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Juve-Trainer Allegri : Die bürokratische Ölsardine

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Guter Dinge: Juve-Trainer Massimiliano Allegri Bild: AFP

Massimiliano Allegri wird gern verspottet: Trotzdem führte er Juventus Turin zurück zu unverhoffter Blüte – und ins Finale der Champions League (20.45 Uhr). Dafür musste der italienische Trainer nur an ein paar entscheidenden Stellschrauben drehen.

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          Livorno, die Heimatstadt von Massimiliano Allegri, in der 1921 die Kommunistische Partei Italiens gegründet wurde, gilt bis heute als linke Hochburg in der Toskana. Über den Trainer von Juventus Turin wird hingegen gelästert, er komme etwas steif und ganz und gar unrevolutionär daher, etwa so wie ein Betriebswirt - zumindest wird Allegri in Italien als „aziendalista“ verspottet. Sich also immer wieder in seinem Leben am falschen Ort zu befinden dürfte deshalb kein unbekanntes Gefühl sein für diesen Trainer, der mit Juventus Turin im Finale der Champions League steht.

          Das gilt selbstverständlich nicht für das Endspiel an diesem Samstag in Berlin (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker auf FAZ.NET). Dass Allegri in seinem ersten Jahr als Juventus-Trainer neben Meisterschaft und Pokal auch noch dieses Finale gegen den FC Barcelona erreicht hat, ist größte Genugtuung für den 47 Jahre alten Toskaner. Denn als Juventus Turin seinen neuen Coach am 16. Juli des vergangenen Jahres präsentierte, da lag die kurz zuvor noch heile Turiner Fußballwelt in Trümmern.

          Chaotischer Start in die Saison

          Allegris Vorgänger Antonio Conte, der den von Zwangsabstieg und anschließendem Mittelmaß geschundenen italienischen Rekordmeister dreimal hintereinander zum Gewinn des Scudetto führte und schon als Spieler das Idol der Tifosi war, sprang in der Saisonvorbereitung über Nacht ab. Grund waren Meinungsverschiedenheiten über Spielertransfers und eine fehlende internationale Perspektive.

          Beleidigt hatte Conte prophezeit, italienische Mannschaften würden aus struktureller Unterlegenheit über Jahre hinweg nicht die Champions League gewinnen können. „Wir wurden mit Tritten und Eierwürfen empfangen“, erinnert sich Sportdirektor Giuseppe Marotta an den Tag der Vorstellung Allegris. Nach dem charismatischen Conte hatten die Fans nichts für den trockenen Buchhalter-Typ übrig, der auch noch vom Rivalen AC Mailand kam und sich mit Conte etliche mündliche Fernduelle geliefert hatte.

          Prompt war der Start, gelinde ausgedrückt, holprig. „Die Saison ging chaotisch los“, sagt Abwehrmann Leonardo Bonucci. „Auch in der Mannschaft gab es Zweifel“, bestätigt Kapitän Gianluigi Buffon. Es ist nicht so, dass die widrige Ausgangsposition den toskanischen Buchhalter kaltgelassen hätte. „Meine größte Sorge war, die Herzen der Tifosi nicht zu erreichen“, sagte der Trainer vor ein paar Monaten. Doch natürlich sind auch diejenigen, die Allegri damals wüst beschimpften und seinen Einstand mit den schlimmsten Flüchen begleiteten, nun sehr für den Trainer eingenommen.

          Angesichts des möglichen Triple-Gewinns gibt es auch aus Sicht der Fans nichts, was man Allegri vorwerfen könnte. Außer vielleicht, nicht Antonio Conte zu heißen. Allegri übernahm ein scheinbar vom Energieverschleiß seines Vorgängers ausgelaugtes Team und wendete sich zunächst an die tragenden Säulen: Er sprach angeblich viel mit Buffon, Andrea Pirlo und Giorgio Chiellini. Spielmacher Pirlo war für Allegri als Trainer des AC Mailand verzichtbar geworden, blühte aber ausgerechnet im Anschluss an seinen Wechsel nach Turin wieder auf. Allegri ließ sich bei Juventus von der Qualität des heute 36-jährigen Pirlo neu überzeugen.

          Anstatt das Team völlig umzukrempeln, stellte der Trainer nur ein paar Schrauben neu ein. So behielt er zunächst das defensiv ausgerichtete 3-5-2-Modell Contes bei, erst langsam führte Allegri auch das von ihm bevorzugte 4-3-1-2-System ein und hat nun zwei Spielweisen, zwischen denen seine Mannschaft während einer Partie mit traumwandlerischer Sicherheit wechseln kann. Der verletzungsbedingte Ausfall Chiellinis im Finale reduziert die Optionen des Trainers jedoch empfindlich. Strenge Abläufe verlangt Allegri von seinen Spielern nur in der Abwehrphase, beim Angriff setzt er auf koordinierte Spontaneität. Diese Flexibilität des Trainers hatte zur Folge, dass Juventus zuweilen spielt wie ein unberechenbarer Kettenhund, der nach Jahren endlich von der Leine gelassen wird.

          Strenge Abläufe nur im Abwehrverbund: der Taktiker Allegri beim Abschlusstraining

          „Allegri hat Juve taktisch verbessert“, analysiert Trainer-Legende Marcello Lippi. Schon bei Cagliari Calcio und beim AC Mailand überzeugte Allegri als Meister des Coachings, der Fehler erkennt und die richtige Gegenmaßnahme wählt. Angeblich soll Allegri, der als Aktiver keine große Karriere machte, aber Anfang der neunziger Jahre immerhin mit Carlos Dunga das Mittelfeld bei Pescara Calcio besetzte, schon als Spieler dieses Talent gehabt haben. Acciuga, Ölsardine, nannten sie ihn damals noch wegen seiner Spindeldürre.

          Sein Rezept gegen Barcelona hört sich simpel an: „Wir müssen zwei, drei Dinge richtig machen.“ Dazu gehören wohl Aggressivität, Kompaktheit zwischen den Mannschaftsteilen und das Nutzen der eigenen Torchancen. „Meine Mannschaft hat Charakter und weiß sehr um die eigenen Stärken“, sagt Allegri. Achtmal traf er als Trainer des AC Mailand auf die Katalanen, ein einziger Sieg gelang Milan dabei. Das ist eine schlechte Ausbeute, bedeutet aber auch, dass die bürokratische Ölsardine irgendwo in ihrem Inneren weiß, wie man Barcelona besiegen kann.

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