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Ciro Immobile : Das große Rätsel von Borussia Dortmund

  • -Aktualisiert am

Noch immer nicht richtig angekommen bei Borussia Dortmund: Ciro Immobile Bild: dpa

18,5 Millionen Euro kostete Ciro Immobile Dortmund im Sommer 2014. Doch die Zwischenbilanz vor dem Rückspiel in der Champions League gegen Juventus Turin am Mittwoch (20.45 Uhr) fällt ziemlich bescheiden aus. Dafür gibt es Gründe.

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          Ciro Immobile arbeitet nun seit fast einem Dreivierteljahr in Dortmund. Aber die Eingewöhnungszeit ist lang und unerquicklich. Der italienische Profi scheint sich nicht recht wohl zu fühlen in seinem neuen Fußballrevier. Außerhalb des Rasens vermisst er die menschliche Zuwendung seiner Kollegen. In einem Interview mit der italienischen Sportzeitung „Gazzetta dello Sport“ hat er sich zuletzt über die Mentalität der Deutschen beklagt: „Sie sind kalt, da kann man nichts machen.“

          In den ersten acht Monaten habe noch kein Mannschaftskollege ihn zum Abendessen zu sich nach Hause eingeladen. Auf dem Fußballplatz fremdelt und fröstelt der Stürmerstar. Als Strafraumspieler, der auf Flanken wartet, scheint er nicht recht in das Dortmunder Spielsystem zu passen. Zumindest fällt es ihm schwer, diese weitverbreitete Annahme zu entkräften, vor allem im Alltag. In der Bundesliga kommt Immobile über den Status eines Ergänzungsspielers nicht hinaus, bei siebzehn Einsätzen gelangen ihm nur insgesamt drei Treffer.

          Da trifft es sich gut, dass an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live im ZDF, bei Sky und im Champions-League-Ticker bei FAZ.NET) eine Partie auf der großen Bühne der Königsklasse ansteht. Im Rückspiel gegen Juventus Turin versucht Borussia Dortmund die Niederlage aus dem Hinspiel (1:2) wettzumachen und ins Viertelfinale der europäischen Königsklasse einzuziehen. Für Immobile vielleicht eine neue Chance, zu zeigen, dass er mehr kann, als viele inzwischen denken.

          Der Europapokal liegt ihm offenbar mehr als die Bundesliga. Dort hat er schon bestätigt, was Michael Zorc ihm weiterhin bescheinigt. „Ciro ist vor dem Tor ein intuitiver Spieler. Er braucht wenige Chancen, um einen Treffer zu schießen“, sagt der Sportdirektor des BVB. In sechs Champions-League-Spielen für Dortmund erzielte Immobile vier Tore. Dennoch fällt seine Dortmunder Zwischenbilanz bescheiden aus, besonders mit Blick auf die 18,5 Millionen Ablöse, die der FC Turin für den vormaligen Torschützenkönig der italienischen Serie A erhalten hat.

          BVB-Trainer Jürgen Klopp (rechts) setzt auf seinen Stürmer und hofft noch auf den Durchbruch

          Immobile mag sich nicht gerade geborgen fühlen in Westfalen, und er mag langsamer lernen, als seine Vorgesetzten gehofft hatten, aber es gibt auch Gründe, die es ihm unabhängig von eigenen (spielerischen) Defiziten erschweren, sich zu profilieren. Anders als die neuen Spieler vergangener Jahre fand er kein Kollektiv vor, das geschlossen und gefestigt auftrat, sondern ein fragiles Mannschaftsgebilde. Viele etablierte Profis hatten lange Zeit, vor allem aufgrund von Verletzungen, (zu) viel mit sich selbst zu tun und sahen sich außerstande, den Integrationsprozess zu fördern.

          Dass Dortmund vorübergehend sogar in die Abstiegszone rutschte, machte die Sache nicht einfacher. „Die Mannschaft hat insgesamt nicht so funktioniert, als dass sie es einem neuen Spieler leichtgemacht hätte, seine Bestleistung zu bringen“, sagt Zorc. Auch „diese Sondersituation“ müsse in die Bewertung einfließen. Es sei „zu einfach“, den Saisonverlauf an einem Spieler festzumachen. „Was ist denn mit denen, die schon fünf Jahre hier sind?“

          Zudem ist im Angriff ein Prozess abgelaufen, der vor ein paar Monaten nicht zu erwarten stand. Pierre-Emerick Aubameyang, in der vergangenen Saison vor allem auf dem Flügel aufgrund seiner Schnelligkeit wahrgenommen, entwickelte sich zu einem spielenden Stürmer und wurde im Zentrum zum Nutznießer der Anpassungsschwierigkeiten, die Immobile und dessen vermeintlichem Konkurrenten Adrian Ramos zu schaffen machen. „Aubameyang hat eine erfreuliche Entwicklung als richtige Sturmspitze genommen“, sagt Zorc. „Er hat derzeit die Nase vorn.“ Das mag auch daran liegen, dass Aubameyang sich – mit und ohne Batman-Maske – bestens mit Marco Reus, dem Dreh- und Angelpunkt des Dortmunder Spiels, versteht.

          BVB-Trainer Klopp hat Immobile nicht abgeschrieben

          Aber es gibt auch eine Reihe von Personalien, die geeignet erscheinen, Immobile Mut zu machen. Aubameyang, selbst schon als Verkaufskandidat gehandelt, oder vorher Lewandowski sind auch erst im zweiten Jahr richtig in Dortmund angekommen. Und dann gibt es ja auch noch Bas Dost vom VfL Wolfsburg. Auch dieser nicht gerade für das Kombinationsspiel prädestinierte Angreifer galt lange als Fehlbesetzung und ist, als kaum noch jemand damit rechnete, zu einem überaus erfolgreichen Torjäger geworden.

          Jürgen Klopp hat „das Kraftpaket“ Immobile offenbar noch nicht abgeschrieben. „Ich verstehe den Hochdruck, mit dem das Thema diskutiert wird, nicht. Wir haben jetzt eine stabile Formation mit einigen guten Optionen, was die Wechsel angeht. Ciro ist da voll dabei. Intern wird das null Komma null diskutiert“, sagt der Trainer des BVB. „Ciro ist ein richtig guter Typ. Er ist immer in der Spur geblieben, immer auf dem Sprung zum nächsten Entwicklungsschritt.“ Immobile weiß solchen Zuspruch zu schätzen. Bei allen Anpassungsschwierigkeiten sieht der Stürmer sich bei Klopp gut aufgehoben. „Er redet viel mit mir, er ermutigt mich und leidet mit mir“, sagt Immobile.

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