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Champions League gegen Pilsen : Ist die Bayern-Krise schon vorbei?

Macht wirklich nur die Chancenverwertung den Unterschied? Trainer Julian Nagelsmann glaubt fest daran und freut sich über vier Tore. Bild: Witters

Vier Bundesliga-Spiele waren die Münchner ohne Sieg. Das 4:0 über Bayer Leverkusen und die These von Trainer Julian Nagelsmann sprechen nun für ein Ende der Krise. Doch es sind Zweifel angebracht.

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          Am 17. September saß Julian Nagelsmann, der Fußballtrainer des FC Bayern, in der Arena in Augsburg und sagte: „Über alles denke ich nach. Über mich. Über die Situation. Über alles.“ Mit seiner Mannschaft hatte er am siebten Spieltag der Bundesliga gerade 0:1 gegen Augsburg verloren. In der Pressekonferenz erlebte man einen Mann mit Zweifeln.

          Champions League
          Christopher Meltzer
          Sportkorrespondent in München.

          Am 30. September saß Nagelsmann in der Arena in München und sagte: „Ich habe nichts anders gemacht. Weder in der Ansprache noch in den Einzelgesprächen noch auf dem Platz.“ Mit seiner Mannschaft hatte er am achten Spieltag der Bundesliga gerade 4:0 gegen Leverkusen gewonnen. In der Pressekonferenz erlebte man einen Mann ohne Zweifel.

          In den zwölf Tagen dazwischen, in denen sich der deutsche Fußballdiskurs nicht um den FC Bayern, sondern um die Nationalmannschaft drehte, diskutierte Nagelsmann mit Vorgesetzten und Vertrauten.

          Die Forschungsgrundlage: ein 1:1 gegen Mönchengladbach, ein 1:1 gegen Union Berlin, ein 2:2 gegen Stuttgart, ein 0:1 gegen Augsburg.

          Die Forschungsfrage: Warum haben seine Bayern in der Bundesliga seit dem vierten Spieltag kein Spiel für sich entschieden?

          Die Forschungsthese: Der Grund für die sieglosen Spiele ist nicht in der Struktur und nicht im Spielsystem der Mannschaft zu finden, sondern in der Chancenverwertung. Und weil man dann doch eine erhebliche Diskrepanz zwischen der „Über alles denke ich nach“-Pressekonferenz und der „Ich habe nichts anders gemacht“-Pressekonferenz feststellen konnte, darf man durchaus fragen: Waren die Zweifel – Grundlage einer guten Forschung – wirklich da?

          An diesem Dienstag (18.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) fängt für Julian Nagelsmann und den FC Bayern mit der Partie gegen Viktoria Pilsen ein 15-Tage-Programm an, das für die Bewertung der Forschungsergebnisse wichtig werden könnte: In der Vorrunde der Champions League spielen sie zweimal gegen Pilsen, den Meister aus Tschechien. In der Bundesliga gegen den Tabellenvierten Dortmund (8.10.) und Tabellenzweiten Freiburg (16.10.). Und in der zweiten Runde des DFB-Pokals in Augsburg (19.10.) – dort, wo die kleine Krise in dem Auftritt der Mannschaft und des Trainers einen Höhepunkt erreicht hatte.

          Es könnte sein, dass Nagelsmann in seinen emotionalen Antworten damals mehr Zweifel andeutete, als eigentlich in ihm steckten. So ließen sich zumindest seine Analyse vor dem Duell mit Leverkusen („Wir haben ein paar Situationen nicht so genutzt, wie wir es nutzen können“) und seine Analyse danach („Wir haben die Torchancen besser genutzt“) interpretieren. In den Momenten wirkte er wieder wie ein Trainer, der in den vergangenen Wochen sicher viel diskutiert und nachgedacht hat, aber dann doch zu dem Schluss gekommen ist, dass an seiner Forschungsthese etwas dran sein muss.

          Es sprechen mehrere Gründe dafür, dass diese These stimmt. Allen voran die Statistiken (etwa die Expected Goals, die angeben, wie viele Tore eine Mannschaft gemessen an der Qualität der Torchancen hätte machen müssen). Und doch sollte man mindestens im Blick haben, dass es vermutlich zwei Varia­blen gibt, die das Ergebnis gegen Leverkusen verfälscht haben könnten – und auch die Ergebnisse gegen Pilsen und Dortmund verfälschen könnten.

          Die erste Variable: Leverkusen. So unterlegen wie die Mannschaft von Trainer Gerardo Seoane war in dieser Saison wohl noch keine Mannschaft in München. Beim 0:1 sprintete Jamal Musiala dem Linksverteidiger Mitchel Bakker davon. Beim 0:2 rutschte der Ball dem Torhüter Lukáš Hrádecký unter dem Arm durch. Beim 0:3 durfte Sadio Mané an der Strafraumgrenze aus dem Stand schießen. Und beim 0:4 rutschte Hrádecký aus. „Das, was nicht passieren darf, ist, dass du früh in Rückstand geraten darfst“, sagte Seoane: „Das ist leider passiert.“

          Die zweite Variable: Corona. An diesem Dienstag werden die Führungsspieler Joshua Kimmich und Thomas Müller gegen Pilsen nicht mitmachen können. Sie haben sich mit dem Virus infiziert, was während der Länderspielpause schon Manuel Neuer und Leon Goretzka passiert war. Weil Müller und Kimmich aber „asymptomatisch“ sind, wie Nagelsmann am Montag mitteilte, sei er für das Dortmund-Spiel „zuversichtlich“.

          Apropos: Am Freitagabend stand Oliver Kahn, der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern, in der Interviewzone und sprach über Zuversicht. Er sei „optimistisch“, wenn die Einstellung der Spieler so sei wie gegen Leverkusen. „Es war ein Schritt in die richtige Richtung“, sagte er – und fügte dann aber doch noch an: „Wir sind alle gut beraten, das jetzt nicht zu hoch zu hängen.“

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