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Champions League : Das Wunder von Bern

Der Moment explosiver Freude: Jordan Siebatcheu erzielt den Siegtreffer in der fünften Minute der Nachspielzeit. Bild: Reuters

Vor einem begeisterten Publikum im Wankdorfstadion nutzen die Young Boys Bern eine rote Karte, um das Spiel in der Nachspielzeit zu drehen. Trotzdem steht der Schweiz ein harter Winter bevor.

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          Ein Lob zollte sein Vorgänger: „Gratulation an David Wagner, der einen fantastischen Job macht mit seinem Staff“, sagte Gerardo Seoane, der Trainer von Bayer Leverkusen, am Morgen nach dem 2:1-Sieg der Young Boys Bern gegen Manchester United in der Champions League.

          Jürg Altwegg
          Freier Autor im Feuilleton.

          Seoane hatte dafür so eine Art Grundstein gelegt. Drei Mal führte er Bern zur Meisterschaft, ehe er vor dieser Saison in die Bundesliga wechselte. Wagner, nach seiner Entlassung beim FC Schalke im September 2020 beinahe ein Jahr ohne Verein, führt Seoanes Werk nun weiter.

          Champions League

          „Die Jungs sind über ihre Grenzen gegangen, das war ganz großes Kino“, sagte der Neunundvierzigjährige am Dienstagabend. Erst über die Play-offs hatten sich Bern und er überhaupt für die Champions League qualifiziert, in der nationalen Meisterschaft reichte es bisher nur zu zwei Siegen in fünf Spielen – und nun so ein Match.

          Wahnsinn in der Nachspielzeit

          Dabei hatte es so begonnen, wie es die Experten erwartet hatten. Cristiano Ronaldo erzielte aus kurzer Distanz die Führung für den großen Favoriten in der 13. Minute – ein schlechtes Omen. Der Portugiese hatte schon beim Aufwärmen eine Ordnerin abgeschossen. Tatsächlich nahm sich der große Favorit noch vor der Halbzeit selbst aus dem Spiel.

          Außenverteidiger Aaron Wan-Bissaka legte sich den Ball erst zu weit vor und traf seinen Gegenspieler danach mit „offener Sohle“ am Sprunggelenk: Rot. Das war die Initialzündung für die Berner, die sich vor der Partie noch auf eine Abwehrschlacht eingestellt hatten.

          Nun aber suchten sie selbst den Weg nach vorne, glichen durch Nicolas Moumi Ngamaleu Nicolas aus (66. Minute), spielten weiter nach vorne, angepeitscht vom begeisterten Publikum im Stadion Wankdorf, und erzielten Sekunden vor dem Abpfiff durch Jordan Siebatcheu den 2:1-Siegtreffer (90.+5). Vorausgegangen war ein kapitaler Fehlpass von Jesse Lingard – aber das spielte für die ausgelassen jubelnden Schweizer keine Rolle.

          Rote Karte für United-Spieler Wan-Bissaka nach grobem Foulspiel.
          Rote Karte für United-Spieler Wan-Bissaka nach grobem Foulspiel. : Bild: Picture-Alliance

          Sternstunden des Schweizer Fußballs

          Das Schweizer „Wunderjahr“, bisher geprägt vom Vorstoß der Nationalmannschaft ins EM-Viertelfinale, „geht weiter“, jubelte der Blick. In ihrem Jahrhundertsommer besiegten die Eidgenossen, die meist jedes Elfmeterschießen verlieren, im Achtelfinale sogar die Franzosen. Selbst das Ausscheiden gegen Spanien wurde als Triumph gefeiert.

          Auf dem Höhepunkt des helvetischen Fußballglücks hatte Cheftrainer Vladimir Petkovic, dem die Nation nie die gleiche Zuneigung erwies wie seinem Vorgänger Ottmar Hitzfeld, seinen Rücktritt eingereicht. Er steht jetzt mit Bordeaux am Tabellenende der französischen Meisterschaft. Der Schweizer Fußballverband holte stattdessen aus der zweiten Liga den Schaffhausen-Coach und früheren Nationalspieler Murat Yakin. An den EM-Erfolg konnte er bisher nicht anschließen.

          Die Sternstunden des Schweizer Fußballs sind zwischen den torlosen Unentschieden und nicht immer ehrenvollen Niederlagen spektakuläre und unerwartete Siege gegen übermächtige Gegner. Am liebsten gegen Deutschland. Oder eben Frankreich. Sie scheinen zumindest die Hoffnungen zu schüren, die sich dann doch immer schnell als Illusion erweisen.

          Am Tag nach dem Sieg über Manchester feierten die Zeitungen eine „magische“ Nacht. Der Jahrhundertsommer wird in den Herbst verlängert. Doch für die Nationalmannschaft wie für den Schweizer Meister steht ein harter Winter bevor. Am Tag des zweiten Wunders von Bern wurde bekannt, dass die Entwickler die Schweiz aus dem weltweit gespielten Videospiel „FIFA 22“ gestrichen haben.

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