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Krise in München : Die Bayern haben Boateng auf dem Kieker

Der Fall Jerome Boateng: Der Weltmeister von 2014 schwächelt bei den Bayern. Bild: Imago

Im DFB-Team verzichtete der Bundestrainer zuletzt auf ihn. Auch in München nimmt die Kritik an Jerome Boateng zu. Die Bayern-Bosse sind unzufrieden. Der Grund dafür liegt nicht allein auf dem Rasen.

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          Vor gut zwei Wochen stand Jérôme Boateng wie eine Eins. Das war hinter der Theke des „Kiosks am Mariannen“ in seiner Heimatstadt Berlin. Im rosa Sweatshirt, mit Goldkette und Baseballkappe, verkaufte er überraschten Kunden Bier, Chips und vor allem Exemplare seines Lifestyle-Magazins „BOA“. In dem Heft, mit einer Erstauflage von 200.000 auf den Markt gebracht, schildert Boateng zum Beispiel im Interview mit Herbert Grönemeyer, wie er Rassismus im Alltag und im Fußball erlebt hat und warum er seine beiden Töchter nicht in manche Ecken von Berlin ließe: „Mit anderer Hautfarbe hast du da immer was zu befürchten.“ In der Rubrik „Pick it like Boa“ gibt er Kaufempfehlungen. Wie wäre es etwa mit der Sonnenbrille aus eigener Kollektion (179 Euro)? Oder der Armbanduhr in limitierter Auflage (29.000 Euro)?

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Einen Tag vorher, fern der Heimat, in Dortmund, hatte Boateng weniger gut dagestanden – hoch den Arm, vergeblich wartend auf einen Abseitspfiff für Paco Alcácer, der unbehelligt das 3:2-Siegtor für den BVB schoss. Wenige Tage später kündigte Uli Hoeneß im „Kicker“ an, dass der FC Bayern im Sommer „viel machen“ werde. Was wohl hieß: dass die, die dann noch Bayern sein wollen, schon jetzt viel machen sollten. Man müsse den Spielern sagen, „dass sie die nächsten drei, vier Monate unter Druck sind“, so der Bayern-Präsident. „Und dann muss man sehen, wer zu gebrauchen ist und wer nicht.“

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          Nach dem 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf am Samstag gab Hoeneß nun einen ersten indirekten Tipp, wen er damit konkret gemeint haben könnte. „Schauen Sie sich die Gegentore von heute genauer an“, empfahl er Journalisten, „und gehen Sie mit dem einen oder anderen Spieler härter ins Gericht.“ Das war erstens eine hübsche Pointe, hatte Hoeneß doch auf der bizarren Pressekonferenz im Oktober Journalisten genau für das attackiert, was er nun verlangt: Kritik an Bayern-Profis. Und zweitens ein deutlicher Hinweis, dass er Boateng auf dem Kieker hat.

          Der Innenverteidiger, der die Herbstkrise des Meisters schon mit einer wilden Grätsche beim 0:2 in Berlin Ende September mit eingeleitet hatte, gab beim Düsseldorfer Anschluss zum 2:1 ein Bild ab, das Hoeneß an „Slapstick-Filme“ erinnerte. Wie ein Türsteher, der seine schiere Präsenz für ausreichend abschreckend hält, baute er sich turmhoch vor dem kleinen Jean Zimmer auf – der ihm den Ball am Ende auf dem Boden liegend durch die Beine schob. Beim Tor zum 3:2 tat Boateng, statt nach hinten zu spurten, einen Schritt nach vorn und hob den Arm, worauf er Dodi Lukebakio nur noch von hinten sah, genau wie zwei Wochen zuvor Alcácer. Beide Male war er als letzter Mann fünfzig Meter vor dem eigenen Tor überlaufen worden.

          Natürlich klang es unsachlich, ja stammtischartig, dass der Düsseldorfer Trainer Friedhelm Funkel aus Solidarität mit dem Bayern-Kollegen Niko Kovac dem Verteidiger Lauffaulheit unterstellte: „Es kann kein Trainer der Welt etwas dafür, wenn Boateng auf Abseits spielt, weil er vielleicht zu bequem ist, hinterherzulaufen.“ Doch Funkels Feststellung, dass den Bayern hinten die „Grundschnelligkeit“ fehle und man deshalb in der Liga im Moment wisse, „dass man gegen sie im Konter Tore erzielen kann“, war kaum zu widersprechen. Die „verunsicherte Mannschaft“, die Hoeneß sieht, hätte, um ihre Sicherheit wiederzufinden, einen defensiven Rückhalt bitter nötig – aber gerade in der Defensive fangen ihre Probleme an.

          Kovac nannte keine Namen von Schuldigen, doch seine Manöverkritik lief klar auf Boateng hinaus (der übrigens mit seinem Chip zu Thomas Müllers 2:0 auch zu einem Bayern-Tor beigetragen hatte, erstmals seit Januar). „Wir haben vor dem Spiel besprochen, dass der Gegner auf Konter spielen wird, sie haben einen sehr schnellen Stürmer vorne. Da dürfen wir nicht auf Abseits spielen“, sagte Kovac. „Da müssen wir mitgehen und die Pässe verhindern.“ Boateng tat genau das, was er nicht tun sollte. Kovac, der unabhängig vom Ausgang des Champions-League-Spiels gegen Benfica Lissabon an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) um seinen Job bangen muss, bot als Erklärung an, sein Team habe „kein Motivationsproblem, sondern ein Konzentrationsproblem“. Auf Boateng wird es gegen Benfica aber wohl ankommen. Nach Angaben des „Kicker“ meldete sich Verteidiger-Kollege Mats Hummels am Spieltag mit einem Magen-Darm-Infekt krank ab.


          Dass eine Konzentration aufs Kerngeschäft Fußball hilfreich sein könnte, wurde Boateng von den Bayern-Bossen schon einige Male, mal mehr, mal weniger dezent, nahegelegt. In Mode- und Stilfragen, aber auch in seiner klaren Positionierung gegen Rassismus hat er ein Profil über den Sport hinaus entwickelt, wie das nur wenigen Fußballern während ihrer Karriere gelingt. Doch zuletzt verzichtete auch Bundestrainer Joachim Löw mit der Begründung, Boateng tue „eine Pause gut“, auf die Dienste des Mannes, der nach kolossaler Leistung beim WM-Finalsieg 2014 eine Zeitlang als „bester Innenverteidiger der Welt“ gefeiert wurde, dann aber durch mehrere langwierige Verletzungen an Tempo und Geschmeidigkeit einbüßte.

          Nach der Nichtnominierung ging Boateng in die Offensive. „Ich will 2020 Europameister werden“, verkündete er im Interview mit „Sport Bild“ trotzig. „Dass wir einen Umbruch haben, weiß jeder. Jüngere Spieler müssen Einsatzzeiten bekommen, auch auf meiner Position. Aber am Ende setzt sich die Qualität durch.“ Leistung müsse konstant abgerufen werden, so Boateng. „Deshalb spiele ich auch seit Jahren in der Nationalmannschaft und bei Bayern.“ Doch Konstanz ist ein tückisches Argument – dann, wenn erst einmal die Fehler zur Konstanten geworden sind.

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