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FC Schalke 04 : Kirchhoff ist Di Matteos Aufbauhelfer

  • -Aktualisiert am

Obenauf „auf“ Schalke: Jan Kirchhoff (hinten) wird immer wichtiger Bild: AP

Beim FC Bayern setzte sich Jan Kirchhoff nicht durch. Nun ist er von Roberto Di Matteo als Mittelfeldstratege entdeckt worden. In Lissabon winkt am Mittwoch (20.45 Uhr) der erste Einsatz für Schalke in der Champions League.

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          Jan Kirchhoff gehörte in den vergangenen Monaten nicht gerade zu den Wortführern beim FC Schalke 04. Er war lange verletzt und mehr im Aufbautraining als im Spielbetrieb gefordert. Doch allmählich gewinnt er an Stellenwert, auf dem Fußballplatz und auch abseits des Rasens, wenn es darum geht, die Lage einzuschätzen.

          Vor dem Rückspiel gegen Sporting Lissabon in der Champions-League-Gruppe G kündigt Kirchhoff ein tatkräftiges Team an. Schalke werde „mit genauso viel Schaum vorm Mund spielen“ wie der Gegner. „Die Elfmeter-Entscheidung vorm 4:3 im Hinspiel wird für die Motivation des Gegners mit Sicherheit eine Rolle spielen“, sagt der 24 Jahre alte Defensivspieler. „Aber das muss uns egal sein. Wir haben die Qualität, in Lissabon zu gewinnen.“

          Vor zwei Wochen hatte der Schiedsrichter Schalke mit einem absurden Elfmeterpfiff in letzter Minute zum Sieg verholfen. An jenem Abend war Kirchhoff nur Zuschauer wie fast immer, seit er im vergangenen Winter als Leihspieler von München nach Gelsenkirchen gewechselt ist. An diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) in Portugal wird er aller Voraussicht nach zum ersten Mal für Schalke in der Champions League auflaufen.

          Der neue Trainer Roberto Di Matteo hält viel von ihm. Das zeigte sich zum ersten Mal beim Spiel in Leverkusen. Schalke lieferte eine schwache Leistung ab, lag zwanzig Minuten vor Schluss 0:1 zurück und brauchte dringend einen Impuls. Anders als allgemein erwartet wechselte der Trainer aber nicht das Regietalent Max Meyer ein, sondern Kirchhoff, der auf Schalke noch so gut wie gar nicht in Erscheinung getreten war.

          Alle Spiele, alle Tabellen der Champions League 2014/2015

          „Was hat ein Defensivspieler mit wenig Praxis auf dem Platz zu suchen, wenn es darum geht, einen Rückstand aufzuholen?“, fragten sich viele. Eine kuriose Idee, könnte man meinen. Doch Di Matteo sieht Kirchhoff mit anderen Augen als mancher, der ihn lange gar nicht gesehen hat. Der gelernte Innenverteidiger, der auch im Mittelfeld als Fachkraft eingesetzt werden kann, sei prädestiniert, „den Spielaufbau zu verbessern“, sagt Di Matteo. „Er hat ein Auge dafür.“

          Und genau da muss Schalke sich dringend steigern. Nach den ersten Wochen ist der Strukturwandel, den der neue Trainer anstrebt, nur in der Defensive erkennbar, die an Stabilität gewonnen hat, das 4:3 gegen Sporting ausgeklammert. Die Angriffsversuche indes bleiben häufig im Versuchsstadium stecken. „Wir müssen unser Ballbesitzspiel verbessern und mehr die Initiative ergreifen.“ Sagt Kirchhoff, sagt Di Matteo, sagt jeder.

          Insofern könnte Kirchhoff mit einiger Verspätung eine tragende Rolle im Gelsenkirchener Ensemble zufallen. Das hätte ihm kaum jemand mehr zugetraut, so lange, wie er nicht mehr mittendrin war im prallen Fußball-Leben. Beim FC Bayern hatte Kirchhoff sich erwartungsgemäß nicht durchsetzen können gegen Stars wie Schweinsteiger, Martinez, Thiago oder Lahm.

          Voller Tatendrang in Gelsenkirchen angekommen, erlitt er Verletzungen, die ihn lange zurückwarfen, die erste kurz nach seiner Ankunft im Wintertrainingslager, die zweite im Sommer, wieder während der Vorbereitung. Sein Comeback am zweiten Spieltag dieser Saison gegen Bayern München wurde nach vierzig Minuten abgebrochen, ohne Kirchhoff erkämpfte Schalke sich dann noch einen Punkt; der Mittelfeldspieler war erst einmal wieder außen vor und musste auf seine Chance warten.

          Kirchhoff: „Diese Zeit kommt jetzt“

          In Leverkusen war sie plötzlich da. Kirchhoff vermochte der Mannschaft in jener Partie zwar nicht mehr auf die Sprünge zu helfen, der Trainer aber blieb bei seinem Plan, ihn als „Sechser“ mit dem Spielaufbau zu betrauen, und versuchte es beim nächsten Mal (gegen Augsburg) gleich noch einmal. Wieder waren Defizite zu erkennen, wenn Schalke in Ballbesitz war, doch bei seinem ersten Einsatz über die volle Distanz zeigte Kirchhoff gute Ansätze.

          Ihm kommt zugute, dass die Konkurrenz auf der strategisch bedeutsamen Position im zentralen defensiven Mittelfeld „auf“ Schalke nicht gerade übermächtig ist. Kevin-Prince Boateng spielt lieber weiter vorn auf der „Zehn“ und scheint für diese Planstelle auch erste Wahl zu sein, wenn er fit ist. Marco Höger und Roman Neustädter sind in ihrer Kreativität begrenzt. Also spricht vieles für Kirchhoff, auch wenn es noch dauern könnte, bis Fortschritte zu erkennen sind. „Wir brauchen Zeit, an unserem Spiel zu arbeiten“, sagt Kirchhoff. „Diese Zeit kommt jetzt.“ Seine Zeit vielleicht auch.

          Der frühere Mainzer und Münchner ist mehr als ein Abwehrspieler

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