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Pierre-Emerick Aubameyang : Der große Profiteur der Dortmunder Krise

Aubameyang hebt ab: Der Gabuner erzielt plötzlich wichtige Tore für den BVB - auch in Turin? Bild: dpa

Vor dem Spiel im Champions-League-Achtelfinale in Turin an diesem Dienstag (20.45 Uhr) geht es aufwärts für Dortmund. In der großen Krise hat sich beim BVB ein Spieler hervorgetan, an dem zuvor heftig gezweifelt wurde.

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          Vorsicht, nicht blenden lassen von der aktuellen Situation in der Bundesliga - wer immer über Borussia Dortmund redet, vergisst derzeit diesen Zusatz nicht. Nicht einmal der Gegner an diesem Dienstag in der Champions League. Man müsse höllisch aufpassen, sagt beispielsweise Arturo Vidal. Die schlechte Plazierung in der Bundesliga macht den BVB für den chilenischen Mittelfeldspieler von Juventus Turin sogar noch gefährlicher: „Gerade in der Champions League werden sie zeigen wollen, dass der Ligaplatz bei ihrer enormen Qualität bloß eine unerklärliche Momentaufnahme ist“, sagt der ehemalige Leverkusener.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Dummerweise beschäftigt diese Momentaufnahme die Borussia aber schon seit ein paar Monaten. Mit drei Siegen in der Bundesliga nacheinander, die auf den Rückschlag mit der 0:1-Heimniederlage gegen Augsburg folgten, hat der BVB zwar einen deutlichen Aufwärtstrend erkennen lassen, aber entscheidend vorangekommen ist er im Alltag trotzdem nicht. Nach dem Ausflug in die andere Welt der „Königsklasse“ wartet an diesem Samstag gleich das Derby gegen den FC Schalke - und die Borussia trennen nur drei Punkte von einem Relegationsplatz.

          Schnell abgeurteilt

          Glaubt man Vidal, spielt das an diesem Dienstag (20.45 Uhr /  Live bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) aber alles keine Rolle. Vor allem vor dem Tempo, mit der die Borussia an guten Tagen in der Lage ist, ihre Angriffe vorzutragen, hat der Chilene größten Respekt. Dafür steht in erster Linie Pierre-Emerick Aubameyang, der gegen den Trend inmitten der größten sportlichen Krise des BVB die größten Fortschritte gemacht hat.

          Als er zu Beginn der vergangenen Saison für rund 13 Millionen Euro von AS St. Etienne verpflichtet wurde, war er weitgehend unbekannt. Die Dortmunder Fans staunten über die Sprintfähigkeit des Gabuners, der nach einem guten Start in der Bundesliga aber mehr und mehr abbaute, zwar insgesamt 13 Tore schoss, zum Ende der Saison aber nur noch als Joker eingewechselt wurde.

          Fans sind in solchen Momenten mit ihrem Urteil zuweilen recht schnell an der Hand. Vielen galt Aubameyang nur als Ergänzungsspieler, der zu viel Platz benötige und aufgrund seiner Schnelligkeit nur bei eigener Führung eine Hilfe bei Kontern sei. Dafür aber sei er zu teuer gewesen und ein Beweis für die verfehlte Einkaufspolitik, erst recht, wenn man seine spieltaktischen Mängel berücksichtige. Aubameyang beteuerte dagegen, dass er viel lerne unter Klopp, der beteuerte, dass man Aubameyang Zeit geben müsse zur Entwicklung - aber wer glaubte das schon?

          Nicht mal der Afrika-Cup hielt in auf

          Alle Zweifler müssten momentan Abbitte leisten. Denn als Robert Lewandowski im vergangenen Sommer seine Koffer endgültig packte, suchte die Borussia händeringend einen Nachfolger für die Sturmmitte, verpflichtete mit Ciro Immobile den Torschützenkönig der italienischen Liga und mit Adrian Ramos einen bundesligaerprobten Stürmer von Hertha BSC - und fand letztlich Pierre-Emerick Aubameyang. Als hätte es diese Geschichte mit dem taktischen Nachholbedarf nicht gegeben und als wäre das Gerede, bei seiner Geschwindigkeit müsse man Abstriche bei der Technik machen, alles nur Einbildung gewesen, spielt der Gabuner mittlerweile so auf, dass er zum Leidwesen von Immobile und Ramos aus der Sturmmitte nicht wegzudenken ist.

          Lohn für Entwicklung: Aubameyang genießt Anerkennung bei Reus und Co.

          Dabei hatte nicht viel dafür gesprochen, dass Aubameyang in der Rückrunde eine derartige Wertigkeit erlangt. Als sich die Borussia so akribisch wie möglich auf die schwierige Mission vorbereitete, fehlte er schließlich wegen des Afrika-Cups. Doch nach seiner Rückkehr fügte er sich ein, als wäre er gar nicht weg gewesen - und die nunmehr feste Position als vorderste Spitze scheint ihm viel mehr zu behagen als die zuvor limitierte Rolle als schneller Renner an der Außenlinie. Erleichtert wird ihm die Aufgabe in der Sturmmitte durch die Rückkehr des lange verletzten Marco Reus. Auf den deutschen Nationalspieler konzentrieren sich viele Überlegungen des Gegners, und Aubameyang kommt in seinem zweiten Jahr in Dortmund darüber hinaus zugute, dass er sich nicht nur abseits des Platzes mit Reus bestens versteht. Im Kombinationsspiel des BVB wirkten Immobile und Ramos dagegen immer noch gedanklich überfordert.

          Klopp scheint diese Entwicklung von Aubameyang nicht zu überraschen - er war immer davon überzeugt, mehr als nur einen Sprinter, dem ab und an der Ball in den Lauf fällt, verpflichtet zu haben. Wer aber Immobile nun schon abschreibt und den Italiener für eine sündhaft teure Fehlinvestition hält, macht vielleicht schon den nächsten Fehler und sollte der Geschichte vielleicht etwas Zeit lassen - auch wenn dies in der aktuellen Situation im Bundesliga-Alltag eine schwierige Option ist. Fürs Erste muss es reichen, wenn Aubameyang mehr als nur den Turbo zündet - am besten auch in Turin, aber noch dringender vor allem danach wieder.

          Bereit für die Herausforderung: Aubameyang (Mitte) im Abschlusstraining in Turin mit den K0ollegen Ramos (l.) und Schmelzer

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