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Jérôme Boateng : Der zweite Frühling eines Abgeschriebenen

War schon so gut wie weg, ist jetzt wieder der Abwehrstabilisator: Jérôme Boateng beim FC Bayern Bild: Imago

Jérôme Boateng und der FC Bayern – das war wie eine Scheidung, die sich hinzieht und doch nicht vom Fleck kommt. Plötzlich funktioniert die Liaison wieder. Doch er weiß, welchem Umstand er das späte Glück zu verdanken hat.

          3 Min.

          Als Bayern-Profi hat man’s auch nicht leicht. Irgendeiner will immer was. Die Chefs wollen Siege, die Fans Autogramme, und die Medien und Mediennutzer wollen Geschichten. Millionen lechzen nach gutem Stoff von der Säbener Straße. Das ewige Motiv des Unzufriedenen, der mit frostiger Miene auf der Bank sitzt oder bei Auswechslung Trinkflaschen wegkickt, nutzt sich ab. Bayern-Profis müssen mehr als das liefern. Deshalb ist es ein Glück, dass Jerome Boateng immer noch Bayern-Profi ist.

          Champions League
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Vor einem Monat im Training lieferte er sich ein Handgemenge mit Leon Goretzka, besuchte am Abend den Kollegen, um sich zu entschuldigen, und verkündete der Welt: „Alles bestens zwischen uns, ihr könnt euch entspannen!“ Eine pädagogisch wertvolle Geschichte, wie sie Eltern beim Frühstück ihren Kindern vorlesen können. Auch auf dem Transfermarkt im Januar mischte der Name Boateng wie fast immer seit zweieinhalb Jahren kräftig mit, heraus kam aber wieder kein Wechsel des Vereins. Nur ein ganz anderer, wie ihn die Klatschpresse liebt. Sie meldete, dass Boateng und Kasia Lenhardt, einst Viertplazierte bei „Germany’s next Topmodel“, ein Paar seien.

          Auf dem Boulevard ist Boateng, mit Vorliebe für extravagantes Styling, raumfüllender Sammlung von Designer-Turnschuhen, eigener Zeitschrift und Brillenkollektion, schon lange beliebt. Die „Bild“-Zeitung nannte ihn vor einem Jahr den „bestgekleideten Spieler der Bundesliga“, er sehe „fabelhaft aus, ist groß und statuesk“. Das „Statueske“ hatte allerdings schon da, in der beginnenden Spätphase seiner Karriere, einen etwas hässlichen Beiklang. Der einst „beste Innenverteidiger der Welt“, wie Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge Boateng nach dem WM-Sieg 2014 gern nannte, hat seitdem durch eine Reihe von Verletzungen deutlich an Spritzigkeit und Leichtigkeit eingebüßt. In Spielen wie dem 3:3 gegen Düsseldorf vor gut einem Jahr, als er dem schnellen Lukebakio mehrfach nur nachblicken konnte, den vergeblich Abseits reklamierenden Arm hilflos hochgereckt, wirkte Boateng wie seine eigene Statue. Wie das Denkmal eines ehemaligen Weltklassespielers – der aber nun, mit 31, begonnen hat, sich im neunten Bayern-Jahr neu zu erfinden.

          Schon im Sommer 2017 wollte er weg, über Kreuz mit Trainer Carlo Ancelotti, doch konnten die Bayern den damals abermals verletzten Verteidiger nicht zum geforderten Preis von 70 Millionen Euro verkaufen. 2018 zog es ihn zu Paris St.-Germain – der Wechsel platzte am vorletzten Tag der Transferperiode. 2019, als Präsident Uli Hoeneß ihm „als Freund“ empfahl, „den Verein zu verlassen“, scheiterte ein Transfer zu Juventus Turin. Und als Boateng diesen Winter abermals wegwollte, verletzte sich kurz vor Weihnachten nach den Abwehrkollegen Süle und Hernandez auch noch Martinez. So musste Trainer Hans-Dieter Flick ihm erklären, dass er bleiben musste.

          Boateng und die Bayern, es war wie eine jener Scheidungen, die sich freudlos und zäh hinziehen und doch nicht vom Fleck kommen – ehe plötzlich unerwartet neues Leben in die Liaison kommt. Plötzlich liefert Boateng nun wieder sportliche Schlagzeilen. In München ist er gefragt wie seit Jahren nicht. Im Vorjahr meist nur das fünfte Rad am Wagen, hat er bis zu seiner Gelb-Sperre am Freitag gegen Paderborn alle Spiele des Jahres von Beginn an bestritten.

          Das hat damit zu tun, dass er als rechtsfüßiger, fitter Innenverteidiger derzeit ein echter Exot im Bayern-Kader ist. Nur auf Benjamin Pavard trifft das noch zu, der aber muss meist hinten rechts aushelfen, weil Joshua Kimmich inzwischen im defensiven Mittelfeld unentbehrlich ist. Und da das Experiment mit zwei linksfüßigen Innenverteidigern, eine Halbzeit lang in Köln probiert, Torwart Manuel Neuer missfiel, scheint Boateng auch an diesem Dienstag, beim Auftakt der K.-o.-Runde der Champions League beim FC Chelsea, unentbehrlich. Das Lob, das er plötzlich von allen wichtigen Männern im Klub erhält, ist natürlich ein taktisches, weil man ihn eben gerade braucht – aber wohl auch ein ehrliches. Denn Boateng zeigt seit einigen Monaten, dass er es nicht ausplätschern lässt, sondern „immer Gas gibt“, wie er beteuert, im Teamtraining, im Privattraining, mit Yoga, Pilates, umgestellter Ernährung.

          „Mit vier Kilo weniger“ sei Boateng aus der Winterpause gekommen, lobte Sportdirektor Hasan Salihamidzic. „Er hat im Urlaub viel getan, und genauso spielt er.“ Flick hob hervor, er sei „sehr anerkannt in der Mannschaft“. Die persönliche Chemie spielt eine große Rolle. Boateng ist nicht als Spieler bekannt, der Motivation aus einem Jetzt-erst-recht bezieht, dem Trotz gegenüber einem Trainer, dessen unbedingtes Vertrauen er vermisst, wie bei Ancelotti oder Kovac. Von Flick bekommt er die positiven Schwingungen, die er braucht. Im Interview mit dem Sportinformationsdienst schwärmte Boateng von Flicks „Art, wie er mit den Spielern umgeht, wie er ihnen Vertrauen schenkt – egal, ob man in einer guten oder schlechten Phase ist. Hansi ist da in erster Linie Mensch.“ Nun habe er endlich „wieder Spaß am Fußball“ und dürfe „wieder zeigen, was ich kann“. Selbst gegenüber einer Rückkehr ins Nationalteam zeigte er sich „nicht abgeneigt“.

          Weil er das Geschäft kennt, wird aber auch Boateng wissen, dass er das späte Glück vor allem der kurzfristigen Personallage verdankt – und dass der Artenschutz für den Altweltmeister wohl nur so lang währen wird, bis Süle spätestens im Sommer zurück ist und dann womöglich auch noch Dayot Upamecano aus Leipzig kommt. Bis dahin aber wird es vielleicht eine jener Geschichten, die nicht nur im Fußball immer wieder beim Publikum und manchmal sogar in der Realität funktionieren: der zweite Frühling eines längst Abgeschriebenen.

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