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Champions League : Die spanische Armada

Immer noch mit das beste Team der Welt: der FC Barcelona Bild: AP

Das hat noch kein anderes Land vollbracht: Fünf Klubs aus der Priméra Division spielen in dieser Saison in der Königsklasse. Zum Glück: Denn in Spanien wird Fußball mehr denn je als Kunst verstanden.

          3 Min.

          Es hätte schon ein paar gute Gründe gegeben, einen leisen Trauergesang über die verlorene spanische Schönheit im internationalen Fußball anzustimmen, vom 1:5-WM-Debakel der Selección gegen die Niederlande vor gut einem Jahr als Sinnbild nationaler Demontage bis zu den Abschieden legendärer Figuren wie Iker Casillas (Real Madrid) und Xavi Hernández (FC Barcelona) aus der Primera División vor wenigen Wochen.

          Paul Ingendaay

          Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.

          Nichts hält ewig. Erfolg will erneuert und wiedererobert werden. Die Spanier hatten ihre große Zeit - zweimal Europameister, einmal Weltmeister -, und nun sind vielleicht wirklich andere dran, etwa die Deutschen. Man gehe nur mal in spanische Stadien; wenn es nicht gerade die Spielstätte von Atlético oder Barcelona ist, herrscht in vielen von ihnen gähnende Leere, weil die Wirtschaftskrise in den Privathaushalten die Kassen geplündert hat. Vielleicht ist aber auch das Produkt nicht mehr so gut, wie es lange zu sein glaubte. Die Übersättigung mit Fußball im Fernsehen könnte selbst den fußballverrückten Iberern zu viel geworden sein.

          Auch England hatte schon die Chance

          Doch jetzt hat der FC Valencia die Qualifikation zur Champions League gegen den AS Monaco für sich entschieden – nach einer 1:2-Niederlage in Monaco und einem 3:1-Erfolg im Hinspiel –, und das Panorama für den spanischen Fußball sieht plötzlich wieder licht aus. Denn zum ersten Mal in der Geschichte des Wettbewerbs schickt ein einziges Land fünf Vertreter in die Champions League. Aus der Primera División sind das der FC Barcelona, Real Madrid, Atlético Madrid, der FC Sevilla und eben Valencia. Vor genau zehn Jahren wäre die Heldentat um ein Haar England geglückt, doch der FC Everton scheiterte 2005/06 in den Play-offs. Fragt sich also, inwiefern der spanische Erfolg eine Tendenz im Land widerspiegelt. Werden irgendwo Früchte geerntet, die im Verborgenen blühten? Oder hat der Zufall mitgeholfen?

          Zunächst sind die fünf Champions-League-Vertreter ein greifbares Symbol dafür, dass es geschäftlich wieder aufwärts geht. Erstmals seit Ausbruch der Krise, die zahlreiche spanische Profiklubs in die Insolvenz gerissen hat, konnten die konsolidierten Erstligavereine wieder annähernd so viel Geld - mehr als 450 Millionen Euro bisher - für Neuverpflichtungen ausgeben wie 2007, dem fettesten Jahr vor dem Absturz (539 Millionen).

          Shkordran Mustafi (unten) und Ruben Vezo bejubeln Valencias Einzug in die Königsklasse

          Der FC Valencia hatte dabei seine ganz eigene Geschichte von Missmanagement, Mauschelei und Korruption zu verdauen. Gerettet wurde der Verein von dem Magnaten Peter Lim aus Singapur, der im Oktober 2014 eine 70-Prozent-Mehrheit übernahm. Lim garantierte die Begleichung einer Bankschuld von 320 Millionen Euro und steckte gut 200 Millionen Euro in den Aufbau eines neuen Teams, das in der Primera División Rang fünf erreichte. Ein Asset ist auch Kim Lim, die junge Tochter des Unternehmers, die ihre Liebe zum FC Valencia auf Selfies in die sozialen Netze pustet. Inzwischen scheint es zwischen der Stadt und der Familie des Magnaten tatsächlich so etwas wie Sympathie zu geben.

          Auch Atlético Madrid, der Klub, der sich diese Saison am teuersten verstärkt hat, zählt auf asiatische Hilfe. Anfang des Jahres kaufte sich der chinesische Multimillionär Wang Jianlin, Herr über ein Imperium von Privat- und Gewerbeimmobilien, mit einer Zwanzig-Prozent-Beteiligung bei Atlético ein und wurde zum dritten Großaktionär des Klubs. Die Kooperation war wohl die Vorbedingung dafür, dass der überaus erfolgreiche Trainer Diego Pablo Simeone seinen Vertrag verlängerte und sich auf längere Zeit an das Projekt „Markenexpansion“ des Vereins band.

          Wieder anders funktioniert der FC Sevilla. Hier herrscht die Devise: Billig erwerben und teuer verkaufen - und dazwischen maximalen Profit daraus schlagen. Der Architekt dieser Strategie hat einen Namen: Ramón Rodríguez Verdejo, genannt „Monchi“, Jahrgang 1968 und langjähriger Sportdirektor des FC Sevilla. Monchi hat bei den Andalusiern Klassetalente wie Sergio Ramos, Dani Alves, Seydu Keita, Christian Poulsen oder Jesús Navas herangezogen - und für sehr viel Geld an europäische Großklubs verkauft. Auch ein Ivan Rakitic, der bei Schalke 04 eher unauffällig agierte, wurde in Sevilla zum Star und konnte sich nach dem lukrativen Weiterverkauf binnen kurzem als Stammspieler des FC Barcelona etablieren.

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          Bleibt noch der Fußball als Kunst, ein taktisch modernes, aber nie ins Korsett gezwungenes Spiel mit technischen Raffinessen, das nach wie vor am besten bei spanischen Klubs zu beobachten ist. Einige der weltweit gefragtesten Stürmer spielen in der Primera División, und es wird dabei nicht nur ums Geld gehen: Messi, Ronaldo, Neymar, Benzema, Suárez, Bale. Was man die „spanische Freiheit“ nennen könnte, die Kombination aus Athletik und Artistentum, hat sich in den letzten Jahren über ganz Europa verbreitet.

          Spanische Trainer haben die stärksten Ligen aufgemischt, spanische Spieler sind zum begehrten Exportartikel geworden. Die beiden vergangenen Champions-League-Sieger kommen aus Spanien. Vier der bis dato sechs letzten Gewinner der Europa League kommen aus Spanien. Diese Saison ergibt sich außerdem die erstaunliche Koinzidenz, dass zwei Spanier die beiden erfolgreichsten Champions-League-Teams der letzten zwanzig Jahre trainieren, nämlich den FC Barcelona (vier Siege) und Real Madrid (ebenfalls vier).

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