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Manchester City : „Schaut ihr zu, Real Madrid?“

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Den Madrilenen auf und davon eilen? Kevin de Bruyne (l.) will mit Manchester City ins Champions-League-Finale Bild: dpa

Manchester City war lange für sein Versagen berühmt – inzwischen ist mit dem Geld der Scheichs fast alles möglich. Vor dem Halbfinal-Rückspiel in der Champions League bei Real Madrid üben sich die Fans in feiner Ironie.

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          John Stapleton, Jahrgang 1946, gehört zur dritten Generation von Anhängern des Manchester City FC. Der langjährige Moderator des ITV-Frühstücksfernsehens erzählte einmal, wie sein Vater und sein Großvater ihre Fahrräder früher zwischen den Reihenhäusern vor dem alten Stadion an der Maine Road abstellten und zwei Pennys zahlten, um ihre Mannschaft spielen zu sehen. Obwohl Stapleton vor Jahrzehnten aus dem Großraum Manchester weggezogen ist, hat er dem Verein die Treue gehalten. Das hat sich in die vierte Generation vererbt.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Manchester City rühmt sich denn auch trotz unbeständiger Leistungen einer loyalen Anhängerschaft und reizt den Erzrivalen Manchester United, der sich als eine internationale Marke etabliert hat, mit der Behauptung, die wahre lokale Mannschaft zu sein. Mitte der neunziger Jahre nahm Stapleton seinen siebenjährigen Sohn mit ins Highbury-Stadion, wo Manchester City mit dem deutschen Mittelstürmer Uwe Rösler bei Arsenal antrat. Als innerhalb einer halben Stunde das dritte Tor gegen die Gastmannschaft fiel, wandte sich der kleine Junge in seinem blassblauen Schal mit passender Mütze zu seinem Vater und sagte ihm klipp und klar, es lohne sich nicht, City zu unterstützen. Der Vater redete dem Sohn ins Gewissen. Er habe solche Flauten seit dreißig Jahren ertragen müssen, man könne doch nicht einfach nach dreißig Minuten aufgeben.

          Diese düstere Zeit, die 1998 mit dem Abstieg in die dritte Liga den Tiefpunkt erreichte, sitzt den Anhängern noch tief im Nacken. In der schmachvollen Zeit, da sie der Mannschaft zu verregneten Niederlagen in Dritt- und Zweitligaspielen folgten, hätten sie niemals erträumt, dass ihre Mannschaft wieder die Spitze der obersten Liga erklimmen werde, wie dies 2012 mit dem ersten Meistertitel nach 44 Jahren gelang und zwei Jahre später wiederholt wurde; und niemals hätten sie geglaubt, dass Manchester City, wie an diesem Mittwoch (20.45 Uhr / Live auf Sky und im Champions-League-Ticker auf FAZ.NET) im Halbfinal-Rückspiel im Estadio Santiago Bernabéu gegen Real Madrid (Hinspiel: 0:0), je um einen Platz im Endspiel der Champions League kämpfen würde. Bis dahin hatte der Verein es allenfalls bis ins Achtelfinale geschafft.

          Mit der Berufung von Pep Guardiola, der im Sommer vom FC Bayern München zu City wechselt, signalisiert der Klub, dass er auf nationaler und internationaler Ebene auf das Maximale zielt. Obwohl die Mannschaft unter dem 2013 geholten Manuel Pellegrini zum Zeitpunkt der Verpflichtung Guardiolas im Februar noch für vier Pokale im Rennen war, hatte der Chilene durch eine Reihe von Misserfolgen, die am vergangenen Wochenende in der 2:4-Niederlage gegen Southampton gipfelte, das Vertrauen verloren. Die nach jahrelanger Erfahrung mit dem Versagen für ihren selbstabwertenden Humor bekannten Anhänger riefen im Hinblick auf das heutige Spiel im ironischen Sprechchor: „Schaut ihr zu, Real Madrid?“

          Die enormen Beträge, die Scheich Mansour Bin Zayed Al Nahyan aus dem Herrscherhaus von Abu Dhabi investiert hat, seit er vor acht Jahren Thaksin Shinawatra, dem wegen Amtsmissbrauch geschassten Premierminister Thailands, die Mehrheitsanteile abkaufte, belegen die Ambitionen der Citizens. Am Beispiel von Manchester City lässt sich wie beim französischen Klub Paris Saint-Germain, der dem Golfstaat Qatar gehört, verfolgen, wie sich die Ölmilliarden auf den Fußball auswirken.

          Beide Vereine zahlen der jüngsten Untersuchung des Informationsdienstleisters „Sporting Intelligence“ zufolge mit Real Madrid die weltweit durchschnittlich höchsten Gehälter im Mannschaftssport. Manchester City nahm auf dieser Liste in den vorangegangenen zwei Jahren mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von mehr als sieben Millionen Euro sogar die Spitzenstellung ein.

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          Zu den teuersten Einkäufen zählte Kevin de Bruyne, der im vergangenen Jahr für 75 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg nach Manchester wechselte. Auf dem Mittelfeldspieler, dessen monatelanger Ausfall wegen einer Knieverletzung für das schlechte Abschneiden mitverantwortlich gemacht wird, ruhen in Madrid große Hoffnungen. De Bruyne ist freilich nur einer von mehreren Stars, die sich City in den vergangenen Jahren geleistet hat. Es kursieren bereits wilde Gerüchte über Guardiolas Wunschliste. Spekulationen, denen zufolge der Verein Aymeric Laporte für fünfzig Millionen Euro von Athletic Bilbao abgeworben habe, hat der französische Abwehrspieler am Dienstag dementiert.

          Scheich Mansour und der von ihm bestellte Vorstand Khaldoon Khalifa Al Mubarak, deren größte Sponsoren, darunter die Fluglinie Etihad, ebenfalls aus dem Ölemirat kommen, setzen indes nicht nur auf große internationale Namen. Sie investieren auch Millionen in Anlagen, die zugleich das einheimische Talent fördern und die Wirtschaft in dem von der postindustriellen Rezession betroffenen Großraum Manchester ankurbeln wollen. Auf dem verseuchten Boden einer ehemaligen Farbstoffmittel-Fabrik ist im Osten von Manchester neben dem Stadion ein von der Stadt mitfinanzierter Komplex entstanden, der neben einer Oberstufenschule ein Freizeitzentrum und eine Fußballakademie für die Ausbildung von hochwertigen Nachwuchsspielern aus der Region umfasst.

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