https://www.faz.net/-gtm-9njtc

Champions-League-Finale : Klopp verleiht Liverpool schon mal selbst einen Titel

Holt Jürgen Klopp sich in Madrid den ersten Titel mit dem FC Liverpool? Bild: Reuters

Liverpool kommt wie ein Team von potentiellen Champions zum Finale nach Madrid. Hinter alldem steckt eine herausragende Trainerleistung. Es wäre ein Jammer, wenn diese Sicht auf Klopps Werk durch eine Niederlage getrübt würde.

          2 Min.

          Das kleine Video kam „From Liverpool With Love“. Und die Grüße stammten von sechs Uhr morgens. So ging vor einem Jahr auf dem Instagram-Account der Toten Hosen ein Clip in die Welt hinaus, der neben dem Profisänger Campino auch den Hobbyinterpreten Jürgen Klopp zeigte, wie sie in den frühen Morgenstunden des verlorenen Finales von Kiew eine Spontankomposition zum Besten gaben: „Wir haben den Henkelpott geseh’n / Er war so wunderwunderschön / Er musste leider nach Madrid / Wir hol’n ihn nächstes Jahr zurück.“ Was da so an- und aufgeheitert rüberkam, war auch schon vorher, in der Kabine des FC Liverpool, Tenor gewesen. Dort hatte Klopp nach dem 1:3 im Finale gegen Real seinen am Boden zerstörten Spielern sinngemäß gesagt: Das war erst der Anfang.

          Champions League

          Klopp ist bekanntermaßen ein Meister der Kabine, aber das konnte man sich in jener dunklen Nacht von Kiew noch nicht so recht vorstellen. Da waren die emblematischen Bilder des Untergangs selbst: die Tränen des Mohamed Salah, der nach einer halben Stunde von Sergio Ramos verhängnisvoll zu Boden gerissen worden war; die Leere im Gesicht von Loris Karius der zweimal verheerend gepatzt hatte. Und dann war es eben auch so, dass der FC Liverpool damals noch nicht der war, der er heute ist.

          Nicht die Mannschaft, die in der Premier League 97 Punkte gesammelt hat und nur deshalb nicht Meister wurde, weil der Pep-Perfektionismus Manchester City noch zu einem mehr trieb. Damals hatte Klopps anderes kleines Finale darin bestanden, überhaupt wieder die Königsklasse zu erreichen. Das ist es, was der Trainer meint, wenn er heute sagt: „Dieses Team ist mit dem von damals nicht zu vergleichen.“ Und er sagt noch etwas anderes: „Das ist die beste Mannschaft, mit der ich je ein Finale gespielt habe.“

          Tatsächlich kommt der FC Liverpool wie ein gereiftes Team von potentiellen Champions an diesem Samstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, bei Sky und DAZN) nach Madrid. Wo sich vergangene Saison noch Spektakel und Enttäuschung abwechselten, mit einer Mannschaft, die zu gut für Außenseiterfußball, aber noch nicht gut genug für Favoritenfußball auf höchstem Level war, kann man heute Pracht und Macht des roten Kollektivs bewundern. Klopps „Mentality Monsters“, die mit dem 4:0 gegen den FC Barcelona einen Moment für die Fußball-Ewigkeit geschaffen haben: Wie sie auch ohne Salah und Firmino als Team arbeiteten, war schon sensationell, als sich die Sensation noch nicht abzeichnete.

          In Madrid werden beide dabei sein. Hinter alldem steckt eine herausragende Trainerleistung. Klopp hat in seinen gut dreieinhalb Jahren in Liverpool zwar auch eine Menge Geld ausgegeben, das aber mit klarem Blick für die Bedürfnisse und mit doppelter Wertsteigerung: ökonomisch und emotional. Der Marktwert des Kaders ist um eine halbe Milliarde Euro gestiegen, der Erlebniswert kommt obendrauf. Es wäre ein Jammer, wenn sich diese Sicht auf Klopps Werk trüben würde durch ein verlorenes Finale. Ein weiteres, wie mancher nun einwenden mag. In der auf Serien fixierten und dabei manchmal ins Irrationale abgleitenden Perspektive auf den Sport wird aus sechs zweiten Plätzen schnell ein „Finalfluch“.

          Den Klopp sich mit einer aufgeklärten Haltung vom Hals zu halten versucht: „Ich kann nur das Beste geben, was ich dafür bekomme, weiß ich nicht.“ Wobei man auch nicht so genau weiß, ob das die ganze Wahrheit ist oder auch ein wenig Selbstschutz – an Ehrgeiz mangelt es ihm nicht. Gegen Tottenham, und das ist die andere Seite, hat Klopp erstmals mit dem FC Liverpool richtig etwas zu verlieren. Vielleicht hat er sich auch deshalb einen Titel sicherheitshalber schon mal selbst verliehen: „Wenn es einen Preis für die größte Entwicklung in den letzten zwölf Monaten gäbe, ginge er an die Reds.“ Stimmt schon, aber schöner wäre es, wenn er und Kumpel Campino diesmal ein Lied von etwas anderem singen könnten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Jubel in Rot und Blau: Der FC Bayern gewinnt den DFB-Pokal.

          Sieg im DFB-Pokalfinale : Der FC Bayern ist wieder nicht aufzuhalten

          Die Vitrine wird voll: In einem zeitweise spektakulären Endspiel bezwingen die Münchner Finalgegner Leverkusen und bejubeln ihren 20. DFB-Pokalsieg. Bayer vergibt eine Riesenchance, Torhüter Lukas Hradecky unterläuft ein kurioser Fehler.
          Wer hier einzieht, ist höchst ungewiss: Wirecard wollte sein neues Bürogebäude Mitte kommenden Jahres in Betrieb nehmen.

          Gewerbestandort bei München : Was macht die Wirecard-Insolvenz mit Aschheim?

          Die fetten Jahre für Aschheim sind vorerst vorbei: Noch-Mitarbeiter des insolventen Dax-Konzerns spotten, es ist unklar, wer in das geplante neue Hauptquartier von Wirecard einzieht und der Bürgermeister will zu möglichen Ausfällen der Gewerbesteuer nichts sagen.
          Soldaten des Kommandos Spezialkräfte bei einer Übung im Jahr 2018

          KSK : Die fremde Welt vor der Kaserne

          Das Kommando Spezialkräfte verliert wegen rechtsextremer Umtriebe eine Kompanie. Der Gipfel der Demütigung, finden ehemalige KSK-Soldaten. Sie fühlen sich schon lange unverstanden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.