https://www.faz.net/-gtm-aamz5

Thomas Tuchel : Der Underdog, der keiner ist

  • -Aktualisiert am

Im Halbfinale: Chelsea-Trainer Tuchel bedankt sich bei seinen Spielern. Bild: Picture-Alliance

Thomas Tuchel führt den FC Chelsea ins Halbfinale der Champions League. Seine Mannschaft tritt defensiv diszipliniert und organisiert auf und hat damit Erfolg. Tuchel schlägt trotzdem leise Töne an.

          2 Min.

          Bei Thomas Tuchel läuft es wenige Monate nach seinem Rausschmiss bei Paris Saint-Germain derzeit wie am Schnürchen. In der Premier League hat der Trainer den FC Chelsea seit Ende Januar von Platz neun wieder in Schlagdistanz zu den anvisierten oberen vier Tabellenplätzen gebracht, und in der Champions League hat sein neuer Klub am Dienstagabend den Einzug ins Halbfinale klargemacht. Das letzte Mal, dass Chelsea im europäischen Spitzenwettbewerb so weit kam, ist sieben Jahre her. Am Ende einer schwierigen Saison, in deren Mitte sich Chelsea von Klub-Ikone Frank Lampard trennte und an seiner Stelle Tuchel engagierte, könnte womöglich die begehrteste Trophäe des europäischen Vereinsfußballs stehen.

          Champions League

          Gegen den FC Porto reichte Chelsea durch den 2:0-Sieg im Hinspiel sogar eine 0:1-Niederlage im Rückspiel zum Weiterkommen. Die Partie war ausgesprochen ereignisarm; Chelsea brachte nur einen Schuss aufs Tor zustande, Porto zwei. Immerhin: Portos Siegtreffer war dafür umso spektakulärer, ein wunderschöner Fallrückzieher von Mehdi Taremi in den Torwinkel, aber er fiel erst spät in der Nachspielzeit – und kurz darauf war Schluss. Tuchel hatte seine Mannschaft abwartend eingestellt, er wollte in erster Linie den Vorsprung aus dem Hinspiel verwalten, um ja kein unnötiges Risiko einzugehen. Es war nicht schön, aber effizient. „Hier ging es um das Spiel-Management“, schrieb die BBC in einer Analyse: „Und abgesehen von dem Schrecken in letzter Minute hat Chelsea den Job gut erledigt.“

          Es passt zum Tuchel-Effekt, der bei Chelsea seit seiner Verpflichtung zu erkennen ist. Die Mannschaft tritt seitdem defensiv diszipliniert und organisiert auf – und hat damit beachtlichen Erfolg. Von 18 Spielen mit Tuchel in allen Wettbewerben hat Chelsea nur zwei verloren, zwölf haben sie gewonnen. In dieser Zeit haben sie gerade mal neun Gegentore hinnehmen müssen, und es hätten noch deutlich weniger sein können, wären sie Anfang April in der Liga gegen West Bromwich Albion nicht überraschend 2:5 untergegangen. Das Spiel war ein krasser Ausreißer, nachdem die Abwehr in den 14 vorangegangenen Spielen lediglich zwei Gegentore zugelassen hatte.

          Chelseas junger Mittelfeldspieler Mason Mount sagte nach dem Rückspiel gegen Porto beim Sender „BT Sport“, es sei für Tuchel sicher nicht leicht gewesen, die verunsicherte Mannschaft mitten in der Saison zu übernehmen, „aber er hat einen großen Einfluss auf die Spieler genommen“. Vom ersten Tag an sei jedem im Team klar gewesen, was Tuchel auf welche Weise erreichen wollte. „Wir arbeiten hart im Training, und das sieht man.“ Egal, welcher Gegner in der Champions League als Nächstes komme, die Mannschaft sei bereit, sagte Mount.

          Tuchel schlug leisere Töne an. Den Einzug ins Halbfinale nannte er eine „große Leistung“, für seine in Teilen junge und international unerfahrene Mannschaft sei die Champions League ein „Abenteuer“, aus dem sie viel lernen werde. Das Außenseiter-Image, das Tuchel sich und seiner Mannschaft damit geben wollte, passt allerdings nicht so recht zum Konzept des Chelsea Football Club. Der Verein hat vor der Saison fast 250 Millionen Euro für Zugänge ausgegeben, um nach einigen schwächeren Jahren wieder zur Spitze in England und Europa aufzuschließen. Und obwohl es stimmt, dass manche seiner jüngeren Spieler noch nie in einem Champions-League-Halbfinale gestanden haben, weiß Tuchel genau, wie sich das anfühlt: Vergangene Saison zog er mit Paris ins Endspiel ein, das er gegen Bayern München verlor. Der „Guardian“ schrieb: „Aber irgendwie umweht Tuchel, einen Elite-Trainer, und Chelsea, mit seinem Wohlstand an spielenden Reichtümern, der Hauch eines flotten, unschuldigen Underdogs.“

          An diesem Samstag kann Chelsea für das Champions-League-Halbfinale üben. Dann spielen sie im Halbfinale des FA Cups gegen den Premier-League-Tabellenführer Manchester City. Weniger als drei Monate nach Tuchels Ankunft in London ist Platz vier in der Liga zum Greifen nah – und Chelsea steht in der Champions League und im FA Cup im Halbfinale. Es hätte wahrlich schlechter laufen können.

          Champions League

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Daisuke Inoue mit seiner Erfindung

          Geistiges Eigentum : Erfinden ohne Patente

          Der Schutz durch Patente treibt die Wissenschaft auf den Markt. Doch viele Forscher und Erfinder haben sich ihre geistigen Früchte gar nicht schützen lassen.
          Gefährdete Spezies: Auch für Hersteller von Spielzeugpuppen werden derzeit die Rohstoffe knapp.

          Rohstoffmangel in Europa : Bei Barbiepuppen wird es schon eng

          In Europa werden Rohstoffe knapp. Pappe, Metall und Kunststoff sind Mangelware. Lieferketten sind zu anfällig, die Vorräte zu dürftig. Vor Jahresende ist wenig Besserung in Sicht.
          Eine Figur des britischen Premierminister Boris Johnson im Hafen von Hartlepool am 7. Mai

          Nachwahl in Hartlepool : Die krachende Niederlage der Labour Party

          Die überwältigende Mehrheit für die Tory-Kandidatin in der früheren Labour-Hochburg Hartlepool erschüttert die Oppositionspartei. Und wirft die Frage auf, ob Keir Starmers Zeit als Vorsitzender abgelaufen ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.