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Juventus Turin : Die italienische Ü35-Auswahl

Vom Alter gezeichnet, von der Sonne gebräunt: Turins Altstar Andrea Pirlo denkt noch nicht ans Aufhören Bild: dpa

Fußball aglio e olio: Während sich ein Schweinsteiger in Deutschland mit 29 Jahren schon mal als „zu alt“ bezeichnet wird, stellt sich diese Frage im italienischen Fußball erst gar nicht. Die Spieler aus dem Süden Europas wollen einfach nicht aufhören.

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          Die Fußballsaison endet mit dem Finale der Champions League in Berlin (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker auf FAZ.NET). Aber was heißt schon: endet? Es folgen die WM der Frauen, die EM der U 21, die WM der U 20 läuft schon, und für alle, die dann immer noch nicht genug haben, wartet im Juli die WM im Beachsoccer. Das Einzige, was noch fehlt, wären Weltmeisterschaften der Senioren. Warum aber gibt es sie nicht, die Ü-35-WM? Vermutlich: Weil dann keiner eine Chance gegen die Italiener hätte.

          Luca Toni ist gerade mit 38 Jahren Torschützenkönig der Serie A geworden. Francesco Totti machte sich mit 38 zum ältesten Torschützen der Champions League. Alessandro del Piero ist mit 40 noch bei den Delhi Dynamos aktiv. Von den dunklen Künsten der Verteidigung hat gewiss Marco Materazzi nichts verlernt, der mit 41 ebenfalls nach Indien gegangen ist, als Spielertrainer.

          Modische Anzüge statt modische Ideen

          Und dann sind da natürlich Torwart Gianluigi Buffon, 37, und Regisseur Andrea Pirlo, 36, die nun in Berlin den FC Barcelona stoppen wollen. Sie haben, wie die anderen dieser Aufzählung, dort schon mal ein Endspiel gewonnen, das der WM 2006. Und sind immer noch aktiv, anders als die meisten Deutschen, deren „Sommermärchen“ sie damals im Halbfinale beendeten. Der Einzige aus dem deutschen Team von 2006, der heute über 35 ist und immer noch spielt, ist Miroslav Klose. Übrigens: in Italien.

          Woran liegt es? Am Olivenöl? Am dolce vita? Daran, dass man in bella Italia lieber modische Anzüge trägt als modische Ideen wie Pressing mitmacht? Die Verweigerung des taktischen Jugendwahns führt zu einem demographischen Gegenentwurf zum deutschen Fußball, wo sich ein Schweinsteiger schon mit 29 der Frage stellen musste, ob er nun nicht doch „zu alt“ sei. Einen Pirlo hat das in Italien noch nie jemand gefragt. Keiner verkörpert bis heute so elegant wie er den Gedanken, dass besser der Ball läuft als der Mensch.

          Natürlich ist auch Juventus ein laufstarkes Team, wofür aber eher hyperaktive Ausländer wie der Chilene Vidal oder der Schweizer Lichtsteiner zuständig sind. Der Rest der Elf, die im Finale ein Durchschnittsalter von wohl über dreißig haben wird, lebt von der Erfahrung, der Ruhe, der taktischen Reife, die schon immer italienische Tugenden waren.

          Bei aller Begeisterung über „Barça“ und den jugendlich geprägten Eroberungs- und Dominanzfußball, der zum modernen Ideal geworden ist - die Italiener zeigen, dass in diesem vielschichtigen Spiel immer auch noch die guten alten Mittel funktionieren können: die Kunst, sicher zu stehen, Fallen zu stellen, auf Fehler zu warten. Auch sie haben sich modernisiert, aber nur gerade so viel wie nötig. Ein wenig muss man sie dafür bewundern.

          Ob das gegen Messi & Co. reicht? Fraglich. Aber eine Ü-35-WM dürften sie mit diesen Spielern und Stärken sicher gewinnen. Während die früh gealterten Jungstars anderer Fußballnationen mit Anfang 30 schon vom Ende reden, wollen die Italiener einfach nicht aufhören. Man sieht es ihrem Spiel vielleicht nicht immer an, aber: Sie haben richtig Spaß daran.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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