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Paul Pogba von Juventus Turin : Ein neuer Zidane, ein neuer Platini

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Die Experten sind sich einig: Paul Pogba steht vor einer großen Zukunft Bild: AFP

In Manchester verkannte man Paul Pogba einst. Vor dem Spiel mit Juventus Turin in Dortmund an diesem Mittwoch (20.45 Uhr) wurde er indes schon mit ganz Großen des Fußballs verglichen.

          Es ist März 2013, als Frankreichs Nationaltrainer Didier Deschamps in Turin anruft und sich bei seinem Kollegen Antonio Conte nach einem Spieler erkundigt, den er in sein Auswahlteam holen will. Er erhält einen Rat, den auch Alex Ferguson gut hätte gebrauchen können, der bei Manchester United einst verkannt hatte, was für den Italiener Conte offensichtlich ist: dass in seinen Reihen eines der größten Talente des Weltfußballs steht. „Dieser Junge ist kein Spieler für die Zukunft, seine Zeit ist jetzt“, sagt der damalige Trainer von Juventus Turin also an jenem Frühjahrstag am Telefon über den 19 Jahre alten Paul Pogba und rät: „Lass ihn spielen!“

          Und Deschamps lässt ihn; nominiert den Novizen für das Qualifikationsspiel zur WM 2014 gegen Georgien und vier Tage später, zur nationalen Überraschung, auch für die Partie gegen Weltmeister Spanien. Gemeinsam mit Raphaël Varane, dem anderen Nachwuchswunder der Franzosen, steht Pogba in der Startelf gegen die damals offiziell noch beste Mannschaft der Welt. Schon da zeigt sich: Pogba ist ein Spieler im Vorwärtsgang, einer, der das Spiel mit seiner überragenden Technik schnell und gefährlich machen kann.

          Aber auch einer, der noch viel lernen muss. Im Rausch des eigenen Genies, das an diesem Abend erstmals im großen internationalen Licht blitzt, überdreht der 20-Jährige und kassiert zwei Gelbe Karten in drei Minuten. „Das war hart, in meinem zweiten Spiel, im Stade de France mit Gelb-Rot vom Platz zu müssen. Heute kann ich sagen: Das war eine gute Lektion.“

          Wenn Pogba, der am Sonntag 22 Jahre alt wurde, in Italien etwas Entscheidendes hinzugelernt hat, dann ist es ein kompromissloser Zweikampfstil. In dieser Saison verletzte er beim 2:1-Sieg im Champions-League-Hinspiel gegen Borussia Dortmund Lukasz Piszczek so schwer, dass dieser jetzt mehrere Wochen ausfällt. Ins Rückspiel an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) geht Pogba nun Gelb-belastet und der BVB ohne seinen Rechtsverteidiger.

          In Turin nennen sie ihn die „Krake Paul“

          Leichter wird es dadurch für beide nicht. Für Dortmund nicht, da kaum etwas schwerer ist, als gegen italienische Mannschaften einen Rückstand aufzuholen, für Pogba nicht, da kämpferische Zurückhaltung keine seiner Stärken ist. Der Mittelfeldspieler ist einer, der keinen Ball verloren gibt. In Italien nennen sie ihn „Polpo Paul“, die Krake Paul, für seine Fähigkeit, jeden noch so unerreichbar scheinenden Ball vom Platz zu fischen.

          Ob trotz oder wegen seiner langen Beine, da ist sich niemand so sicher. Schussstärke und Ballgefühl des beidfüßigen 1,91-Meter-Mannes jedenfalls lassen seinen Nationaltrainer regelmäßig in Verzückung geraten. In einem Alter, wo andere noch als aufstrebende Talente gelten, ist Pogba, der vor der Abwehr genauso einsetzbar ist wie als Spielmacher, bereits ein kompletter Spieler.

          „Krake Paul“ wird Pogba genannt, hier sieht man auch, warum

          In Turin sehen sie ihn schon auf dem Weg in die Annalen des Vereins, in denen Michel Platini und Zinédine Zidane Ehrenplätze haben, jene Spieler, die der Franzose stets als Vorbilder nennt. Auch wenn sie ihn zu Hause lieber als neuen, besseren Patrick Vieira bezeichnen, den knüppelharten Strategen.

          Der Jungstar selbst macht kein großes Aufsehen um seine Person. Jubelt ihn die Presse in Italien oder Frankreich wieder einmal hoch, sagt er gerne; „Ich bin einer wie ihr, ich habe noch gar nichts gezeigt.“ Was so nicht stimmt. Pogba ist bereits zweimal italienischer Meister geworden, und es müsste schon sehr viel schieflaufen, damit in dieser Saison kein dritter Scudetto dazukommt. Allüren sind ihm dennoch fremd.

          In Turin hat Pogba einen Vertrag bis 2019

          Wer an einem Ort aufwächst, den die Menschen, die dort leben, als „Bronx-en-Brie“ bezeichnen, zumal in einer Sozialwohnung des Hochhausviertels, der muss sich wohl eine gute Bodenhaftung bewahren, damit er nicht abhebt, wenn es weit nach oben geht. Und für Paul Pogba aus Roissy-en-Brie bei Paris ging es sehr schnell nach oben. Bei Juve wird er nach seinem Ausbruch aus Manchester alsbald zum Stammspieler. Anders als in England, wohin Pogba mit 16 Jahren von der Jugendakademie in Le Havre gekommen war, unterschätzt ihn in Italien niemand. Auch in der Nationalmannschaft wird er schnell unentbehrlich: 2013 schon bester Spieler bei der U-20- Weltmeisterschaft, wird er in Brasilien prompt bester Nachwuchsspieler des A-Turniers.

          In Turin haben sie ihn vorsorglich mit einem Vertrag bis 2019 ausgestattet. Sicher ist sicher. Sein aktueller Marktwert liegt bei 50 Millionen Euro, die potentielle Ablösesumme deutlich höher. Den exklusiven Kreis jener Vereine, die sich einen wie Pogba überhaupt leisten können, hält das dennoch nicht ab, die Finger auszustrecken. Barcelona, Bayern und Real Madrid gehören dazu, bislang ohne Effekt. „Ich habe versprochen, mein Maximum für Juve zu geben, das mich groß gemacht hat, und denke gar nicht daran, zu wechseln“, sagt Pogba. Doch eines Tages, so viel scheint sicher, wird ein Klub die nötige Summe bezahlen. Nirgendwo dürften sie sich dann mehr ärgern als in Manchester - von dort wechselte Pogba ablösefrei.

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