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Joshua Kimmich : Guardiolas süßer Junge

Der Lieblingsschüler des Trainers: Auch Thomas Müller (links) lässt Joshua Kimmich nicht im Regen stehen. Bild: dpa

Joshua Kimmich ist erst 20 Jahre alt. Doch in der Champions League in Turin wird er der Bayern-Spieler sein, auf den es am meisten ankommt. Zuvor lobt Trainer Pep Guardiola ihn in höchsten Tönen.

          Der junge Mann redet mit sanfter Stimme. Er blickt die Reporter mit großen Augen an, als staune er, dass man ausgerechnet von ihm etwas wissen will. Ja fast, als entdecke er die Welt um sich herum, die Wunderwelt des ganz großen Fußballs, jeden Tag neu. Wäre er ein Basketball-Profi in der NBA, würde man ihn einen „Rookie“ nennen, einen grünen Jungen im ersten Jahr unter den richtigen Männern.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Aber an diesem Dienstag in Turin ist der grüne Junge vielleicht der Mann, auf den es am meisten ankommen wird. Sollte Trainer Pep Guardiola sich im letzten Moment nicht noch etwas ganz anderes überlegen, wird Joshua Kimmich derjenige sein, der im Champions-League-Duell gegen Juventus den Bayern-Laden zusammenhalten muss.

          Sami Khedira, der deutsche Weltmeister von Juventus, sagt: „Wir sind eine Mannschaft, die für solche Spiele gemacht ist.“ Ist es Kimmich auch? Guardiola ist davon überzeugt. Vom ersten Tag an hat er den jungen Mittelfeldspieler als seinen Lieblingsschüler behandelt. Nach dessen Verpflichtung für 8,5 Millionen Euro – viel Geld für einen 20-Jährigen ohne Bundesliga-Einsatz – behauptete Guardiola im August: „Er wird einer der besten deutschen Spieler in den nächsten zehn Jahren.“

          Wie gegen Leverkusens Stefan Kießling arbeitet auf Kimmich auch in Turin einige Arbeit im Luftkampf. Bilderstrecke

          Im November sagte er: „Joshua Kimmich ist fast mein Sohn.“ Und Ende Januar, als er ihn beim 2:0 gegen Hoffenheim nach den Verletzungen von Jérôme Boateng und Javi Martínez erstmals im Abwehrzentrum eingesetzt hatte: „Wir haben einen guten neuen Verteidiger. Joshua ist ein süßer, süßer Junge.“

          Die meisten, die so jung zum FC Bayern kamen, konnten sich nicht durchsetzen, Spieler wie Schlaudraff, Baumjohann oder zuletzt Kirchhoff. Kimmich hat sich schon nach acht Monaten durchgesetzt. In 22 von 32 Saisonspielen setzte ihn Guardiola ein. Dadurch ist nun Sebastian Rode, vergangene Saison Guardiolas favorisierter Allzweckspieler, weitgehend beschäftigungslos.

          „Schnell nach vorn, schnell nach hinten, kopfballstark, intelligent“, so nennt der Trainer Kimmichs Qualitäten, dazu „sehr aufmerksam, lernt sehr schnell“. Auch Holger Badstuber, von dem sich Kimmich in zwei gemeinsamen Einsätzen die Arbeit als Innenverteidiger abschauen konnte, ehe Badstuber sich abermals verletzte, ist von seiner Einstellung angetan: „Ein Junge, der klar in der Birne ist, der sich Dinge erzählen lässt.“

          In Sachen Passgenauigkeit und Positionsgefühl ähnelt er Guardiolas anderem Lieblingsschüler Thiago Alcántara, nur ohne dessen Unberechenbarkeit im Positiven wie Negativen. Während Thiago manchmal in sein eigenes Spiel verliebt zu sein scheint, sieht man von Kimmich nie eine Aktion mit Showeffekt. In der ersten Hälfte dieser Saison hat Kimmich sich so den Ruf erspielt, einmal der Erbe von Xabi Alonso werden zu können, dem Strategen vor der Abwehr. Der 34-jährige Spanier aber sieht mittlerweile eine andere Ähnlichkeit für den jungen Deutschen: „Joshua hat in der Innenverteidigung sehr gut gespielt, ein bisschen wie Mascherano.“

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          Der Argentinier, zuvor ebenfalls im defensiven Mittelfeld zu Hause, war 2011 beim FC Barcelona in die Innenverteidigung gestellt worden - womit Guardiola schon da den bis heute gültigen Beweis erbrachte, dass auch ein Spieler von nur 1,75 Metern im Abwehrzentrum Weltklasse sein kann. Mit Javier Mascherano in der Innenverteidigung gewann Barça 2011 und 2015 die Champions League.

          Doch Mascherano war bei der Umpositionierung schon ein erfahrener Top-Profi, keiner im ersten Lehrjahr. Deshalb wirkte es gewagt, dass Guardiola auf die Personalmisere im Abwehrzentrum mit einem 1,76 Meter großen Berufsanfänger reagierte. Bisher geht der Plan auf. Kimmich, der bis Ende Januar nie in dieser Rolle gespielt hatte, hat nach nur fünf Einsätzen als Innenverteidiger (mit drei verschiedenen Partnern, mal in der Dreier-, mal der Viererkette) vor allem mit der Qualität im Spielaufbau überzeugt. Im Schnitt kam er darin pro Partie auf 105 Ballkontakte und brachte fast 94 Prozent seiner Pässe zum eigenen Mann.

          In Turin dürfte erstmals mehr die defensive Qualität des Jungprofis gefordert werden. Deshalb wäre es bei allem Talent des Lieblingsschülers eines von Guardiolas größten Vabanquespielen, auch dort auf Kimmich zu setzen, der mit 1,76 Metern bei Kopfballduellen mit Stürmern wie Alvaro Morata (1,90) oder Mario Mandzukic (1,87) erheblich im Nachteil wäre. Kimmich wiegelt ab: „Wenn ich im Training gegen Robert Lewandowski oder Thomas Müller spiele, ist es auch sehr schwer.“ David Alaba, mit dem er zweimal das Abwehrzentrum bildete, verweist auf ein Beispiel, bei dem es auch gegen einen größeren Angreifer gutging, beim 0:0 in Leverkusen: „Mit Kießling hatten sie einen, den sie auch mit langen Bällen gesucht haben. Wir sahen trotzdem gut aus.“

          Egal, wie gut das in Turin aussehen wird, Guardiola ist sich sicher, dass der grüne Junge ein Großer in der Männerwelt des Fußballs wird. Er sagt voraus, „dass er bald Nationalspieler sein wird. Joshua hat absolut alles. Löw hat eine neue Option.“



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