccabi schlägt: „Chelsea und Porto werden die ersten beiden Plätze belegen“, ist er sich sicher. „Doch mit Kiew könnte Tel Aviv auf Augenhöhe spielen.“

          Seit drei Jahren beherrscht die Mannschaft den israelischen Klubfußball nach Belieben. Seit 2010 ist der Verein im Besitz des kanadischen Unternehmers Mitchell Goldhar. Vor drei Jahren übernahm Jordi Cruyff, Sohn der niederländischen Fußball-Legende Johan Cruyff, bei Maccabi Tel Aviv den Posten des Sportdirektors. Seitdem „geht es mit dem Klub stetig bergauf“.

          Bis zum vergangenen Juni arbeitete Michael Nees als technischer Direktor und U-21-Nationaltrainer beim israelischen Verband. (Bild von 2006)

          Die nationale Stellung und die Professionalität in den Vereinsstrukturen können durchaus einem Vergleich mit Bayern München standhalten, sagt Nees, der als Jugendnationaltrainer zu Maccabi viel Kontakt hatte. Die Rückkehr in die Gruppenphase der Champions League nach elf Jahren „ist der verdiente Lohn der vergangenen Jahre“.

          Doch der Fußball in Tel Aviv und in Israel wird immer wieder vom politischen Alltag beschädigt. Im vergangenen Jahr, zur Zeit des bislang letzten Gaza-Kriegs, war ein geregelter Spielbetrieb nicht möglich. „Diese Wochen haben den israelischen Fußball in dessen Entwicklung weit zurückgeworfen“, blickt Nees auf die Zeit zurück, in der er mit den Junioren-Nationalmannschaften dem Krieg Tribut zollen musste: Die U21 verpasste die Qualifikation zur Europameisterschaft, und die U19, die sich zuvor das erste Mal für die EM qualifiziert hatte, scheiterte knapp an der Qualifikation zur U-20-Weltmeisterschaft.

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          „Der Liga-Start musste verschoben werden. Die Spieler hatten keine Spielpraxis und waren mit ihren Gedanken auch nicht zu hundert Prozent beim Fußball“, sagt der gebürtige Karlsruher. Die Stimme des 48-Jährigen klingt aufgewühlt, als er über den Juli und August des vergangenen Jahres spricht. Es waren die Wochen, in denen „die Arbeit und das Leben in Israel etwas unangenehm waren“. „Morgens“, erinnert sich Nees, „mussten wir oft in den Luftschutzkeller. Mittags sind wir dann ganz normal unserer Arbeit nachgegangen und haben Fußball gespielt.“ Bis auf die sechs Wochen im Sommer habe er sich in Israel aber „so sicher gefühlt wie hier in Deutschland“.

          Dass in der vergangenen Woche die palästinensische Nationalmannschaft im Westjordanland erstmals seit vier Jahren wieder ein Heimspiel austragen konnte, wertet Nees als ein kleines, positives Signal in dem politischen Konflikt, der schon „durch Nuancen entfacht oder beruhigt werden kann“. Genehmigte doch die israelische Regierung das Heimspiel der Palästinenser gegen die Vereinigten Arabischen Emirate im Westjordanland, indem sie sowohl die Einreise der palästinensischen Spieler aus dem Gazastreifen als auch die des Gegners, zu dem Israel keinerlei diplomatische Beziehungen unterhält, akzeptierte.

          Schon in der Qualifikation beeindruckte Zahavi durch seine Treffsicherheit.

          „Wenn sich Palästinenser und Israelis über den Fußball verständigen, kann das viel bewirken. Der Fußball kann Maßstäbe setzen“, sagt Nees, bevor er nachdenklich anfügt: „In beide Richtungen.“ Wegen der Besetzung des Gazastreifens hatte der palästinensische Verband im Mai bei der Fifa einen Antrag auf eine Suspendierung des israelischen Verbandes eingereicht. Ohne Erfolg, aber mit diplomatischen Verstimmungen einhergehend.

          Beim Fifa-Kongress am 29. Mai zog Palästina den Antrag auf Bitten zahlreicher internationaler Verbände erst kurz vor der geplanten Abstimmung über einen Ausschluss Israels zurück. Trotzdem war „die Situation für die Planung von längerfristigen Projekten schwierig für den israelischen Fußballverband.“ In dieser Zeit, erzählt Nees, habe man gesehen, welche Rolle der Fußball in der Region und bei den „sportverrückten Einwohnern“ spielt.

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          Neben Basketball, in dem israelische Mannschaften in der Vergangenheit auf Vereinsebene große internationale Triumphe gefeiert haben, ist auch Fußball Volkssport. „Die Emotionalität stellt den Fußball über den Basketball.“ Und macht ihn deshalb mitunter auch zum Politikum. Man dürfe nicht, warnt Nees, alle politischen Probleme auf den Sport abwälzen. Auch deshalb habe er sich während seiner Zeit als Verbandsfunktionär bei politischen Diskussionen stets zurückgehalten.

          Im Juni dieses Jahres lief Nees’ Vertrag aus. Auf eine Verlängerung konnten sich beide Seiten nicht einigen - auch weil der Verband in den vergangenen Jahren seine Ausgaben drastisch reduzieren musste. Ob er sich irgendwann einmal eine Rückkehr nach Israel vorstellen könne? Auf jeden Fall, sagt Nees. Als Trainer und Privatmann sei er willkommen, ist er überzeugt.

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