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Champions League : Ein Mann erfindet den FC Barcelona neu

  • -Aktualisiert am

Und plötzlich sind Lionel Messi (links) und Andres Iniesta mit dem FC Barcelona wieder obenauf. Bild: AFP

Nach Neymars Abgang zu Beginn der Saison lagen die Katalanen am Boden. Nun ist alles anders. Das liegt vor allem an Trainer Ernesto Valverde – und einem, der Lionel Messi noch besser macht.

          Während seiner Zeit unter dem heiligen Johan Cruyff war Ernesto Valverde meist ein stiller Beobachter. Als Spieler war er nach seinem Wechsel von Bilbao nach Barcelona öfter verletzt. So richtig kam er nie am Hofe des Camp Nou an, aber das Interesse, mit dem er den Ausführungen des Meisters lauschte, blieb dem nicht verborgen. Cruyff prophezeite Valverde noch zu aktiven Zeiten eine erfolgreiche Karriere als Trainer. Und behielt natürlich recht. Seit vergangenen Sommer trainiert Valverde nun den FC Barcelona. Der Meistertitel ist so gut wie sicher, im nationalen Pokal wartet das Finale, und in der Champions League sind die Chancen auf das Viertelfinale nach dem 1:1 beim FC Chelsea groß. Im Rückspiel am Mittwoch (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) würde den Katalanen ein torloses Remis reichen. Nur kommen solche Resultate im Camp Nou in diesem Jahrtausend in etwa so oft vor wie von der SPD gestellte Bundeskanzler.

          „Unser Anspruch ist es, zu gewinnen“, sagt Valverde. Nach der quälenden Agonie des letzten Jahres unter Luis Enrique hat er der Mannschaft nicht nur wieder Esprit verliehen, er hat Barcelonas Fußball in Teilen auch neu erfunden und sich von seinem Lehrmeister emanzipiert. Mit einer Vehemenz, wie es kein Cruyffianer vor ihm gewagt hat. Das heilige 4-3-3 modifiziert er nur zu gern, nicht selten wechselt er während eines Spiels zu einer 4-4-2-Formation oder beginnt sogar mit ihr. Es gab Zeiten, da wäre ihm das am Fuße des Montjuic, dem heiligen Berg der Katalanen, als Hochverrat ausgelegt worden.

          Aber die Zeiten waren auch keine gewöhnlichen, als Valverde im Sommer in Barcelona ankam. Zwei Niederlagen in der Supercopa gegen den Erzrivalen Real Madrid kratzten am Selbstbewusstsein, ehe der Abgang von Neymar es erschütterte. Normalerweise verlassen Spieler Barcelona nicht, sofern sie noch auf höchstem Niveau spielen können. Neymar aber verschmähte Klub und Stadt und zog Paris vor. Valverde jammerte nicht, er machte sich ans Werk. Dass die Ersatzspitze, Ousmane Dembélé, stumpf blieb, kein Problem. Und das die Verantwortlichen von einem Teil des Neymar-Geldes einen Mittelfeldspieler, den zuerst niemand in Barcelona haben wollte, kauften, ebenfalls: kein Problem. Valverde würde schon was daraus formen. So hatte er es in Bilbao auch stets gemacht.

          Ernesto Valverde hat den FC Barcelona wieder erfolgreich gemacht.

          „Der hat kein Barça-Niveau“, hieß es schlicht über Paulinho. Weil er mit 40 Millionen Euro ein recht teurer und mit 29 Jahren ein recht alter Zugang war, weil er aus China kam, wo er sich auf mäßigem Niveau verdingte und weil er keine filigrane Passmaschine war. Tatsächlich ist dieser Paulinho anders, auch weil er etwas hat, das den anderen Mittelfeldspielern Barcelonas fehlt. Er ist schwer torgefährlich. Valverde baute ihn gewinnbringend ein, indem er eine Rolle schuf, die es gar nicht gab. Paulinho gibt einen Hybrid aus Sechser, Achter und Zehner. Aus der Mitte stößt er immer wieder in die Spitze und ergänzt sich so hervorragend mit Messi, der sich gern ins Mittelfeld fallen lässt und die Plätze mit Paulinho tauscht.

          Valverdes Barça hängt wie die Mannschaften seiner Vorgänger an dem kleinen Argentinier. Und ist trotzdem anders. Der Trainer beruft sich auf ein Credo, welches einst nicht Cruyff, sondern dessen glühendster Jünger Pep Guardiola einst ausgegeben hatte. Der trug vor allem dafür Sorge, dass sich Messi wohl fühlte. Guardiola holte Messi vom Flügel und machte aus ihm eine „falsche Neun“, einen verkappten Mittelstürmer, der sich überall auf dem Spielfeld aufhält und nicht nur im Strafraum der Dinge harrt, die da kommen mögen. Bei Luis Enrique wanderte Messi wieder auf die Außenbahn, Valverde holte ihn ins Zentrum zurück.

          Das Resultat: Messi spielt die beste Saison seit einiger Zeit. In der Liga hat er schon 24 Mal getroffen und in London erzielte er vor drei Wochen das wichtige 1:1. Messi ist unter Valverde so unaufhaltsam, dass der Trainer mit seinen Kollegen schon Mitgefühl zeigt. Vor einigen Wochen versuchte es Gironas Trainer Pablo Machin mit strikter Manndeckung, am Ende stand trotzdem ein 6:1 Barcelonas und zwei Messi-Tore. „Mach dir keine Sorgen“, sagte Valverde zu Machin. „Ich habe früher auch alles versucht, ihn zu stoppen. Nichts hat einen Sinn ergeben.“ Als Nächster darf sich Chelseas Antonio Conte daran versuchen, Messi und Valverdes Barça zu stoppen. So richtig gelungen ist das in dieser Saison noch niemandem.

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