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München braucht eine Therapie : Kann Bayern nichts richtig machen?

Braucht neue Erfolge: Hans-Dieter Flick auf der Pressekonferenz vor dem Champions-League-Spiel gegen Tottenham Hotspur Bild: dpa

Bayern-Trainer Hansi Flick hat eine gewagte These aufgestellt. Die dürfte er inzwischen bereuen. Doch plötzlich wird so aus einem Champions-League-Spiel, in dem es sportlich um nichts mehr geht, ein bizarres Duell.

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          Kurz vor dem ersten Advent sagte Hansi Flick: „Ich kann nichts falsch machen.“ Eine These, die er inzwischen bereuen könnte. Sie war nicht nur falsch, denn im Fußball kann man trotz aller Klasse immer ganz viel falsch machen – vor allem vor dem Tor, wie die Bayern seitdem zeigen. Nein, sie hat ihre eigene Widerlegung schon durch ihr Artikulieren mit herbeigeführt. Wenn ein Trainer, bezogen auf die Aufstellung seiner Elf, sagt: Ich kann nichts falsch machen, heißt das für seine Spieler: Ich auch nicht. Er formuliert damit einen Freifahrtschein für Überheblichkeit: Egal wer spielt, wir sind so gut, wir müssen nur unser Spiel spielen, schon funktioniert alles.

          Champions League

          Das tat es nicht. Und so kommt es nun zu einem Spiel, in dem es sportlich um nichts mehr geht, atmosphärisch aber um sehr viel. Bayern gegen Tottenham an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) verspricht zum Vorrundenabschluss der Champions League ein bizarres Duell – und das nicht nur, weil das Hinspiel Anfang Oktober 7:2 für Bayern endete.

          Tottenham im Aufwind

          Beide Teams haben seitdem ihre Trainer gewechselt. Beide sind bereits für die K.-o.-Phase qualifiziert, Bayern als Gruppensieger, Tottenham als Zweiter. Beide sind die trefflichsten Teams der Vorrunde, mit zusammen 38 Toren. Beide könnten sich aber, sollten sie ihre heimischen Plazierungen bis Mai nicht verbessern, im Juli in der Qualifikation zur Europa League wiederfinden. Das mag realitätsfern klingen. Doch in der realen Gegenwart treffen die Tabellensiebten aus Deutschland und England aufeinander.

          Der Unterschied ist, dass die Spurs sich auf dem aufsteigenden Ast sehen. In fünf Spielen mit Trainer José Mourinho schossen sie 16 Tore, darunter, beim 5:0 gegen Burnley am Samstag, eines von Ewigkeitswert, ein Achtzig-Meter-Solo von Heung-min Son, den der Chef darauf als „Sonaldo“ adelte. Weil die Spurs sich nicht mehr ihre Torgefahr beweisen müssen, wird Mourinho Torjäger Harry Kane in München schonen und auch sonst wohl eine 1-b-Elf aufstellen.

          Kollege Flick wird sich das kaum leisten können. Nach zwei Spielen mit 39 Torschüssen und null Punkten brauchen die Bayern ein Erfolgserlebnis. Gegen das Gefühl des Versagens hilft keine Statistik, nicht mal die, dass sie in allen 21 Saisonspielen getroffen haben – am fleißigsten in der Champions League, im Schnitt mehr als viermal pro Spiel. Doch erstmals redet nun ein Akteur der Bayern, deren Selbstverständnis es seit Jahrzehnten ist, den doppelten Anforderungen im nationalen und internationalen Vergleich standzuhalten, von der Champions League wie von einer Last.

          Je weiter man darin komme, prophezeite Joshua Kimmich nach dem 1:2 in Mönchengladbach, „desto schwieriger wird es, die Kräfte für die Bundesliga zu haben“. Das klingt nach einer überraschenden Light-Version von „Mia san mia“. Zumindest diesen Mittwoch aber stellt die Champions League noch kein Risiko dar, sondern die Chance, aus einer Last wieder Lust entstehen zu lassen. Durch Tore, die einzige Therapie, die im Fußball immer hilft, gegen alles. Selbst in einem Spiel ohne Bedeutung. Ohne sie kann auch, wer glaubt, nichts falsch machen zu können, nichts richtig machen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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