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Champions-League-Halbfinale : Die Bayern machen nur einen Fehler

Ein Fehler hat zum Ausscheiden gereicht: Javi Martinez ärgert das Bild: dpa

Gegen Atlético Madrid zeigen die Münchner ein starkes Spiel. Dennoch scheitern sie zum dritten Mal mit Pep Guardiola im Halbfinale der Champions League. Entscheidend ist ein kleiner taktischer Fehler – mit großer Wirkung.

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          Viel früher als erhofft haben die Bayern das Triple geholt. 2014 scheiterten sie an Real Madrid, 2015 am FC Barcelona und nun an Atlético Madrid im Halbfinale der Champions League. Die spanische Trilogie mit dem immer gleichen ernüchternden Ausgang führte dazu, dass Trainer Pep Guardiola auch im letzten seiner drei Jahre in München nicht das erträumte Triple aus deutscher Meisterschaft, DFB-Pokalsieg und Titel in der europäischen Königsklasse holen wird. Der 2:1-Sieg über Atlético am Dienstagabend im Rückspiel reichte nach dem 0:1 in der ersten Partie aufgrund der Auswärtstorregel nicht zum Finaleinzug. Nun sind für die Bayern 2016 „nur“ noch die zwei nationalen Titel möglich.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Drei wichtige Fragen wurden schon 75 Minuten vor der Partie positiv beantwortet. Ja, anders als im Hinspiel stand Thomas Müller in der Startelf. Ja, auch Franck Ribéry war von Beginn an dabei. Und ja, Jerome Boateng startete ebenfalls, erstmals nach langer Verletzungspause. Für dieses Trio mussten Juan Bernat, Thiago Alcántara und Kingsley Coman weichen. Boateng rückte in die Innenverteidigung, dafür nahm David Alaba Bernats Position links in der Abwehr ein. Müller fand sich hinter der Spitze Robert Lewandowski wieder, Ribéry sollte auf der linken Offensivbahn dribbeln und wirbeln.

          Champions-League-Halbfinale : Bayern München grandios gescheitert

          Die Intention von Guardiola war deutlich. Boateng und Xabi Alonso sollten aus der Abwehr teils mit langen, verlagernden Pässen das Spiel eröffnen. Die Außenverteidiger Alaba und Philipp Lahm sollten offensiv ihre Vorderleute unterstützen, andererseits in der Defensive das Zentrum dichtmachen, um die gefürchteten Konter von Madrid zu verhindern. Vorne war Müller als Helfer von Lewandowski gefragt, der sich gegen die beinharte Atlético-Defensive im Hinspiel etwas verloren vorgekommen war. Und der Plan ging ziemlich gut auf. Die Bayern drängten den Gegner weit zurück.

          Die Grafik der durchschnittlichen Positionen verdeutlicht, dass die Münchner Hälfte fast Sperrbezirk war. Alleine Torwart Manuel Neuer (Nummer 1), Boateng (17) und Javi Martinez (7) hielt es hinten, alle anderen drängten ins gegnerische Spielfeld. Teilweise verteidigten die Gäste mit sieben Spielern im eigenen Strafraum. Gegen so eine verdichtete Abwehr tat Müller dem Spiel der Bayern gut, weil er durch seine unorthodoxen Laufwege ab und zu eben doch entwischte, wie bei der Großchance von Lewandowski, der an Torwart Jan Oblak nach Müllers Ablage scheiterte (20. Minute).

          Zuvor hatte „Spielmacher“ Boateng den Ball mit einem präzisen Schlag in die Mitte des Strafraums gespielt. Das versuchten die Münchner, obwohl Madrid in der Mitte extrem verteidigte. Kurios war die Statistik, die zeigt, über welche Seite die Teams angriffen. In der ersten Halbzeit versuchten sie es deutlich mehr über rechte, auch wenn die Quantität bei Atlético viel geringer war. In der zweiten Hälfte änderte sich die bevorzugte Seite. Nun kamen beide vor allem über links. Das lag bei Madrid auch an der Einwechslung von Yannick Carrasco, bei den Bayern kam später Coman.

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          Der einzige Treffer in der ersten Halbzeit aber war durch einen Angriff durch die Mitte gefallen. Es war aber keine Kombination, dafür verteidigte Atlético einfach zu stark. Vielmehr verwandelte Alonso einen Freistoß achtzehn Meter vor dem Tor aus zentraler Position (31.); Raúl Jiménez fälschte noch ab. Und es hätte noch besser kommen können aus der Mitte des Strafraums. Doch Müller scheiterte mit einem Elfmeter an Oblak (35.). Zuvor hatte Jiménez Martinez umgerissen. Dennoch war zur Halbzeit alles wieder ausgeglichen: Die Bayern hatten das 0:1 aus dem Hinspiel egalisiert.

          Und die Münchner zeigten eine starke Partie. Nicht nur Leidenschaft und Kampf stimmten. Die Heatmap beider Teams verdeutlicht, wie sehr die Bayern Atlético in deren Hälfte einschnürten. Die Karte der Ballkontakte (Touchmap) zeigt, dass die Spanier nur fünf Ballkontakte im gegnerischen Strafraum hatten. Ein weiterer wurde von der Strafraumlinie abgegeben – und genau der bedeutete das Aus für Guardiolas Mannschaft.

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          Denn bei all dem, was die Bayern so lange so richtig machten, begingen sie einen taktischen Fehler – für den ihr Trainer rein gar nichts konnte. Nach einem Fehlpass von Boateng in die Spitze preschte er wie Alonso und Arturo Vidal nach vorne, um den Ball schnell zurückzugewinnen. Ein gut gemeintes Gegenpressing. Doch sie rannten zu dritt ins Verderben, weil erst Gabi und dann Koke flink reagierten und nach vorne passten auf Antoine Griezmann. Nach Doppelpass mit Fernando Torres war der Franzose plötzlich auf und davon. Alaba erreichte den Ball nicht und verpasste es auch, Griezmann ins Abseits zu stellen oder zu foulen. Neuer blieb beim Schuss ins kurze Eck ohne Chance (54.).

          Damit war für die Bayern noch nicht alles verloren, zumal mehr als 35 Minuten Zeit waren; nun aber musste ein 3:1-Sieg zum Weiterkommen her. Wie schwer diese Aufgabe werden sollte, zeigte ein Blick in die Statistik: Atlético verlor in dieser Saison in allen Wettbewerben nie ein Spiel mit zwei oder mehr Toren Differenz. Dabei blieb es auch, selbst wenn Lewandowski mit einem Kopfball noch das 2:1 gelang (74.). Es blieb spannend bis zum Abpfiff, auch weil Torres mit einem unberechtigten Elfmeter – Martinez foulte den Fehlschützen knapp vor dem Strafraum – an Neuer scheiterte (84.).

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          Was bleibt nach drei Jahren Guardiola beim FC Bayern? Taktisch ließ sich er sich immer etwas einfallen. Das waren für die meisten Gegner unlösbare Aufgaben, national sowieso, oft auch im Europapokal. Die Flexibilität, mit der die Münchner agierten, war faszinierend. Zwei Fehler muss sich Guardiola in entscheidenden Duellen ankreiden lassen: 2014 setzte er, wohl auch auf Druck der Spieler, im Halbfinal-Rückspiel gegen Real Madrid auf volle Offensive und verlor 0:4 im eigenen Stadion. 2015 in Barcelona wollten die Münchner nach dem späten 0:1 im Hinspiel unbedingt ausgleichen und kassierten zwei weitere Tore, die die Aufgabe im Rückspiel unlösbar machte.

          Es hat nicht gereicht: Thomas Müller und Mitspieler trauern nach dem Schusspfiff. Bilderstrecke
          Es hat nicht gereicht: Thomas Müller und Mitspieler trauern nach dem Schusspfiff. :

          Gegen Atlético machte Guardiola nun taktisch alles richtig – und verlor doch wieder im Halbfinale. Denn nicht alles lässt sich am Reißbrett planen. Ein kleiner individueller Fehler mit großer Wirkung kann entscheiden. Der Planer und Perfektionist Guardiola mag das gar nicht, genau wie er sich seit seiner Zeit in Deutschland stets vor den Kontern des Gegners fürchtete gegen seine sehr offensive Mannschaft. Doch das ist ein beliebtes wie erlaubtes Stilmittel des Fußballs. Und es ist die Faszination dieser Sportart, dass auch eine deutlich unterlegene Mannschaft wie Atlético am Dienstag am Ende jubeln kann.

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          Interaktives Spiel : Das große Champions-League-Quartett

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