https://www.faz.net/-gtm-8160r

Dortmunder Debakel gegen Juventus : Die gelbe Wand ist umgefallen

  • -Aktualisiert am

Da war noch Optimismus angesagt: Die Choreographie der Dortmunder Fans erinnerte an den Finalsieg gegen Juve von 1997 Bild: dpa

Borussia Dortmund kann Juventus Turin bei der 0:3-Niederlage kaum etwas entgegen setzen. Der BVB verabschiedet sich ins Mittelmaß. Selbst eine Mannschaft wie Köln ist taktisch überlegen.

          3 Min.

          Zumindest die Südtribüne mit vielen tausend BVB-Fans hatte den Italienern Respekt eingeflößt. Der emotionalste Teil des Dortmunder Stadion war vor dem Spiel sogar in der „Gazzetta dello Sport“ thematisiert worden. „Nicht nur Klopp oder Reus. In Dortmund spielt man auch gegen eine gelbe Wand“, schrieb das Blatt. Doch im Achtelfinalrückspiel der Champions League hatte weder Mittelfeldstratege Marco Reus noch Trainer Jürgen Klopp noch die „gelbe Wand“ den Fußballprofis von Juventus Turin etwas entgegenzusetzen.

          Als der Schiedsrichter die Partie abpfiff, hatten viele Menschen „die Süd“ längst verlassen. Sie wollten nur noch weg, so schnell wie möglich nach Hause oder in die nächste Kneipe, um den Dortmunder K.o. in der Königsklasse des europäischen Fußballs zu vergessen. Anders als eine Woche zuvor beim Scheitern des Erzrivalen Schalke, der trotz eines 4:3 über Real Madrid ausgeschieden ist, hieß es für Dortmund: Raus ohne Applaus.

          Da war noch Optimismus angesagt: Die Choreographie der Dortmunder Fans erinnerte an den Finalsieg gegen Juve von 1997 Bilderstrecke
          Da war noch Optimismus angesagt: Die Choreographie der Dortmunder Fans erinnerte an den Finalsieg gegen Juve von 1997 :

          Beim 0:3 gegen den Tabellenführer der Serie A hatte die Heimelf nicht den Hauch einer Chance, das 1:2 aus dem Hinspiel wettzumachen. „Juve war klar besser als wir“, sagte BVB-Trainer Jürgen Klopp. „Wir sind hochverdient rausgeflogen und haben keine Berechtigung, in der Champions League weiter mitzuspielen.“

          Was als spannendes neues Kapitel der großen Dortmunder Europapokalgeschichte geplant war, endete als traurige Kurzgeschichte ohne den geringsten dramaturgischen Tiefgang. Schon nach gut zwei Minuten hatte der überragende Angreifer Carlos Tevez die Borussia entscheidend getroffen. Der erste Treffer, dem Alvaro Morata später zwei weitere hinzufügte, versetzte den Dortmundern einen Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholten. „Das frühe Gegentor war zweifellos ein Schock“, sagte Mannschaftskapitän Mats Hummels. „Am Ende haben wir auch in der Höhe verdient verloren.“

          Aber nicht nur der Verlauf des Spiels und die Höhe des Resultats waren schmerzhaft für den Revierklub, der vor zwei Jahren noch im Finale der Champions League gestanden und nur knapp gegen Bayern München verloren hatte. Das Aus macht den Dortmundern bewusst, wie gravierend ihr Leistungsabfall im Vergleich zu den vorherigen Jahren ist.

          In der zurückliegenden Saison waren sie – nach einem beeindruckenden Rückspiel – im Viertelfinale unter großem Beifall knapp am späteren Titelgewinner Real Madrid gescheitert. Diesmal sahen sie sich gezwungen, schon eine Runde früher, kurz nach Beginn des Rückspiels zu kapitulieren.

          Was noch schwerer wiegt: Dortmund wird höchstwahrscheinlich für länger von der bedeutendsten Bühne des Vereinsfußballs verschwinden. Solange der BVB noch in der Champions League vertreten war, ließ sich die Illusion aufrechterhalten, die Mannschaft sei wenigstens an besonderen Abenden noch immer in der Lage, Außergewöhnliches zu leisten. Damit ist es vorbei.

          Allenfalls das Erreichen der Europa League, etwa über den DFB-Pokal, erscheint in dieser Saison noch halbwegs realistisch. In der Bundesliga ist Dortmund Tabellen-Zehnter. Und so spielt die Mannschaft auch. Gegen „Juve“ knüpfte sie an die tristen Alltagsspiele gegen Hamburg und Köln an, gegen Klubs also, die höchstens Bundesliga-Mittelmaß verkörpern. Dortmund blieb zum dritten Mal nacheinander in einem Pflichtspiel ohne Tor. Solches Null-Wachstum hat inzwischen verschiedene Ursachen.

          Selbst Köln taktisch überlegen

          Eine Zeitlang hatte Klopp beklagt, dass seine Spieler aus unzähligen Chancen viel zu wenig Tore machten. Inzwischen muss er feststellen, dass sich kaum noch Möglichkeiten bieten. Gegen Juventus kamen die Dortmunder Angriffe, wenn’s hoch kommt, zweimal zum Abschluss. „Wer nicht aufs Tor schießt, kann das Tor auch nicht treffen“, sagt Klopp. Personell kann der Trainer längst wieder aus dem Vollen schöpfen, und fit sei die Mannschaft auch, sagt er. Aber es fehlt ihr an Mut, an Esprit, an Kreativität und an Konsequenz.

          Aufgrund dieser Mängel schwindet das Selbstvertrauen, das die Spieler nach der Winterpause allmählich wieder aufgebaut hatten. Von der Begeisterung, die der Heimsieg über Schalke geweckt hatte, ist nichts mehr zu spüren. Weder Ilkay Gündogan noch Marco Reus, schon gar nicht Henrich Mchitarjan oder Shinji Kagawa (der gegen Turin nicht spielte) waren zuletzt in der Lage, einen Takt vorzugeben, einen tief stehenden Gegner aus der Deckung zu locken oder ihn mit überraschenden Aktionen zu übertölpeln.

          Vor allem beim räumlichen Denken zeigen die BVB-Profis Schwächen. Seine Elf habe „viel Ballbesitz in Räumen, in denen es sich nicht wahnsinnig lohnt“, sagt Klopp. Der Versuch, das Spiel in die „richtigen“ Räume zu verlagern, schlägt oft fehl. Also spielten die Angreifer zuweilen „zwei gegen acht“, sagt Klopp. So war es schon wenige Tage zuvor gegen den 1. FC Köln gewesen, ein Ensemble, das bei weitem nicht die Klasse von Juventus Turin besitzt, den Dortmundern aber taktisch überlegen schien.

          Die Dimension des Scheiterns könnte manchem noch eine Weile zu schaffen machen. Spieler und Fans des BVB dürften das Restprogramm der Saison desillusioniert angehen. Mit Langzeitfolgen rechnet der Trainer trotz der herben Niederlage gegen „Juve“ aber nicht. „Dass die Spieler da noch ein paar Tage drunter leiden werden, halte ich für absoluten Blödsinn“, sagt Klopp.

          Weitere Themen

          Zeichen in eigener Sache

          Dahouds Platzverweis : Zeichen in eigener Sache

          Schiedsrichter Aytekin hat genug vom „ständigen Abwinken“ und schickt den Dortmunder Dahoud mit einer gelb-roten Karte vom Platz. Doch der Gestus des Erziehers kommt nicht bei allen gut an.

          Es tut richtig weh

          Bedrohliche Perspektive für BVB : Es tut richtig weh

          Borussia Dortmund bangt vor dem Champions-League-Spiel gegen Lissabon weiter um Erling Haaland und Marco Reus. Ausfälle könnten den BVB hart treffen, denn die wenigen Alternativen kämpfen mit eigenen Problemen.

          Topmeldungen

          Kahrs saß für die SPD fast zwölf Jahre im Parlament, zwei Jahre lang saß er dem Haushaltsausschuss vor.

          Cum-Ex-Ermittlungen : Die Spur führt ins Zentrum der Hamburger SPD

          Im Cum-Ex-Skandal ist die Rolle von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz weiterhin unklar. Nun wurde bei einem Vertrauten die Wohnung durchsucht. Weitere Beschuldigte sind ein ehemaliger Senator und eine Finanzbeamtin.
          Winfried Kretschmann am Dienstag in Stuttgart.

          Zu wenige Gemeinsamkeiten? : Kretschmann zweifelt an der Ampel

          Bei den Grünen sind viele für ein Bündnis mit der SPD. Doch der grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg hadert mit einer Koalition, die von den Sozialdemokraten angeführt wird. Die Union wäre ihm als Partner lieber.
          Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Ralph Brinkhaus (CDU) vor Beginn der ersten Fraktionssitzung

          Liveblog Bundestagswahl : Kompromiss für Unions-Fraktionsvorsitz geplant

          Brinkhaus einziger Bewerber +++ Söder: „Ergebnis ist kein Regierungsauftrag“ +++ Habeck: „Die Frage, wer Vizekanzler wird, ist völlig irrelevant“ +++ Alle Entwicklungen zur Bundestagswahl im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.