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München in der Königsklasse : Warum Kovac für Bayern unbezahlbar ist

Bayern Münchens Trainer Niko Kovac will mit seinem Team in der Champions League erfolgreich sein. Bild: Reuters

Der neue Trainer Niko Kovac kommt bestens in München an. Das Team will seinem Nesthäkchen den Sieg bei Benfica Lissabon in der Champions League schenken. Doch es gibt ein Problem.

          Manchmal klingt es, als wäre Niko Kovac nicht der neue Trainer, sondern das neue Nesthäkchen des FC Bayern. Einer, um den die Alteingesessenen im Team sich brüderlich, ja väterlich kümmern. „Wir wollen ihm gern zum Debüt einen Sieg schenken“, sagte Kapitän Manuel Neuer vor dem Spiel an diesem Mittwoch bei Benfica Lissabon (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky), der ersten Champions-League-Partie in der Trainerkarriere von Kovac. Man merke, „dass er noch ein junger Trainer ist“, fand der Torwart, der übrigens 14 Jahre jünger ist als sein neuer Chef. „Dass er manchmal noch wie ein Spieler denkt. Und dass ihm das auch weh tut, wenn er manchen Spieler draußen lassen muss. „Aber bisher“, so Neuer, „gelingt es ihm gut, jedem Spieler zu vermitteln, dass er wichtig ist.“

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          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Seit Samstag ist jeder Spieler vielleicht noch wichtiger. Nach den Abgängen von Arturo Vidal, Juan Bernat und Sebastian Rudy und dem Ausfall von Kingsley Coman beim Bundesligaauftakt verletzten sich Corentin Tolisso und Rafinha beim 3:1-Sieg gegen Leverkusen. Nun hat Kovac nur noch 16 Feldspieler zur Verfügung, exakt so viele, wie der Kader für ein Champions-League-Spiel neben zwei Torhütern vorsieht. Am Montag drohte noch ein weiterer auszufallen, als Leon Goretzka das Training nach einem Zweikampf mit dem Jungprofi Maxime Awoudja abbrach und mit bandagiertem Knöchel in der Kabine verschwand. Doch wenigstens dieser Schrecksekunde folgte ein Aufatmen. Goretzka konnte am Dienstag mit nach Portugal fliegen. Im Augenblick wird jeder gebraucht, und sei es zum Auffüllen der Bank – selbst der Portugiese Renato Sanches, den die Bayern im August noch vergeblich an Paris St-Germain zu verkaufen versuchten und für den an den ersten beiden Bundesliga-Spieltagen kein Platz im 18er-Kader war.

          So erlebt Kovac schon in seinen ersten Wochen an der Säbener Straße das ortsübliche heiß-kalte Wechselbad aus dem Bekämpfen der schlechten Stimmung, wenn zu wenige verletzt sind, und dem Bekämpfen der schlechten Stimmung, wenn zu viele verletzt sind. Es tue ihm Woche für Woche „für jeden Einzelnen leid“ und ihm selbst „persönlich weh“, dass er in jeder Partie Weltklassespieler draußen lassen müsse, hatte Kovac noch vor kurzem in Zeiten der Vollbeschäftigung im Kader sein Dilemma beschrieben – das inzwischen einem anderen gewichen ist, denn ein guter Teil des Teams stellt sich nun fast von selbst auf.

          Kräfte dosieren ohne den Erfolg zu riskieren

          Die Schwierigkeit besteht darin, die Kräfte der Einsatzfähigen nun besonders gut zu dosieren und trotz geschrumpfter Alternativen vor allem älteren Stammkräften Verschnaufpausen zu verschaffen, und all das möglichst ohne den Erfolg zu riskieren – also Kraft- und Punktverlust so gegeneinander abzuwägen, das möglichst keiner von beiden eintritt. Diesen Mittwoch, im zweiten von sieben Spielen im Drei- bis Vier-Tage-Rhythmus der ersten drei englischen Wochen der Saison, dürfte Kovac noch keinen Gedanken an eine Schonung von Spitzenkräften verschwenden – nicht in der Champions League, in der man zu Saisonbeginn ein Zeichen der Stärke setzen will. Schon eher wohl demnächst in der Bundesliga, in der man es als FC Bayern kaum noch nötig hat, Stärke zu demonstrieren. Ausrufezeichen brauchen sie nicht, Punkte reichen auch.

          Auch Arjen Robben (oben), hier im Duell mit dem Leverkusener Wendell, gehört zu den Fans von Niko Kovac.

          Bisher hat Kovac jede Schwierigkeit gemeistert – vor allem die Hauptschwierigkeit für jeden neuen Bayern-Trainer: bei Bossen und Stars gleichermaßen gut anzukommen. Präsident Uli Hoeneß lobte, dass unter dem Deutschkroaten, dessen Konditionsprogramm als anspruchsvoll gilt und dessen Trainingseinheiten meist über zwei Stunden dauern, länger als zuvor in München gewohnt, „wieder richtig gearbeitet“ werde.

          Veteran Franck Ribéry, vor seiner zwölften und vielleicht letzten Saison bei den Bayern von manchen Außenstehenden als potentieller Problemspieler betrachtet, schwärmt nun, es passe „wunderbar“ mit Kovac, selbst wenn der ihn nicht einsetze: „Er nimmt mich zur Seite, erklärt mir die Situation, alles kein Problem“, so der 35-jährige Franzose im Interview mit dem „Kicker“. Kovac habe „die Persönlichkeit, um eine große Mannschaft zu trainieren. Er hat alle Spielerpersönlichkeiten im Team analysiert, weiß, wie sie ticken, was sie brauchen, wie er mit ihnen reden muss. Das ist unbezahlbar.“

          Unbezahlbar sind vor allem gute Ergebnisse, und bisher gelingen sie, dazu auch manch taktisches Feintuning. Gegen die allerdings hasenfüßig eingeigelten Leverkusener funktionierte am Samstag das von Kovac geübte Gegenpressing so gut, dass man das Spielfeld auch hätte halbieren können – das Spiel fand praktisch nur in einer Hälfte statt. Bei solch leichtem Spiel, wie die Bayern es bisher in der Bundesliga haben, schliche sich woanders schon mal verfrühte Selbstzufriedenheit ein.

          Doch der Trainer braucht davor gar nicht zu warnen, das tun schon seine fürsorglichen Spieler. „In der ersten Hälfte haben wir sehr gut gegen den Ball gearbeitet, in der zweiten Hälfte haben wir nachgelassen“, mahnte Arjen Robben am Samstag und warnte vor den Folgen von Fehlpässen, „weil Mannschaften wie Benfica im Umschaltspiel enorm gefährlich sein können“. Seine Forderung: „Wir müssen gegen den Ball gut arbeiten, nur dann können wir erfolgreich sein.“ Erfolg durch Arbeit, besser als der alte Robben hätte es sein junger Trainer auch nicht sagen können.

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