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FC Bayern gegen Liverpool : Das Stigma des Robert Lewandowski

Auf Robert Lewandowski kommt es an beim FC Bayern gegen Liverpool. Bild: Reuters

Das Duell mit Liverpool ist das wohl schwerste Achtelfinale, das die Bayern je hatten. Und die Erwartungen an Robert Lewandowski sind so groß wie vielleicht noch nie. Doch es gibt dabei nicht nur ein Problem.

          Ein Lewandowski-Tor kommt selten allein. In 52 Bundesligaspielen hat der Torjäger von Bayern München mindestens doppelt getroffen. Und damit mehr als die Hälfte seiner 197 Liga-Tore im Zwei- bis Fünffachpack erzielt. Wenn der Pole erst mal in Schusslaune gekommen ist, kann man böse unter die Räder kommen. So wie einst Real Madrid im Halbfinale der Champions League, im Frühjahr 2013, als er für Borussia Dortmund vier Tore schoss.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Jürgen Klopp weiß das, er stand bei jenem realen Tagtraum für einen Torjäger jubelnd an der Linie. So war es kein Wunder, dass der Trainer des FC Liverpool beim 0:0 im Hinspiel gegen den FC Bayern vor drei Wochen die Taktik seines Teams darauf abstellte, seinen früheren Zögling zu neutralisieren. Weil die Bayern genauso zurückhaltend agierten, kam Lewandowski, mehr vorderster Verteidiger als Sturmspitze, nur auf 34 Ballkontakte, exakt drei davon im Strafraum. Und so brachten die Bayern zum ersten Mal seit vier Jahren in der Champions League keinen einzigen Schuss aufs Tor.

          In Teil zwei des Duells kann es an diesem Mittwoch in München (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) kaum noch einmal so funktionieren wie beim Defensiv-Patt in Teil eins. Mit einem halben Dutzend Toren schossen die Bayern sich gegen den VfL Wolfsburg in Laune. Doch was ist das wert? „Bei allem Selbstbewusstsein aus diesem Spiel“, mahnt Lewandowski, „dürfen wir jetzt nicht denken, dass es am Mittwoch einfacher wird. Es wird sehr schwierig.“ Und er soll endlich liefern, nachdem er in den großen K.-o.-Spielen der Champions League in nun bald fünf Bayern-Jahren nie so entscheidend auftreten konnte wie bei der Dortmunder Gala gegen Real.

          Vor dem wohl schwersten Achtelfinale, das die Bayern je hatten, ist die Erwartung an Lewandowski so groß wie vielleicht noch nie. Doch um Tore liefern zu können, braucht ein Mittelstürmer Zulieferer. Wer kann das leisten? Thomas Müller, der offensive Lieblingskollege, von dessen öffnenden Läufen Lewandowski oft profitiert hat, ist gesperrt. Joshua Kimmich, der sieben Saisontore Lewandowskis vorbereitet hat, ist es wegen einer von ihm selbst als „dumm“ bezeichneten Gelben Karte in Liverpool ebenso. Arjen Robben fehlt seit November. Und fraglich bleibt, ob Linksaußen Kingsley Coman fit genug für die Startelf ist und Rechtsaußen Serge Gnabry die Durchsetzungsfähigkeit für eine Abwehr wie die von Liverpool hat.

          Bei so vielen Einschränkungen wirkt es, als müsse der Befreiungsschlag von Lewandowski allein kommen, vom „Unersetzlichen“, wie Präsident Uli Hoeneß ihn nennt. Dem Einzigen, der immer spielt, immer durchspielt. Nur einmal war er nicht aufgestellt worden, Ende September beim 1:1 gegen Augsburg, Höhepunkt von Niko Kovacs Rotation und Beginn von Bayerns Herbstkrise. Seitdem tut er wieder, was er seit seinem Debüt als storchenbeiniger Jüngling für Znicz Pruszków 2007 fast ununterbrochen tut: Fußball spielen, Tore jagen.

          Die Krise der Bayern scheint vorbei, auch Lewandowski traf zuletzt mit wieder wachsender Selbstverständlichkeit. Dazu setzt er, zum dritten Kapitän befördert, die Mitspieler häufiger ein als früher. Mit 17 Toren führt er die Torjägerliste der Bundesliga an, mit acht Toren die der Champions League, doch dazu hat er auch elf Torvorlagen beigesteuert. Nun, mit dreißig, kommt Lewandowski in das Alter, in dem sich die Tore, die seinen Hunger nicht stillen können, zu Spitzenpositionen in „ewigen“ Bestenlisten addieren. Seit Samstag ist er der trefflichste Ausländer der Bundesligageschichte. Und die 180 Treffer in 229 Spielen für die Bayern bedeuten eine Torquote, die nur Gerd Müller übertraf.

          Ein Herzensspieler der Fans wird Lewandowski in seiner kühlen, hochprofessionellen Art dennoch wohl nie sein. Einer wie er kann nur eine Wertschätzung erwarten, die er sich stets neu verdienen muss. Und trotz aller Trefferrekorde begegnet ihm immer wieder der Vorwurf mangelnder Durchschlagskraft, wenn es gegen die größten Gegner geht und damit gegen die weltbesten Verteidiger, wie nun den Liverpooler Virgil van Dijk. Dabei haben in Wirklichkeit in den sieben Jahren seit Lewandowskis Champions-League-Debüt mit Dortmund nur Cristiano Ronaldo und Lionel Messi in K.-o.-Spielen mehr Tore erzielt. Und entgegen dem Klischee traf er auch in den größten Duellen der Königsklasse, den dramatischen Rückspielen gegen Barcelona, Atlético und Real in den Jahren 2015 bis 2017. Nur war es zu wenig. Bayern scheiterte jedes Mal an den Spaniern, so blieb das Stigma an Lewandowski haften. Wie er es loswerden kann? Wohl nur mit einem Traumtag wie damals, als auch schon Klopp an der Linie stand.

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