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Roma-Kapitän Totti : Das letzte Denkmal

  • -Aktualisiert am

Immer noch als Torschütze gefährlich: der 38 Jahre alte Francesco Totti Bild: Reuters

Seit mehr als 20 Jahren gibt Francesco Totti beim AS Rom den Takt vor – auch am Dienstag (20.45 Uhr) gegen Bayern in der Champions League. Seine Treue zu dem Traditionsklub bezeichnet er als eine Mischung aus Faulheit und Liebe.

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          Die größte Provokation, die sich Francesco Totti in seiner Heimatstadt gefallen lassen muss, steht in Graffiti-Lettern auf einer Mauer im römischen Westen: „Totti non alza sto’cazzo“, heißt es dort. Der von Anhängern der Konkurrenz von Lazio Rom in Hellblau verfasste Spott bedeutet in einer entschärften Version soviel wie: „Totti gewinnt keinen Blumentopf.“ Es gilt als der große Makel in der einzigartigen Fußballspieler-Karriere Tottis, dass der Kapitän des AS Rom aus seinem großen Potential verhältnismäßig wenige Titel gemacht hat. Ganz so spärlich ist die Ausbeute zwar auch wieder nicht, wenn einer Weltmeister (2006 mit Italien), italienischer Meister (2001) und zweimal italienischer Pokalsieger (2007 und 2008) geworden ist. Aber es ist halt schon ein bisschen her.

          In der Champions League hat Totti jüngst auch den „Methusalem-Rekord“ gebrochen. Im zweiten Gruppenspiel gegen Manchester City erzielte er den 1:1-Ausgleich und ging mit 38 Jahren als ältester Spieler in die Annalen ein, der ein Tor in diesem Wettbewerb erzielt hat. An diesem Dienstag (20.45 Uhr/ live in Sky und F.A.Z.-Liveticker) kommt der FC Bayern zum Duell in das erstmals seit Jahren wieder ausverkaufte Olympiastadion. Nach dem guten Start seines Teams in den Wettbewerb (vier Punkte aus zwei Spielen) wird Totti ein paar Gedanken daran verschwendet haben, wie es wohl wäre, nicht nur die Münchner in die Schranken zu weisen, sondern endlich auch einen internationalen Titel mit seinem Verein zu gewinnen.

          Am Ziel der Träume: Totti 2006 in Berlin mit dem WM-Pokal

          Dabei sind die Prioritäten beim Tabellenzweiten der Serie A eindeutig: „Ich möchte noch einmal den Scudetto mit der Roma gewinnen“, hat Totti vor einiger Zeit wissen lassen. Eine Meisterschaft in Rom käme zehn Titeln mit einem anderen Verein gleich, sagte er. Totti hat damals nicht behauptet, dass das mit der ewigen Benachteiligung des Südens in Italien zu tun hätte. Aber ganz fern ist ihm dieser Gedanke nicht, wie sich nach der 2:3-Niederlage beim Tabellenführer Juventus Turin vor zwei Wochen zeigte. „Juve spielt in einer eigenen Liga“, sagte der Roma-Kapitän beleidigt im Hinblick auf mehrere Fehlentscheidungen des Schiedsrichters. In Rom kann man unter normalen Umständen nichts gewinnen, das war seine Botschaft.

          Totti gibt auch mal den sterbenden Schwan

          Totti ist empfindlich. Und das gilt nicht nur, wenn der Kapitän wie oft beim Tackling der Gegenspieler wie ein sterbender Schwan zu Boden geht. Den Schritt raus aus dem römischen Kokon hat er trotz reizvoller Angebote (AC Mailand, Real Madrid) nie gewagt. Diese Treue, die er selbst einmal als Mischung aus „Faulheit und Liebe“ umschrieb, macht ihn zur letzten Identifikationsfigur des darbenden italienischen Calcio. Für viele Römer ist auch der Fußball am Ende, wenn der 38-Jährige eines nicht allzu fernen Tages aufhört.

          Einmal Roma, immer Roma: Totti (rechts) mit Teamkollege De Rossi

          Sportlich ist Totti immer noch eine zentrale Figur beim AS Rom. Zwar wechselt ihn der französische Trainer Rudi Garcia oft vor Spielschluss aus. Aber erst am Samstag beim 3:0-Heimsieg gegen Chievo Verona war wieder ein Totti-Tag. Ein 40-Meter-Pass des gebürtigen Römers landete direkt bei Mitspieler Adem Ljajic, der zum 2:0 einschoss. Den Elfmeter zum 3:0 setzte Totti routiniert selbst ins Kreuzeck. Tottis phänomenale Technik macht den AS Rom unter Garcia zu einem Chamäleon. Präzises Kurzpassspiel ist ebenso möglich wie gefährliche Konter, bei denen Totti oft mit spielöffnenden, direkten No-Look-Pässen die Mitspieler in Szene setzt. Sechs variable und gefährliche Angriffsspieler stehen Garcia im Kader zur Verfügung, darunter Totti, Gervinho und der dynamische Argentinier Juan Manuel Iturbe.

          Totti ist langsamer geworden über die Jahre. Aber er ist auch nach 21 Spielzeiten beim AS Rom das Zentrum des Angriffsspiels. Dass das Zusammenspiel im Moment wieder so gut klappt, hat unter anderem mit dem vor einem Jahr vom OSC Lille gekommenen Trainer Garcia zu tun, der Totti die Freiheit lässt, die er seit etwa zehn Jahren gewöhnt ist. Schon unter Luciano Spalletti spielte der Kapitän als „falsche Neun“, obwohl es damals diese Bezeichnung noch gar nicht gab.

          Totti ist immer noch ein Idol beim AS Rom, sein Wort ist Gesetz. Ein Sonntag ohne den Capitano ist aus Sicht der meisten Tifosi sinnlos. Für ein Autogramm oder gar eine Berührung des Erlauchten sind viele Römer zum Äußersten bereit. Fragt sich nur, was der Mann, der einst Tankwart werden wollte, nach dem Karriereende machen wird. Antwort: Er bleibt bei der Roma, als Manager. Ein Büro am Trainingszentrum in Trigoria hat er schon vor Jahren bezogen, als einziger Spieler des Vereins.

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