https://www.faz.net/-gtm-a2gn4

Bayern mit Boateng und Müller : Alte Meister statt alte Herren

Thomas Müller (links) und Jerome Boateng (rechts) sind in der Nationalelf nicht mehr gefragt, beim FC Bayern dafür umso mehr. Bild: Picture-Alliance

Hansi Flick erkannte, wie wichtig Thomas Müller und Jérôme Boateng für den FC Bayern noch sein können. Gibt es nun auch ein Comeback im DFB-Team? Joachim Löw hat sich in eine verzwickte Lage gebracht.

          2 Min.

          Ob ein Fußballspiel in die Geschichte eingeht, zeigt sich manchmal erst mit ein bisschen Abstand. Das Duell des FC Bayern mit Olympique Lyon im März 2001 war seinerzeit aus Münchner Sicht einfach nur zum Vergessen. Aus historischer Sicht aber hat jene peinliche 0:3-Niederlage dem deutschen Fußball gleich ein doppeltes Erbe beschert.

          Champions League

          Sportlich, weil er bei den damals zu einer gewissen Selbstgefälligkeit neigenden Bayern der Effenberg-Generation den schlafenden Tiger geweckt hat – Kräfte, welche das Team von Ottmar Hitzfeld nur zwei Monate später den Henkelpott erobern ließen. Und sprachlich, weil sich seither jede zu ähnlichem Phlegma neigende Mannschaft mit dem damaligen Verdikt des „Kaisers“ konfrontiert sieht: „Uwe-Seeler-Traditionsmannschaft“.

          Daran, dass das eine – die Bankettrede des damaligen Bayern-Präsidenten Beckenbauer – eine Menge mit dem anderen – der späteren Beute – zu tun haben könnte, wird angesichts des Münchner Wiedersehens mit Lyon an diesem Mittwochabend (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, bei Sky und DAZN) in Lissabon viel erinnert. Bemerkenswert ist dabei vor allem eines: Dass man sich die aktuelle Bayern-Generation gar nicht mehr in einem Laissez-faire-Modus wie damals vorstellen kann (an dem im Übrigen auch der heutige Sportvorstand Salihamidzic beteiligt war).

          Den Unterschied zwischen „Altherrenfußball“ und dem „State of the art“ des 21. Jahrhunderts haben sie recht plastisch beim 8:2 gegen den FC Barcelona ausgemessen, der danach nicht mehr nur biologisch das älteste Team dieser Endrunde war. Zugleich ist es schon kaum mehr der Rede wert, dass an dieser und anderen Münchner Demonstrationen der Spiel- und Lebensfreude zwei Herren beteiligt waren, die man vor zwei Sommern schon auf direktem Weg Richtung Fußball-Altenteil wähnte.

          Dass Thomas Müller, 30, und Jérôme Boateng, 31, noch einmal derart zeitgenössischen und gewissermaßen alterslosen Fußball bieten, hat, wie man sehen kann, viel mit der richtigen Führung zu tun. Hansi Flick erkannte, welche Mentalität, welcher Hunger noch in den beiden Weltmeistern von 2014 steckte – wenn man sie nur richtig kitzelte und einband: alte Meister statt alte Herren.

          Flick, der große Kommunikator, hätte mit seinem Gespür für Sportlerseelen, die mit den Jahren manchmal eben auch sensibler werden, niemals einen Fehler wie Niko Kovac gemacht, als der sich auf Kosten Müllers profilieren wollte. Und auch nicht wie Joachim Löw, als der seine einstigen Anführer mit Eiseskälte abservierte – nach einer zugegeben beunruhigenden Entwicklung, die der Bundestrainer jedoch selbst in Gang gesetzt und nicht mehr in den Griff bekommen hatte.

          Und nun? Steht nach jedem Sieg dieser besten Bayern, die es seit langem gibt, nach jeder Teamleistung wie aus einem Guss die Frage immer noch ein bisschen größer im Raum, ob sich die Türe nicht wieder öffnen sollte. Ein Müller als Dreh- und Angelpunkt eines eingespielten Bayern-Offensivblocks im DFB-Trikot? Ein Boateng als Anker einer Abwehr, deren Stabilitätsnachweis noch nicht nachhaltig erbracht ist? Darüber sollte man zumindest reden können.

          Die Führung der Nationalmannschaft aber hat sich in eine Lage gebracht, in der sie nur noch lavieren und damit nicht gewinnen kann. Nach dem mit aller Macht inszenierten Umbruch und den vielen Bekundungen der jungen Spieler, nun die Verantwortung auch schultern zu wollen, ist eine Rückkehr kaum vorstellbar. Weshalb Löws damaliger Versuch, den Mantel der Geschichte zu ergreifen, aus heutiger Sicht mehr denn je wie schlechtes Timing wirkt: Wer zu früh kommt, den bestrafen Flicks Bayern.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.