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Champions League kurios : Der Alarm vor dem Geisterspiel

Ungewohnter Job: Als Feuerwehrmann war Guardiola noch nie gefragt Bild: dpa

Wegen rassistischer Ausfälle muss ZSKA Moskau gegen den FC Bayern in der Champions League heute in einem leeren Stadion spielen. Doch die Bestrafung trifft eher die Münchner. Vor leeren Rängen anzutreten, sind sie nicht gewohnt.

          2 Min.

          Vor dem „Geisterspiel“ stand die Geisterstunde. Ein bisschen sahen sie aus wie Schüler, die sich im Ferienlager als Gespenster verkleidet haben und sich nun gruselig-heiterer Stimmung erfreuen - die Profis des FC Bayern, die am Sonntagabend vor ihrem Mannschaftshotel am Roten Platz in Moskau einen anderthalbstündigen Feueralarm aussitzen mussten. In cremeweiße Wolldecken eingemummelt, hockten sie da, machten lustige „Selfies“, verschickten Botschaften und scherzten fröhlich aufgekratzt. Pep Guardiola, der noch nie in seinem bisherigen Trainerleben als Feuerwehrmann gefragt war, lächelte gut verhüllt in sein Smartphone. Und Arjen Robben, die Decke zum Schutz vor Verkühlung nicht nur um den drahtigen Körper, auch über den kahlen Kopf gewickelt, hätte in dieser Kostümierung auch Touristen als schottisches Schlossgespenst erschrecken können.

          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          Endlich mal eine etwas andere Dienstreise. Manuel Neuer erinnerte es an seine Kindheit. „Das war wie früher in der Schule bei Feueralarm, dass man schnell die Klassenzimmer verlässt und sich auf dem Schulhof trifft“, sagte der Torhüter. Einige verdrückten sich während des Alarms in ein nahes Lokal. Vielleicht war der improvisierte Abend eine gute Einstimmung auf das völlig Ungewohnte, das die Bayern an diesem Dienstag (Anstoß 18 Uhr / Sky und im Liveticker bei FAZ.NET) gegen ZSKA Moskau in der Champions League erwartet: ein Spiel in einem leeren Stadion, zum ersten Mal in der 52-jährigen Europapokalgeschichte des FC Bayern mit 413 Spielen.

          Leere Ränge in Moskau: Wie im Training darf auch beim Spiel keiner zuschauen
          Leere Ränge in Moskau: Wie im Training darf auch beim Spiel keiner zuschauen : Bild: dpa

          Wegen wiederholter rassistischer Ausfälle und rechtsextremer Symbole seiner Anhänger wurde der russische Meister als bisher fünftes Heimteam in der Geschichte der Champions League von der Europäischen Fußball-Union (Uefa) zu einem „Geisterspiel“ verdonnert - zum Verdruss von Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, der die Münchner Fans als unschuldig Mitbestrafte sieht. „Einige unserer Anhänger haben seit 25 Jahren kein Auswärtsspiel verpasst“, sagte er. „Fußball ist Atmosphäre, Fußball ist Emotion.“ Ein Fußballspiel ohne Zuschauer brauche niemand. Die Bayern-Fans hatten vergeblich versucht, die Uefa mit einem offenen Brief und mit Bannern beim 1:0-Sieg gegen Manchester City umzustimmen.

          Seit fast zehn Jahren, seit Eröffnung der Münchner Arena, ist jedes Heimspiel der Bayern ausverkauft, und auch auswärts sind sie es gewohnt, in vollen Häusern zu spielen - in allen 312 Bundesliga- und 49 DFB-Pokal-Spielen seit Sommer 2005. Deshalb könnten leere Ränge offenbar verstörende Wirkung auf damit nicht vertraute Künstlerseelen entfalten, wie der Trip zum krassen Außenseiter Bate Borissow vor zwei Jahren in der Champions League zeigte. Damals gastierte man im unwirtlichen Dinamo-Stadion von Minsk vor halbleeren Tribünen - und verlor 1:3.

          Wenigstens gut gelaunt: Bayern-Spieler vor dem Auftritt in der Champions League
          Wenigstens gut gelaunt: Bayern-Spieler vor dem Auftritt in der Champions League : Bild: AFP

          Gegen so etwas will man nun gefeit sein und warnt sich davor, kein spielerisches Wellness-Programm zu erwarten in der bis auf einige Journalisten und Ordner menschenleeren Chimki-Arena. „Wir müssen uns der Situation anpassen“, sagte Guardiola am Montag, „aber sie ist schon ein bisschen komisch.“ Eine „heiße Partie“ erwartet Sportvorstand Matthias Sammer, „zwar nicht von außen, aber auf dem Platz“. Torwart Neuer mahnt, es trotz der Null-Kulisse nicht mit einem Trainingsspiel zu verwechseln. Und vor einem Auswärtsspiel „mit ekelhaftem Charakter“ warnt Thomas Müller.

          Aber das tat Müller auch schon vor dem Spiel in Köln, das dann eher das Gegenteil von Moskau wurde: ein Trainingsspiel mit vollem Stadion. Von Köln aus reiste man direkt zum Roten Platz, wo auf die Roten die abendliche Feuer-Übung wartete. Falscher Alarm, so wie üblicherweise auch die Warnungen der Bayern vor ihren Gegnern. Sie sind fast immer nur Warnungen vor sich selbst.

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