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Champions League in Ukraine : „Ganz komisches Gefühl“ beim FC Bayern

„Eigenartiges Empfinden, gegen eine Mannschaft zu spielen, die in einem Kriegsgebiet beheimatet ist“: Thomas Müller Bild: Picture-Alliance

Der FC Bayern hat aus der Kritik an der Saudi-Arabien-Reise gelernt. Vor dem Spiel in der Ukraine (20.45 Uhr) sprechen die Münchner ungewöhnlich offen über ihre Gefühle bei der Reise ins Krisengebiet.

          Thomas Müller bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Schon bei seiner ersten Champions-League-Reise nach Tel Aviv im September 2009 trat der damals 19-Jährige auf wie ein Alter. Auf dem Münchner Flughafen vergewisserte er sich ein letztes Mal, ob er nicht den Reisepass vergessen hatte, grinste und sagte: „Jetzt kann mich nichts mehr nervös machen.“ Der Pass war da, die Tore kamen wie von allein dazu. Der Debütant steuerte zwei Treffer zum 3:0 gegen Maccabi Haifa bei.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Vor dem Abflug in die Ukraine am Montag dagegen beschlich Müller „ein ganz komisches Gefühl“ - auch wenn das Ziel des Sonderflugs LH 2570 Lemberg (Lwiw) hieß, tausend Kilometer von der Front des Bürgerkriegs entfernt, vor dem der Bayern-Gegner Schachtjor Donezk zur Austragung seiner Spiele in den Westen des Landes geflohen ist. Es sei „schwer zu begreifen und ein eigenartiges Empfinden, gegen eine Mannschaft zu spielen, die in einem Kriegsgebiet beheimatet ist“, sagte der Nationalspieler im Interview mit dem „Kicker“.

          Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge wäre es lieber gewesen, die Achtelfinalpartie an diesem Dienstag (20.45 Uhr / Live bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) in einem neutralen Land zu bestreiten, doch die Europäische Fußball-Union befand Lemberg für sicher. Der deutsche Meister strafft die Dauer der Reise auf das mögliche Mindestmaß: Anreise am Vorabend des Spiels, Abreise unmittelbar danach ohne das übliche Bankett, Rückkehr nach München um 2.15 Uhr früh am Mittwoch. Die dafür nötige Ausnahme vom nächtlichen Landeverbot wurde wegen der Anreise aus einem „Krisengebiet“ genehmigt. Mit rund 35 Stunden wird es die wohl kürzeste Champions-League-Reise der Klubgeschichte.

          Auch das trägt dazu bei, dass bei diesem Spiel die alten Routinen nicht greifen. „Diese Situation ist irgendwie surreal“, sagte Müller. „Man weiß, dass dort dieser schreckliche Krieg ist, realisiert es aber nicht so, weil man so eine schlimme Situation nicht kennt - Gott sei Dank nicht kennt.“ Dabei warnte er vor der Erwartung, dass der Sport oder die Vereine in politische Fragen eingreifen sollten. „Andererseits dürfen und können wir Fußballer die Augen vor so gravierenden Problemen nicht verschließen.“

          Auch Sturmkollege Arjen Robben fand: „Wir sind zwar Fußballer, aber in allererster Linie Menschen.“ Man könne „nicht ausblenden, dass Krieg in dem Land herrscht. Das geht jedem ans Herz.“ Es ist nicht alltäglich, dass Fußballprofis, dazu erzogen, der Leistung abträgliche, störende Gedanken auszublenden oder zumindest nicht öffentlich zu äußern, vor einem so wichtigen Spiel derartige Einblicke geben. Dass Bayern-Stars nun so offen über Irritationen reden, spiegelt einen Lernprozess, den der ganze Klub zuletzt erlebt hat - mit der Erkenntnis, dass sich auch der Fußball vor politischen Themen, mit denen er in Berührung kommt, nicht mehr wegducken kann.

          Die alte, recht bequeme Trennung zwischen Sport, also auch Geschäft, auf der einen und Politik auf der anderen Seite, mit der rituellen Erklärung, nur sportliche Fragen zu beantworten, führte den Klub im Januar beim Testspiel in Saudi-Arabien, einem Land, in dem Menschen öffentlich hingerichtet und ausgepeitscht werden und Frauen vom Betrachten eines Fußballspiels ausgeschlossen sind, in heftige öffentliche Kritik.

          Auch in der Ukraine haben die Bayern Fans

          Erst mit Verzögerung räumte Rummenigge ein, dass man die Menschenrechte in Saudi-Arabien vor dem Spiel hätte thematisieren müssen: „Wir sind ein Fußballverein und keine politischen Entscheidungsträger, aber natürlich tragen am Ende alle, also auch wir, dafür Verantwortung, dass Menschenrechte eingehalten werden.“ Der FC Bayern aber ist eine globale Marke geworden, eine Firma, die ihre Geschäfte in aller Welt macht. Nun kommt langsam auch das Bewusstsein hinzu, dass von einem derart bekannten Unternehmen auch eine Haltung zur politischen Realität in der Welt erwartet wird, jedenfalls wenn diese so problematisch ist wie in Saudi-Arabien oder nun in der Ukraine.

          „Der FC Bayern ist das Aushängeschild für Deutschland“, erklärte Michael Brand, Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses des Bundestags, in „Sport Bild“ und forderte: „Sie sollten klar kommunizieren, dass ihnen bewusst ist, wie dreckig es den Leuten im Kriegsgebiet geht.“ Der Klub erklärte, er wolle in der Ukraine „angemessene humanitäre Hilfe leisten“ und sich für deren Umsetzung vor dem Spiel an das Auswärtige Amt wenden.

          Die Bayern um Robert Lewandowski reisen nur ganz kurz in die Ukraine

          Die Verunsicherung der sogenannten Heimmannschaft dürfte hingegen noch größer sein als die der Gäste aus Deutschland. Schachtjor, Serienmeister der vergangenen fünf Jahre, kann seit Beginn des Bürgerkrieges nicht mehr in der schwerbeschädigten Donbass Arena in Donezk spielen, man trainiert nun in Kiew, spielt in Lemberg, und die Mannschaft, aus der die meisten der 13 Brasilianer lieber heute als morgen in ein anderes Land wechseln wollen, ist ebenso gespalten wie die Anhängerschaft, von der viele Fans dem Klub „Verrat“ vorwerfen.

          Seit November ist zudem Winterpause, das Team konnte sich nur mit Trainingspartien in Brasilien und Spanien auf Touren halten. Für die Bayern ist Lemberg nur ein Kurztrip ins Ungewisse - für Schachtjor die Rückkehr in eine Heimat, die keine mehr ist.

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