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Gegner des FC Bayern : Der erstaunliche Wandel bei Olympique Lyon

  • -Aktualisiert am

Nach giftig kommt glorreich: Lyons Mannschaft ist rechtzeitig aufgewacht. Bild: AP

Lange wurden Trainer Rudi Garcia und sein Team in Lyon angefeindet. Die Saison endete historisch schlecht auf Rang sieben. Und plötzlich spielt Olympique um den Einzug ins Champions-League-Finale. Wie geht das?

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          Am 10. Dezember wurden die Profis von Olympique Lyon im eigenen Stadion ausgepfiffen, obwohl sie sich mit dem 2:2 gegen Leipzig für das Achtelfinale der Champions League qualifiziert hatten. Nun, neun Monate später, haben diese Spieler Juventus Turin und Manchester City aus dem Wettbewerb befördert. Was für ein Kontrast, welch eine Verwandlung.

          Champions League

          Vor dem Rückspiel gegen Leipzig hatte Lyon den schlechtesten Saisonstart seit 2015 hingelegt. Der Brasilianer Sylvinho, erst zum Saisonstart gekommen, musste schon am 7. Oktober wieder gehen, nach nur elf Spielen und einer Bilanz von drei Siegen, vier Unentschieden und vier Niederlagen. Als Nachfolger wurde Laurent Blanc erwartet, der Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1998. Als Trainer viermaliger französischer Meister mit Bordeaux und PSG war der einstige Innenverteidiger der Favorit der Fans.

          Doch der Präsident von Lyon, Jean-Michel Aulas, und vor allem der Sportdirektor Juninho zogen Rudi Garcia vor, den ehemaligen Trainer von Lille, der AS Roma und von Olympique Marseille. Ein Affront für viele in Lyon, angesichts der intensiven Rivalität und der Art und Weise, in der Garcia Lyon als OM-Coach kritisiert hatte. Entsprechend groß war das Misstrauen vieler Fans, bei manchem mischte sich auch Wut darunter. „Garcia, unsere Geduld wird dem Respekt entsprechen, den Du dem Klub entgegengebracht hast: Keine“, stand während seines ersten Spiels in Lyon auf einem Banner.

          Vom ersten Spiel an war Garcia Blitzableiter und Sündenbock. Gewann Lyon nicht – und das kam oft vor –, wurden seine Mannschaftsaufstellungen angeprangert. Vor allem aber war der größte Kritikpunkt, dass er die jungen Spieler des Nachwuchszentrums nicht spielen ließ. Lyon ist in erster Linie ein Ausbildungsverein, neben Real Madrid, Barcelona und Ajax einer der besten in Europa. Von den 23 französischen Weltmeistern von 2018 wurden drei in Lyon ausgebildet: Samuel Umtiti, Corentin Tolisso und Nabil Fékir.

          Zu diesen Namen kommen noch Karim Benzema, Alexandre Lacazette, Anthony Martial und Ishak Belfodil. Das Nachwuchszentrum ist für die Einwohner von Lyon das, was der Eiffelturm für die Pariser ist: ihr größter Stolz. Doch seit Monaten sind nur zwei in Lyon ausgebildete Profis Stammspieler: Torhüter Anthony Lopes und Mittelfeldspieler Houssem Aouar. Dabei mangelt es nicht an Talenten: Maxence Caqueret, Amir Gouiri, Melvin Bard und nicht zuletzt der von vielen als Jahrhundert-Talent präsentierte Ryan Cherki.

          Rudi Garcia: Vom ersten Spiel an er war Blitzableiter und Sündenbock, und plötzlich greift sein Lyon nach den Sternen.
          Rudi Garcia: Vom ersten Spiel an er war Blitzableiter und Sündenbock, und plötzlich greift sein Lyon nach den Sternen. : Bild: AFP

          Während Cherki, 17 Jahre alt, einige Auftritte hatte, bekamen Gouiri und Bard keine großen Chancen. Garcia zog es sogar vor, den vielgeschmähten Maxwell Cornet als Linksverteidiger statt Bard spielen zu lassen, der als zu jung angesehen wurde. Selbst Maxence Caqueret musste sich noch etwas gedulden, bevor er den Abgang von Lucas Tousart zu Hertha BSC nach Berlin nutzte, um Fuß zu fassen.

          Noch nicht einmal das Unentschieden gegen Leipzig, nach einem 0:2-Rückstand, brachte bessere Stimmung. Der wegen seiner Leistung und Haltung kritisierte Verteidiger Marcelo wurde auf einem Banner als Ziege dargestellt. Das Klima blieb giftig. Gegen Bordeaux am 11. Januar ging Marcelo zu den Fans, um bei ihnen um Entschuldigung zu bitten. Doch die Ergebnisse waren immer noch durchwachsen, und als die Saison im März endete, lag Olympique Lyon (OL) auf dem historisch schlechten siebten Platz. Trotz der beharrlichen Versuche von Jean-Michel Aulas, die Ligue 1 wiederzubeleben, wurde die Saison abgebrochen. Zum ersten Mal seit 24 Jahren gelang es Lyon nicht, sich für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

          Es blieben noch zwei Chancen: das Endspiel um den Ligapokal gegen PSG am 31. Juli. Und die Champions League. Nach der Niederlage im Elfmeterschießen gegen die Pariser war es nur noch eine. Unmöglich, dachten alle. Dann reichte das Auswärtstor in Turin zur Qualifikation für die Endrunde in Lissabon. Und Rudi Garcia hatte plötzlich einen Schlüssel in der Hand. Mit Houssem Aouar, Bruno Guimaraes und Maxence Caqueret im Mittelfeld setzte er auf ein technisch versiertes, hart arbeitendes Mittelfeld, während die Dreierkette die Defensive sicherte.

          Als Linksverteidiger erscheint Cornet unverzichtbar. Gegen City schoss er sein erstes Tor in dieser Champions-League-Saison, aber sein viertes Tor gegen Manchester City, bei drei Spielen in den vergangenen beiden Champions-League-Spielzeiten. Vorne nutzten Memphis Depay, Moussa Dembélé und Karl Toko-Ekambi Gegenangriffe, die von dem hervorragenden Aouar eingeleitet wurden. An diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League, bei Sky und Dazn) nun steht Olympique Lyon nach zehn Jahren wieder im Champions-League-Halbfinale, und wie 2010 geht es gegen Bayern München. Auch das erscheint als monumentale Herausforderung. Aber wie heißt es an der Rhône? „Unmöglich gibt es in Lyon nicht.“

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