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Hakan Calhanoglu : „Ich musste ballern, ballern, ballern ...“

  • -Aktualisiert am

Scharfschütze der Liga: Freistoßspezialist Hakan Calhanoglu schißet mit durchgestrecktem Standbein Bild: Reuters

Bayer Leverkusen startet am Mittwoch (20.45 Uhr) in die Champions League. Gegen Bate Baryssau könnten Hakan Calhanoglus Freistöße vonnöten sein. Im Interview erklärt der Standardspezialist das Geheimnis seiner Schussgewalt.

          6 Min.

          Sie spielen am Mittwoch zum Auftakt der Champions League gegen Bate Baryssau (20.45 Uhr/ live in Sky und F.A.Z.-Liveticker). Erwarten Sie ein zweites Darmstadt? Der Bundesliga-Aufsteiger postierte sich am vergangenen Samstag um den eigenen Strafraum, und Bayer verlor 0:1.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Das ist gut möglich. Auf jeden Fall wird es kein einfaches Spiel. Es ist Champions League, und jede Mannschaft, die sich für die Gruppenphase qualifiziert, hat Qualität.

          Was ist gegen Darmstadt schiefgelaufen Haben Sie Lehren daraus gezogen, oder war es nur einfach ein schlechter Tag?

          Im Fußball kann es nicht nur gut laufen. Es war uns bewusst, dass Darmstadt uns das Leben schwermachen würde. Obwohl wir von unserem Trainerteam gut eingestellt worden waren, sind wir nicht damit klargekommen. Wir haben die Vorgaben nicht umgesetzt. Die Darmstädter haben mit unseren Nerven gespielt, das haben sie clever gemacht. Wir haben uns auf ihr Spiel eingelassen, und das war dann sehr schwer. Wir wollen schnell Fußball spielen, wir suchen direkt den Weg zum Tor, aber das haben wir in diesem Fall nicht geschafft.

          Was heißt das, mit den Nerven spielen?

          Fouls rausholen, nach Fouls liegenbleiben, Spiel verzögern. Sie haben uns geärgert, und wir waren nicht clever genug.

          Ihr Trainer Roger Schmidt pflegt in Leverkusen ein sehr laufintensives und temporeiches System. Gegen Lazio Rom erreichten Sie die Gruppenphase, und da haben Sie den Gegner mit einem fast perfekten Gegenpressing an die Wand gespielt. Würden Sie gerne eine bequemere Art Fußball spielen?

          Nein, ganz und gar nicht. Es macht Spaß. Wenn man es als Mannschaft richtig draufhat und gegenseitiges Vertrauen hat im Spiel, dann ist es eine geile Sache. Unser Trainer hat das System so in uns stabilisiert, dass das alles automatisch abläuft, wir merken gar nicht mehr, wie anstrengend das ist. Und es macht Spaß zu bemerken, wie wir dadurch den Gegner ärgern. Er will Luft holen, mal durchatmen, und wir lassen ihn nicht. An guten Tagen setzen wir das sehr gut um.

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          Früher hieß es, so ein Spiel sei über 90 Minuten nicht durchzuhalten.

          Klar, man braucht viel Luft. Aber wenn wir den Ball haben, sind wir clever genug, auch mal langsam zu machen. Wir haben da einen guten Mittelweg gefunden. Und nach der Pause haben wieder alle Power.

          Sind Sie fitter als jemals zuvor?

          Auf jeden Fall. Ich fühle mich in Leverkusen viel fitter und stärker als beim Karlsruher SC und beim HSV. Ich merke einen Riesenunterschied, wenn ich mich wiege oder schaue, wie viel ich beim Hanteltraining schaffe. Ich wiege jetzt 76 Kilo, das ist, glaube ich, mein ideales Gewicht. Man braucht eine gewisse Robustheit.

          Wer hat den Fußballspieler Hakan Calhanoglu geprägt?

          Mein Vater war das A und O. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo ich bin. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, was er für mich getan hat - auch wenn er manchmal streng war. Ich kann mich noch erinnern, als ich klein war und in Mannheim mal ein Training verpasst habe. Er war so sauer, dass er ein, zwei Tage nicht mehr mit mir sprach.

          War das ein Mannschaftstraining?

          Nein, nein, nur privat, wir beide. Aber später war er auch eine Zeitlang mein Vereinstrainer.

          „So wie Sie Ihre Frau streicheln, streichele ich den Ball mit dem Fuß“

          War er ein guter Spieler?

          Dritte türkische Liga, dann lernte er meine Mama kennen, heiratete, gab den Fußball auf und zog nach Deutschland.

          Dann haben Sie das Talent von ihm?

          Wenn es um den Schuss geht, ja.

          Es gibt das Vorurteil: Calhanoglu, Riesentalent, toller Schuss, Künstlertyp. Aber die Statistiken weisen Sie als einen der laufstärksten Spieler aus.

          Ich bin gerne für die Mannschaft da, ich laufe gerne für den Mitspieler hinterher, wenn er den Ball verloren hat, das war schon beim KSC und beim HSV so. So ist mein Charakter: Ich bin ehrgeizig, ich kämpfe gerne.

          Ihre Schussstärke und Ihre Freistöße sind berühmt-berüchtigt. Wie haben Sie sich diese Fähigkeit zugelegt?

          Das kam durch meinen Vater. Wir hatten in Mannheim diesen kleinen Platz, der eingezäunt war, den Käfigplatz. Zuerst stellte mein Vater mich ins Tor und schoss. Er merkte schnell, da geht nichts. Also ging er ins Tor, und ich musste ballern, ballern, mit rechts und links. Dann hatte ich bei Waldhof Mannheim den ehemaligen Profi Stefan Groß als Trainer, von ihm habe ich auch viel gelernt, vor allem die Fußhaltung. Aber auch, wie man sich als Mensch verhält.

          Was meinen Sie damit?

          Als ich ihn das erste Mal sah, habe ich „hallo“ gesagt, aber ihm nicht in die Augen geschaut. Er drückte ganz fest meine Hand und sagte, du musst mir in die Augen sehen dabei. Da dachte ich, Respekt. Ich bin ihm dankbar dafür, dass er mich auf und neben dem Platz weitergebildet hat.

          Ist die richtige Fußhaltung Ihr Erfolgsgeheimnis bei den Freistößen? Und wie hält man den Fuß richtig beim Schuss?

          Das kann man eigentlich nur mit Ball veranschaulichen. Die meisten Freistöße schieße ich mit dem Innenspann. Wenn ich meinen Fuß durchschwinge, schwinge ich richtig durch, ich stoppe nicht die Bewegung. Und das linke Bein, das Standbein, bleibt gerade, durchgestreckt.

          Viele winkeln es ab, das ist auf vielen Fotos zu sehen.

          Ja. Aber mit durchgedrücktem Standbein bewegt sich der Körper viel weniger, wenn der Schuss ausgeführt wird. Dadurch wird die Präzision der Bewegung höher und die Wahrscheinlichkeit, den Ball genau dort zu treffen, wo man ihn treffen will.

          Schießen Sie mit links genauso gut wie mit rechts?

          Wenn ich mir den Ball vorlege und er ein bisschen rollt, dann habe ich das Gefühl, dass ich mit links härter schießen kann als mit rechts. Wenn der Ball aber liegt, dann ist es mit rechts viel besser.

          „Ich weiß, dass ich mit meinen Freistößen ein Spiel entscheiden kann“

          Sie würden also einen Freistoß nicht freiwillig mit links schießen, weil die Schussposition das nahelegt?

          Niemals. Ich habe genug Mannschaftskollegen, die mit links gut schießen können. Ich schieße Freistöße nur mit rechts.

          Was geht bei Ihnen im Kopf vor, wenn Sie zum Freistoß schreiten?

          Ich weiß, dass ich mit meinen Freistößen ein Spiel entscheiden kann. Also ist es das Wichtigste, hochkonzentriert und ruhig zu bleiben. Bei einer großen Distanz von 30, 35 Metern schieße ich natürlich mit Wucht, mit dem Vollspann. Dann versuche ich den Ball zum Flattern zu bringen, was die Sache für den Torwart erschwert. Um den Strafraum herum versuche ich den Ball immer mit dem Innenspann über die Mauer zu zirkeln.

          Wie bringt man den Ball zum Flattern? Oder ist das Zufall?

          Das ist Ballgefühl. So wie Sie Ihre Frau streicheln, streichele ich den Ball mit dem Fuß. (lacht)

          Wie genau können Sie schießen? Üben Sie Zielschießen?

          Ich übe Freistöße, aber nicht Zielschießen. Mindestens dreimal die Woche, 10 oder 20 von rechts und von links. Unser Co-Trainer Daniel Niedzkowski nimmt die Freistöße oft auf, und dann analysieren wir hinterher: Körperhaltung, Fußhaltung, Balltreffpunkt. Es geht um Kleinigkeiten, um das Verfeinern.

          Elf Freistoßtore in 68 Bundesligaspielen, diese Quote von sechs Begegnungen für ein Freistoßtor ist unerreicht. Nur der frühere Bremer Diego erzielte mehr Freistoßtore als Sie, benötigte allerdings 163 Spiele für seine 13 Treffer. Gibt es einen Fluch der guten Tat? Fühlen Sie sich unter Druck, treffen zu müssen, weil es schon alle erwarten?

          Nein. Ich will einfach der beste Freistoßschütze sein, und das möchte ich bestätigen. Ich will meine Quote mindestens halten, lieber noch verbessern. Und das ist möglich durch ständiges Üben.

          Was haben Sie sich von David Beckham abgeschaut?

          Von ihm habe ich das mit dem gestreckten Standbein. Eine andere Sache von ihm habe ich nicht übernommen. Er macht beim Schuss so eine Ausgleichsbewegung mit den Armen, die sind dann diagonal. Aber ich konzentriere mich auf die Füße, die sind wichtig. Er zirkelt ja auch sehr gerne. Juninho (brasilianischer Nationalspieler und Freistoßspezialist) schießt meistens gerade, der Ball flattert oft. Daraus habe ich so eine Mischung gemacht.

          Gibt es im Fußball so etwas wie Freundschaft?

          Man sagt ja normalerweise Mannschaftskollegen zu den Mitspielern. Aber in Leverkusen fühle ich, dass die Mitspieler zu Freunden werden. Wir unternehmen viel privat, wir fühlen uns als Gemeinschaft, als Einheit: auf dem Platz, in der Kabine und auch außerhalb. Wir reden auch darüber, wenn es nicht läuft.

          Der schnelle Abschied von Heung-Min Son, der für 30 Millionen Ablöse zu Tottenham wechselte, ohne tschüs zu sagen, spricht gegen Ihre These. Sie sprachen damals von einer großen persönlichen Enttäuschung.

          Dazu möchte ich nichts mehr sagen.

          Es gibt viele Fußballstars in Deutschland, die türkischer Herkunft sind: Özil, Gündogan, die Altintops, jetzt Emre Can und Sie. Haben Sie eine Erklärung dafür?

          Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Aber es stimmt schon. Und die türkischen Fans sind stolz darauf, egal, ob wir wie Mesut und Ilkay für Deutschland spielen oder wie ich für die Türkei.

          Wieso haben Sie sich für die türkische Nationalmannschaft entschieden?

          Es war keine sportliche Entscheidung, ich habe auf mein Herz gehört. Ich bin in Deutschland geboren worden, betrachte aber auch die Türkei als mein Heimatland. Ich akzeptiere aber auch zu 100 Prozent, wenn sich jemand für Deutschland entscheidet. Das muss jeder mit sich selbst abmachen.

          War der Fußball eine große Integrationshilfe für Sie?

          Für mich und meine ganze Familie. Alle meine Onkels haben Fußball gespielt, wir sind fußballverrückt.

          Und Sie leben den Traum als Profi, den alle hatten: Sind Sie für Ihre Familie der Hakan geblieben, oder werden Sie als Star verhätschelt und verehrt?

          In unserer Familie ist alles so geblieben wie früher. Nur weil ich Profi bin, bekomme ich nicht alles vor die Füße getragen. Ich will das auch gar nicht. Ich leg mich nicht hin und sag: Mama, bring mal. Das ist nicht meine Art. Ich passe auf, dass ich bodenständig bleibe, und versuche, für meine Familie alles zu geben.

          Ihr Freund Son wechselte für 30 Millionen Euro nach Tottenham, Sie waren Leverkusen über 14 Millionen Euro wert: Belastet Sie es, welche Mengen Geld im Fußball bewegt werden, oder beruhigt es?

          Ich achte da nicht darauf. Für mich ist wichtig, dass ich einen Verein habe, bei dem ich mich wohl fühle.

          Man könnte aber auf die Idee kommen, dass es schwer für einen 21 Jahre alten Profi wie Sie ist, hungrig zu bleiben, wenn man spätestens nach dem zweiten Vertrag ausgesorgt hat.

          Ja, man kann so denken. Ich denke aber, dass ich immer einen neuen Level erreichen muss.

          Was meinen Sie mit Level?

          Als Spieler weiterkommen. Mehr Tore schießen, mehr Assists.

          Stimmt es noch, dass Ihr Vater Ihr Konto kontrolliert, weil Sie mit den Summen nicht richtig zurechtkommen?

          Das war früher vielleicht so. Jetzt bin ich alt genug, es selbst zu kontrollieren.

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