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FC Chelsea : Vorne verschwenderisch, hinten durchlässig

  • -Aktualisiert am

Antreiber an der Seitenlinie: Chelsea-Ikone Frank Lampard Bild: AFP

Die Stützen sind zum wesentlichen Teil Nachwuchsspieler; der Trainer zwar ein Publikumsliebling, aber im internationalen Spitzenfußball noch unerfahren, soll beim großen FC Chelsea den Umbruch vorantreiben. Wie gut sind die Blues?

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          Der 2:1-Sieg am Samstag im London-Derby gegen Tottenham Hotspur war genau das, was der FC Chelsea vor dem Treffen mit den Bayern an diesem Dienstag (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) gebraucht hat. Zum einen hat der Klub des 41 Jahre alten Trainers Frank Lampard dadurch Platz vier in der Tabelle der Premier League erfolgreich verteidigt – hätte Chelsea verloren, wäre Tottenham vorbeigezogen. Zum anderen hat die Mannschaft durch den Erfolg nach einer schwierigen Phase neues Selbstvertrauen gewonnen: Seit dem Jahreswechsel hatte Chelsea von sechs Ligaspielen nur eines gewonnen bei drei Unentschieden und zwei Niederlagen. Fans und Umfeld wurden allmählich nervös; nach der Heimniederlage gegen Manchester United vor einer Woche waren sogar Buhrufe zu hören. Da kam der verdiente Erfolg, der zu niedrig ausfiel, zur rechten Zeit.

          Ob das Tief nun aber schon überwunden ist? Es gibt gute Gründe, den Erfolg nicht zu hoch zu bewerten. Tottenham fehlen derzeit wichtige Spieler wegen Verletzungen, der Klub befindet sich zudem ähnlich wie der FC Chelsea im Umbruch. Der Erfolg war aber vor allem für die Moral wichtig. Denn gegen den FC Bayern wird neben den fußballerischen Qualitäten auch ein intakter Teamgeist dringend nötig sein.

          Champions League

          Dabei läuft es insgesamt gar nicht schlecht für Frank Lampard in seiner ersten Saison als Trainer des Klubs, bei dem er als Spieler mit mehr als 600 Pflichtspielen in 13 Jahren zu einer Legende geworden ist. Nach 27 Spieltagen in der Premier League ist der Verein Vierter und damit auf einem guten Kurs, die Qualifikation für die Champions League auch in diesem Jahr zu schaffen. Die Verpflichtung Lampards war ein Wagnis; vor dem Wechsel an seine alte Wirkungsstätte hatte der frühere englische Nationalspieler nur eine Saison lang beim Zweitligaverein Derby County Erfahrungen als Trainer gesammelt. Zudem sind die Umstände seines Engagements bei Chelsea schwierig: Mit Eden Hazard hat der wohl beste Spieler im Sommer den Klub in Richtung Real Madrid verlassen, und wegen der Transfersperre durch den Fußball-Weltverband konnte Chelsea im Sommer keinen adäquaten Ersatz besorgen. Doch auch im Winter, als der Klub wieder gedurft hätte, kaufte er zu Lampards Ärger keine Zugänge. Das Team besteht deshalb zu einem wesentlichen Teil aus Nachwuchsspielern wie Tammy Abraham und Mason Mount, die zu Stützen geworden sind.

          Personifizierte Gegenentwurf zum Sarri-Fußball

          Lampards Ansatz unterscheidet sich von dem seines Vorgängers Maurizio Sarri. Der wurde mit Chelsea zwar Dritter in der Liga und gewann die Europa League, aber wegen seiner distanzierten und knurrigen Art wurde er mit der Klubführung um Eigentümer Roman Abramowitsch und den Fans nie richtig warm. Lampard ist ein Gegenentwurf: eine emotionale Identifikationsfigur, die Mannschaft und Fans wieder miteinander versöhnen soll – ohne dabei das sportliche Abschneiden zu vernachlässigen. Beobachter berichten, Lampard habe die Intensität im Training deutlich hochgefahren. Den „Sarri-Ball“ genannten Ballbesitzfußball seines Vorgängers hat er gegen eine direktere, zackigere und – wenn es gut läuft – druckvollere Spielweise ausgetauscht. Im Schnitt hat Chelsea dadurch selten viel Ballbesitz und spielt weniger Pässe als früher, schoss dafür aber zuletzt sowohl gegen Tottenham als auch gegen Manchester United jeweils 17 Mal aufs Tor und damit weit häufiger als die Gegner.

          Das Problem der Mannschaft: Vorne ist sie oft verschwenderisch mit ihren Torchancen, im Mittelfeld bei gegnerischen Kontern zu durchlässig, und hinten ist sie zu leicht zu überrumpeln – besonders bei Standardsituationen. Von den Klubs auf den Plätzen eins bis vier in der Premier League hat Chelsea die wenigsten Tore geschossen und die meisten hinnehmen müssen. Lampard scheut sich deshalb auch nicht vor unangenehmen Entscheidungen: Torwart Kepa Arrizabalaga, 2018 für die Rekordsumme von 80 Millionen Euro eingekauft, saß bei den drei vergangenen Spielen wegen vorangegangener Fehler nur auf der Bank. An seiner Stelle spielte der 38 Jahre alte Ersatzmann Willy Caballero.

          Im Mai 2012 besiegte der FC Chelsea den FC Bayern im Champions-League-Finale in München im Elfmeterschießen – damals noch mit Lampard als Kapitän. Fünf Meistertitel, mehrere Pokalsiege und der Triumph in der Europa League in der vergangenen Saison sowie im Jahr 2013 machen den Verein zu einem der erfolgreichsten in England seit der Jahrtausendwende. Nun aber befindet sich der Klub in einem Übergangsjahr. Mit N’Golo Kanté fällt zudem im Hinspiel gegen die Münchener einer der erfahreneren Profis wie einige andere Verletzte aus. Nicht nur deshalb wäre es eine Überraschung, sollte sich der Klub im Hin- und Rückspiel gegen die Bayern behaupten. Aber das war der Finalsieg 2012 auch.

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