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Gehirnerschütterung bei Karius : Eine Diagnose und viele offene Fragen

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Liverpools Torhüter Loris Karius nach dem verlorenen Champions-League-Finale gegen Real Madrid. Bild: dpa

Eine mögliche Erklärung für die Patzer des Torhüters im Finale der Champions League scheint gefunden. Doch wie kann eine solche Diagnose so spät getroffen werden? Und weshalb ging der Liverpool-Spieler Karius überhaupt zu einem Arzt in Boston?

          Die Ereignisse aus der 49. Minute waren live von den Kameras des Fernsehens eingefangen worden. Der Zusammenprall im Fünfmeterraum, weit weg vom Ball. Der Stoß mit dem Ellenbogen an den Kopf des Torwarts, der zu Boden geht, sich wieder aufrappelt und dem Schiedsrichter mit deutlichen Gesten klarzumachen versucht, was passiert ist. Auch die kurze Handbewegung des serbischen Unparteiischen ist zu sehen: der Moment, in dem Milorad Mažić den Protest abwiegelte und dafür sorgte, dass das Spiel einfach weiterlief. So unbedeutend sie auf den ersten Blick vielleicht aussah: Tatsächlich könnte die Szene am 26. Mai im Olympiastadion von Kiew entscheidend für den Ausgang des Champions-League-Finales zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool gewesen sein.

          Das scheint fünf Tage später bei einer umfangreichen Untersuchung von zwei Ärzten im Massachusetts General Hospital in Boston deutlich geworden zu sein. Dem deutschen Torwart Loris Karius, der mit zwei eklatanten Schnitzern gravierenden Anteil an der Liverpooler Niederlage hatte, wurde mit ziemlicher Sicherheit in jenem Moment von dem ruppigen Real-Kapitän Sergio Ramos eine Gehirnerschütterung zugefügt.

          Es sei möglich, dass die festgestellten „Ausfallerscheinungen die Leistung beeinflussen“, lautete die offizielle Stellungnahme der Mediziner. Womit sich nicht nur die unerklärlichen Fehler erklären ließen, die in den Minuten danach zu zwei Toren führten, sondern auch die Symptome, die bei der Anamnese ermittelt wurden. Karius habe eine Störung des räumlichen Sehens erlitten. Eine der möglichen Fehlfunktionen, unter denen ein Gehirn leiden kann, das einen Schlag abbekommen hat. Von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) war am Dienstag zu hören, dass sie, trotz der neuen Entwicklung, dem Fall nicht nachgehen werde. Ramos reagierte mit Spott auf die Entwicklung: „Jetzt fehlt nur noch, dass Firmino behauptet, er habe sich eine Erkältung zugezogen, weil er einen Tropfen Schweiß von mir abbekommen hat“, sagte er der Zeitung „AS“.

          So überraschend die Nachricht über die Diagnose und ihr Zustandekommen kam, so könnte sie durchaus eine öffentliche Diskussion in Gang bringen, die im Fußball anders als in Sportarten wie Rugby oder American Football immer wieder ins Stocken gerät: Warum unternehmen Verantwortliche so wenig, um betroffenen Akteuren in solchen Situationen noch während der Spiele – oder des Trainings – medizinische Hilfe zukommen zu lassen? Die internationale Spielergewerkschaft glaubt schon lange, dass zu wenig getan wird. Sie teilte mit, dass sie in der kommenden Saison Profis mit Hilfe eines Informations-Videos sensibilisieren will, dass sie sich schon bei dem leisesten Verdacht für betroffene Mitspieler engagieren. Denn die können selbst meistens gar nicht abschätzen, was für eine Verletzung sie davongetragen haben.

          Wieso wurde Karius Tage später in Boston untersucht?

          Wieso Karius ausgerechnet in Boston – mit tagelanger Verspätung – und nicht in England untersucht wurde, ist unklar. Medienberichten zufolge soll sich der 24-Jährige, der 2016 für eine Transfersumme von sechs Millionen Euro vom FSV Mainz 05 nach Liverpool gewechselt war, auf einer Ferienreise nach Kalifornien befunden haben und auf dem Weg dahin einen Zwischenstopp eingelegt haben. Möglicherweise spielten für die Konsultation allerdings die Beziehungen von John W. Henry eine Rolle. Der amerikanische Besitzer des FC Liverpool ist unter anderem Eigentümer des Baseball-Teams Boston Red Sox und der Lokalzeitung „Boston Globe“. Und er sitzt im Aufsichtsrat des Massachusetts General Hospital, in dem Dr. Ross Zafonte als Chef der Abteilung „Physikalische und Rehabilitative Medizin“ arbeitet.

          Der Arzt gilt als Spezialist für Gehirntraumata. Ein Fachgebiet, das sich ständig weiterentwickelt. So wurde erst im Februar von der amerikanischen Arzneimittelaufsicht ein spezieller Bluttest zugelassen, der anzeigen kann, ob Mediziner bei einem Verdacht auf Gehirnerschütterung weiter gehende umfangreiche radiologische Untersuchungen durchführen sollten. Zu solchen Details hatte sich Zafonte in seiner schriftlichen Erklärung vom Montag („die einzige Stellungnahme, die wir in dieser Angelegenheit abgeben werden“) nicht geäußert. Er bescheinigte Karius immerhin, dass er seit dem Zwischenfall auf dem Platz „stetige und deutliche Fortschritte“ gemacht habe und sich deshalb vermutlich vollständig von den Folgen erholen werde.

          Das ärztliche Bulletin führte nicht nur in England zu einem markanten Stimmungswechsel, nachdem der Torwart zunächst zum Buhmann gemacht worden war. Darunter auch von Kritikern wie Lothar Matthäus, der im Finale von Kiew „die schlechteste Torhüter-Leistung in den letzten 20, 30 Jahren“ gesehen hatte. Das Verhalten des Torwarts hatte zudem Spekulationen um seine Zukunft ausgelöst; Karius steht noch bis zum Jahr 2021 in Liverpool unter Vertrag.

          Der im schwäbischen Biberach geborene Fußballprofi hat sich bislang nicht zu den Ergebnissen der ärztlichen Befunde geäußert. Nach Angaben seines Beraters ist damit bis zum Trainingsauftakt der Mannschaft nach der Weltmeisterschaft in Russland auch nicht zu rechnen. So bleiben Fragen zu seiner Leistung im Spiel, die zwischen den Patzern keine Beeinträchtigung zeigte, weiterhin unbeantwortet.

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