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Liverpools Treffer zum 4:0 : Das war Theater

  • -Aktualisiert am

Trent Alexander-Arnold lieferte die Vorlage zu einem besonderen Tor. Bild: Reuters

Mitten in dieser berauschenden Nacht waren plötzlich alle paralysiert – nur scheinbar. Das 4:0 des FC Liverpool gegen den FC Barcelona hatte mehr von Theater als Fußball.

          Wo beginnen, wenn es darum geht, ein Tor zu beschreiben, das nicht zum Fußball gehört, sondern vielmehr einer theatralischen Inszenierung anmutet? Vielleicht beim Ort des Geschehens, der in diesem Fall der falsche Ort ist, weil in einem Fußballstadion wie dem der Anfield Road, Fußball erwartet wird – und kein Theater, wie es der Spitzname der Arena des Erzrivalen des FC Liverpool, Manchester United, ist, die ihre Heimspiele im „Theater of Dreams“ austragen – also im Theater der Träume. Denn das, was die Zuschauer, beim Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona in ihrem ohnehin schon ekstatischen Zustand erlebten, das entscheidende 4:0, das zum Erreichen des Finals nötig war, war zwar im formalen Sinne ein fußballerisches Tor, ein Spieler beförderte den Ball über die Linie des gegnerischen Tores, aber es war doch noch so viel mehr, traumhaftes Theater.

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          Ein Eckball. Liverpools Spieler Trent Alexander-Arnold lässt sich Zeit, wartet bis sein Mitspieler Xherdan Shaqiri auf ihn zukommt. Der schaut teilnahmslos auf den Boden, als wäre er nicht anwesend, als würde er sich eine Pause genehmigen. Und so tun es auch seine Mitspieler. Niemand verweilt ihm Strafraum Barças, also dort, wo sich normalerweise alle Spieler in Erwartung eines hineingeflogenen Balles tummeln – und so wie es in den sechs Ecken zuvor der Fall gewesen war, exakt angeordnet, so wie es im Training üblicherweise einstudiert wird – der Verteidiger zwischen eigenem Tor und Gegner.

          Doch jetzt, alles anders. Die Liverpooler Angreifer stehen auf der Höhe der Sechzehnmeterlinie, weit vom Tor entfernt. Die Situation: ungefährlich. So scheint es, und das sollen die Spieler des FC Barcelona denken, die „Reds“ lassen sich Zeit, eine Verschnaufpause in der Hektik des bisherigen, 79 Minuten andauernden, Heavy-Metal-Fußballs. Doch für den FC Barcelona soll der Schein trügen. Der Kloppsche Heavy-Metal hat keine Pausen vorgesehen, sondern nur filigrane, klug ausgedachte Riffs, Gitarrensolos, die unerwartet kommen, nicht eingeplant, scheinbar improvisiert.

          Barças Spieler scheinen in diesem Moment paralysiert, weil Liverpools Mannschaft so agiert, als sei auch sie es. Als hätte sie gerade keine Lust auf diesen Eckball. Shaqiri trottet mit gesenktem Blick zur Eckfahne, eine kurze Eckballvariante antäuschend. Divock Origi, der gleich das Tor erzielen wird und als einziger Angreifer im Strafraum platziert ist, schaut erst gar nicht in Richtung Ball, signalisiert dem Verteidiger: das dauert noch ein bisschen. Derweil klatscht Marc-André ter Stegen, der Torhüter der Katalanen in die Hände, will seine Vordermänner nochmals motivieren, als ein Kommando kommt und die Inszenierung ihren Höhepunkt erreicht.

          Alexander-Arnold, der Shaqiri den Eckball überlassen wollte, kehrt blitzartig um, flankt präzise in Richtung Origi an den ersten Pfosten, und der vollendet, vollkommen freistehend. Die Abwehr steht im Nirgendwo, irgendwo auf Höhe der Sechzehnmeterlinie, wild angeordnet in der Nähe der anderen Gegenspieler, die durch ihre Positionierung den Weg für dieses Zauberwerk von Tor freigemacht haben, das den Fußball mit dem Theater in Einklang bringt. Es aussehen lässt, als wären hier nicht nur Fußballer, sondern auch Schauspieler am Werk. Eingeflogen aus Hollywood. Für den LFC muss es sich angefühlt haben, als stände er auf einer Theaterbühne, einer Bühne, der einen großen Traum erfüllte, das diesjährige Champions-League-Finale. Vielleicht also, nur für den einen Moment, waren sie doch am richtigen Ort, an einem heiligen: dem Theater der Träume.

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