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Champions League : Thiago ist Bayerns Ball-Magnet

Thiago kann praktisch alles – außer unsichtbar sein Bild: dpa

Barcelona wollte ihn nicht mehr, Bayern-Trainer Guardiola keinen anderen: Thiago Alcántara könnte seinem alten Klub im Champions-League-Halbfinale an diesem Mittwoch (20.45 Uhr) die Rechnung präsentieren.

          Thiago Alcántara weiß noch genau, warum er damals zu Bayern München ging. Vor einem Jahr erzählte er davon: „Man gab mir bei Barça nicht das Gefühl, dass man an mich glaubte.“ Nun muss Barça vielleicht dran glauben. Es wäre eine Pointe, wie sie der verrückte Fußball gern erfindet: Wenn der begnadete, aber unterschätzte Künstler, der eigene Zauberlehrling, den sich der berühmte Klub durch die Lappen gehen ließ, sich nun auf sportliche Weise rächen sollte.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Zumindest ist die Chance nicht gering, dass Thiago eine entscheidende Rolle im Halbfinale zwischen den beiden wohl stärksten Teams der Champions League spielen wird. Seit er Anfang April zurückgekehrt ist nach einjähriger Verletzungspause, spielte er in nahezu jedem Spiel der Bayern die Hauptrolle: im Pokal mit seinem Kung-Fu-Tritt gegen den Leverkusener Stefan Kießling, mit seinem unfassbaren Glück, dafür nicht vom Platz zu müssen, anders als sein Opfer, und seinem finalen Treffer zum Sieg im Elfmeterschießen; im Ligaspiel gegen Frankfurt, als er eine Mustermesse seiner Brillanz ablieferte; in den Viertelfinals der Champions League, als er die Bayern mit seinem Tor beim 1:3 in Porto am Leben hielt und ihnen beim 6:1 im Rückspiel mit brillanter Regie und dem Kopfball zum 1:0 neues Leben einhauchte.

          Unsichtbar kann Thiago nicht

          Auch der Bayern-Eklat der Saison hatte indirekt mit Thiago zu tun. Der abrupte Rücktritt von Vereinsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt war der Schlusspunkt einer Arbeitsbeziehung mit Trainer Pep Guardiola, die vor allem durch den Fall Thiago zerrüttet worden war – nachdem Guardiola den Lieblingsspieler zur Behandlung des Innenbandrisses entgegen Müller-Wohlfahrts Rat zu Cortison-Injektionen nach Barcelona schickte. Aus der erhofften Turbo-Genesung wurde nichts. Statt Guardiola im Saisonfinale 2014 wieder zur Verfügung zu stehen und, wie von Nationaltrainer Vicente del Bosque gewünscht, für Spanien bei der WM in Brasilien spielen zu können, erlitt der Mittelfeldspieler dieselbe Verletzung zwei weitere Male.

          Zu schnell für Porto: Auch dank Thiago steht München überhaupt im Halbfinale

          Wäre der 24-jährige Spanier ein normaler Spieler, die Wogen wären womöglich nicht so hochgeschlagen. Doch Thiago ist alles andere als normal. Er kann eigentlich alles, außer unauffällig sein. Er vermag es nicht, einfach mal nur so unsichtbar unter dem Radar mitzuspielen – so wie es der andere Jungstar, der 2013 kam, oft tut, Mario Götze.

          Thiago hat in knapp zwei Jahren bisher nur 34 Spiele für die Bayern bestreiten können, war aber in fast allen die große Attraktion. Ob mit seinem Traumpass auf Robben beim 3:0-Sieg in der Vorsaison in Dortmund, dem Seitfallzieher beim Last-Minute-Sieg in Stuttgart im Januar 2014 oder seinem No-Look-Pass auf Thomas Müller, der den Bayern vor einem Jahr in Wolfsburg den Weg zum Sieg bereitete. In jedem seiner ersten 15 Bundesligaspiele ging er mit den Bayern als Sieger vom Platz – so etwas hatte vor ihm kein anderer geschafft.

          Thiago ist der Sohn einer spanischen Volleyballspielerin und eines brasilianischen Fußballers namens Mazinho. Es ist allerdings nicht der Mazinho, der von 1991 bis 1994 für die Bayern stürmte, sondern ein anderer, fast gleichaltriger Mazinho, der als Mittelfeldspieler 1994 mit Brasilien den WM-Titel gewann. Mazinho hat sein weltmeisterliches Erbgut gerecht auf zwei Söhne und damit auf beide Halbfinalisten verteilt. Thiagos zwei Jahre jüngerer Bruder Rafinha spielt beim FC Barcelona und hat nach einem Ausleihjahr in Vigo, wo er als bester Nachwuchsspieler der spanischen Liga ausgezeichnet wurde, bereits dreißig Saisonspiele für Barcelona absolviert. Noch eine Namensgleichheit also - mit Bayern-Verteidiger Rafinha.

          Thiago (links) im Finale der U21-EM 2013 – die WM 2014 in Brasilien verpasste er verletzt

          Auf einem alten Video sieht man die beiden Brüder beim Spielen mit dem Ball, der kaum kleiner ist als sie. Der Ältere lässt dem Jüngeren keine Chance und stellt ihm immer wieder lachend ein Beinchen. Die geschmeidige Motorik ist schon da auffällig, und heute bringt sie selbst Weltmeistermacher ins Schwärmen. Hansi Flick, Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes, beim WM-Sieg in Rio Assistent von Joachim Löw, sagte bei einem Trainingsbesuch, Thiago treibe einem beim Zuschauen die Tränen in die Augen. Er kann mit dem Ball schier alles, und so will der Ball einfach immer zu ihm. In der vergangenen Saison hatte kein anderer Bundesligaspieler so viele Ballkontakte pro 90 Minuten, 129 im Durchschnitt.

          Ein 25 Millionen schweres Juwel

          Ein Spieler wie gemacht für den FC Barcelona, ein Spieler, gemacht vom FC Barcelona, ein Spieler, der aber für Bayern München spielt, weswegen vielen in seinem alten Klub das Herz bluten wird, wenn sie ihn am Mittwochabend in einem fremden Trikot im Camp Nou sehen werden. Die Bayern nutzten die Führungsschwäche des katalanischen Konkurrenzklubs in der Saison nach Guardiolas Abschied, als dessen Nachfolger Tito Vilanova, damals schon schwer krank und inzwischen an Krebs gestorben, Thiago seltener einsetzte, als wirtschaftlich klug gewesen wäre.

          Weil Guardiolas Bruder Pere zugleich Thiagos Berater ist, war es für den neuen Bayern-Trainer im Sommer 2013 kein Geheimnis, dass sein Lieblingsspieler in einem kleinen Zeitfenster zum Schnäppchenpreis zu haben war. Weil Thiago in der Saison 2012/13 von Barça nicht in 60 Prozent der Spiele eingesetzt worden war, galt für kurze Zeit nicht die festgelegte Ausstiegsklausel von 90 Millionen Euro, sondern eine von nur 18 Millionen.

          Am Ende waren es 25 Millionen, für die die Bayern ihr neues Mittelfeldjuwel bekamen, das in Barcelona einmal der Nachfolger des großen Xavi werden sollte und wollte. Xavi ist inzwischen nur noch Ersatz in Barcelona, Thiago bei den Bayern dagegen der Dreh- und Angelpunkt, mit dem im Saisonendspurt nun jene Brillanz und Torgefahr aus dem Spielzentrum kommen sollen, die seit dem Weggang von Toni Kroos oft gefehlt haben.

          Keine Schulden mehr in Spanien

          Thiago ist eine Schau, ein Bewahrer, Beschleuniger, Verteiler, Verzauberer des Balles. Guardiola schwärmt von Thiago, er könne fast jede Position spielen und habe „nie Angst“. Thiago schwärmt von Guardiola, er „habe bisher noch keinen vergleichbaren Trainer gefunden in meiner Laufbahn“ - er spielte für ihn schon in der Jugend, wurde 2009 von Guardiola in die Profimannschaft geholt und gewann dort, weitgehend als Ersatzmann, Champions League, Klub-WM, vier Meistertitel und zweimal den nationalen Pokal.

          „Ich habe Barcelona verlassen, um glücklich zu sein und Fußball spielen zu können. In München habe ich das gefunden, was ich gesucht habe“, sagte Thiago der spanischen Zeitung „El País“. „Ich wäre zu jedem Verein gewechselt, nur um nicht mehr auf der Bank sitzen zu müssen.“ Er sei Barça zwar „dankbar, ich schulde ihnen aber nichts mehr“. Vielleicht präsentiert er ihnen aber eine Rechnung.

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