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Borussia Dortmund außer sich : „Für Nächte wie diese lebt man“

Mittelpunkt einer großen Fußballparty: Erling Haaland vom BVB Bild: Reuters

Abermals ist Erling Haaland der Held des BVB. Doch selbst nach seinen zwei Treffern gegen Paris ist der Norweger nicht vollends zufrieden. PSG-Trainer Thomas Tuchel hat für die Niederlage derweil eine erstaunliche Erklärung.

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          Erling Haaland verblüffte nicht nur mit seinen Toren am Dienstagabend in der Champions League, die Borussia Dortmund einen 2:1-Sieg gegen Paris St. Germain im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bescherten. Der 19 Jahre alte Norweger überraschte nach seinem zumindest in der zweiten Halbzeit abermals aufsehenerregenden Auftritt gegen PSG vor allem mit seiner ersten Interviewaussage nach Verlassen des Spielfelds. Da stellte sich der Mann des Abends nicht etwa selbst in den Mittelpunkt, sondern zog ein bemerkenswertes Fazit: „Ich weiß, dass ich noch viel lernen muss. Das hat man heute Abend gesehen“, sagte er, während er die Trophäe des „Man of the match“ (Spieler des Spiels) in den Händen hielt. Auf Abschlussverhalten, Torriecher oder auch die Laufbereitschaft beim Anlauf der Pariser Aufbauspieler bezog sich Haaland bei seiner Anmerkung wohl nicht.

          Champions League
          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Stattdessen hatte der Stürmer gegen den französischen Meister lange Zeit Schwierigkeiten als Anspielstation in vorderster Front, wenn es einmal nicht um den Torabschluss ging, sondern um das Ballhalten und -verteilen. Haaland verhielt sich dabei in der ersten Hälfte zu passiv und zahlte deshalb im Duell mit den gegnerischen Innenverteidigern Marquinhos, Thiago Silva und Presnel Kimpembe  zunächst viel Lehrgeld. Die Abwehrspieler von höchstem internationalen Format hatten ihre Freude daran, Haaland den Ball bei der Ballannahme wegzuspitzeln oder ihn durch ein Tackling vom Ball zu trennen. Haaland wirkte bis auf eine typische Szene, in der aus dem vollen Lauf zum Abschluss kam, lange Zeit verloren im Dortmunder Spiel.

          Lernen in der Halbzeitpause

          Aber ein schon in solch jungen Jahren herausragendes Talent kann offenkundig in einer Halbzeitpause entscheidende Lernfortschritte erzielen. In der zweiten Hälfte nämlich agierte Haaland beweglicher, ließ sich aus der Reihe der gegnerischen Innenverteidiger besser fallen und bereitete so auch seinen ersten Treffer vor. Er bot sich Jadon Sancho als Doppelpasspartner an, der Engländer nutzte die Gelegenheit zur Spielverlagerung auf die rechte Außenbahn, von dort passte Achraf Hakimi den Ball in den Rücken der Pariser Abwehr, Raphael Guerreiro schoss aufs Tor, Marquinhos blockte den Ball vor die Füße des auf den Abstauber lauernden Haaland, der den Ball mit dem rechten Fuß ins Tor stocherte (69. Minute). Und plötzlich tobte das Westfalenstadion noch mehr als ohnehin an einem besonderen Europapokalabend.

          Dortmund hatte sich gerüstet für ein Spiel auf internationalem Spitzenniveau, die Fans hatten wie schon bei früheren Galaabenden eine das gesamte Stadion umfassende Choreographie vorbereitet, bis auf die Gruppe an PSG-Fans waren nahezu alle Besucher in das schwarz-gelbe Kunstwerk einbezogen.

          Und Haaland sorgte wenige Minuten später, nachdem PSG zwischenzeitlich durch seinen insgesamt enttäuschenden brasilianischen Superstar Neymar zum Ausgleich gekommen war (75.), abermals für die Führung: Nach einem mustergültigen Zuspiel des erst 17 Jahre alten Giovanni Reyna, der durch seine Einwechslung in der 67. Minute den „Babysturm“ der drei Teenager vervollständigte, hämmerte Haaland den Ball mit einer derartigen Urgewalt aus 18 Metern in den Torwinkel, dass Gästetrainer Thomas Tuchel ihn später voller Bewunderung als ein „Tier“ bezeichnete. „Er hat körperliche Präsenz, Speed, Zug zum Tor. Lange haben wir das gut gemacht und ihn körperlich verteidigt. Dann aber macht er eben doch einen Abstauber und ein wunderschönes Tor“, sagte Tuchel weiter.

          „Das hat uns Körner gekostet“

          Der frühere BVB-Coach, der erstmals an jenen Arbeitsplatz zurückgekehrt war, von dem er sich 2017 im Dissens verabschiedet hatte, analysierte zurecht, dass Haaland seine Tore just in jener Phase des Spiels erzielte, in der Paris nach einer ersten Halbzeit ohne wirklich gelungenen Offensivaktionen besser ins Spiel gekommen war.

          Endlich fanden Neymar und Mbappé einander und erzeugten Gefahr. Doch zugleich musste die Pariser Defensive der ermüdenden Verteidigungsarbeit Tribut zollen. Aufgrund leichtfertiger Ballverluste vor allem durch Fehler Neymars war PSG immer wieder gezwungen, im Mannschaftsverbund 50 bis 60 Meter im Vollsprint in Richtung des eigenen Tores zu eilen. „Das Timing im Passspiel war nicht gut genug. Durch die Ballverluste wurde es ein sehr physisches Spiel, das uns Körner gekostet hat.“ In der Folge entstanden Räume, die die Borussia zu nutzen verstand.

          Tuchel erklärte die Mängel bei seinem Team zum einen mit fehlendem Spielrhythmus beim zuletzt zwei Wochen nicht einsatzfähigen Neymar, zum anderen durch die Vielzahl an Spielen in den ersten sechs Wochen des Jahres. „Wir haben doppelt so viele Spiele gehabt bisher wie Dortmund“, sagte Tuchel. Die Erklärung mutete merkwürdig an. Denn Tuchel verschwieg dabei, dass seine in Frankreich so überlegene Mannschaft immer mal wieder die Chance hat, Spieler im Ligaalltag zu schonen. Am Freitagabend erst hatte Tuchel seine besten Spieler um Mbappé zuhause gelassen, während ein Ensemble an Reservisten in Amiens 4:4 gespielt hatte.

          In Bestbesetzung litt PSG nun vor allem unter dem ungewohnt fehlerhaften Passspiel des bei nahezu jedem Ballkontakt wegen seiner Theatralik nach selbst harmlosesten Fouls gnadenlos ausgepfiffenen Spielmacher Neymar. Die erhoffte Dominanz bezüglich Ballbesitzzeiten blieb deshalb nur ein Wunschtraum. So ist für Tuchel erst einmal mentale Aufbauarbeit angesagt. Wie schon in den vergangenen drei Jahren droht der aus dem Emirat Qatar so großzügig alimentierte und entsprechend ambitionierte Klub bereits im Achtelfinale der Champions League zu scheitern.

          BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke erinnerte die Gegner am späten Dienstagabend nach Schlusspfiff sehr gerne daran. „Sie haben nun ein Déja-vu. Für sie bricht eine Welt zusammen, wenn sie wieder ausscheiden“, sagte der starke Mann bei den Dortmundern. „Psychologisch sind wir deshalb ein bisschen im Vorteil.“

          Das trifft ganz sicher auf Haaland zu, der nach seinen acht Treffern für Salzburg in sechs Vorrundenspielen vor seinem Wechsel zum BVB nun nach sieben Spielen zehn Treffer und somit eine selbst von Cristiano Ronaldo oder Messi nicht erreichte Marke zu jenem frühen Zeitpunkt einer Königsklassenkarriere vorweisen kann. „Jetzt müssen wir weitermachen, weiterarbeiten“, sagte er, ehe er dann doch auch noch ein begeisterndes Wort für den Abend fand: „Für Nächte wie diese lebt man.“ Das Lernen kann man dann ja auch am nächsten Tag angehen.

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