https://www.faz.net/-gtm-9ktr5

Aus in der Champions League : Der FC Bayern ist nur ein Scheinriese

Das Ringen zwischen Bayern und Liverpool hat einen eindeutigen Sieger. Bild: EPA

Die zuvor so selbstbewussten Münchner zeigen beim Aus gegen Liverpool die schwächste und lebloseste Darbietung seit langem. Als der große Bayern-Ballon platzt, bleibt nur heiße Luft. Vor allem einer ist mächtig angefressen.

          3 Min.

          Es lief die 84. Minute, und noch einmal, ein letztes Mal, raffte sich die Südkurve, die mit den lautesten Fans, auf, die anderen Roten im Stadion aufzurichten. Vor allem die unten, auf dem Rasen. „Steht auf, wenn ihr Bayern seid“, schallte es durch die Arena – während auf dem Platz der Ball durch die Reihen des FC Liverpool lief und irgendwann am Eck des Bayern-Strafraums zu Mohamed Salah kam. Der Ägypter nahm ihn an, schaute kurz auf und spielte dann einen zauberhaften Diagonalball mit dem Außenrist auf den Kopf von Sadio Mané. Es war das 1:3, es war das Aus für die Bayern. Und da standen sie wirklich auf, die Bayern-Anhänger, zu Tausenden, und gingen.

          Champions League
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Sie wollten sie einfach nicht bis zum bitteren Ende sehen, diese schwächste, lebloseste Darbietung, die der FC Bayern seit dem letzten Aus im Achtelfinale, 2011 gegen Inter Mailand, in einem K.o.-Spiel der Champions League geboten hatte, vor allem nach der Pause. „Wir haben verdient verloren“, sagte Trainer Niko Kovac und gab an dem Abend, der das dreifache deutsch-englische Duell in der Königsklasse mit der für die Bundesliga desaströsen Bilanz von 3:17 Toren beendete, ein krasses Eingeständnis ab: „Wir haben unsere Grenzen aufgezeigt bekommen.“

          Was war da nur passiert mit dem Scheinriesen Bayern? So sehr hatten sie über Wochen Selbstvertrauen und Selbstdarstellung aufgepumpt. Hatten in der Bundesliga neun Punkte aufgeholt gegen Dortmund. Die Tabellenführung zurückgeholt. An der Anfield Road in Liverpool ein 0:0 erreicht. Sich für diesen Auftritt, die beste Abwehrleistung seit langem, gefeiert, die Tücke der Torlosigkeit fürs Rückspiel ignorierend. Doch irgendwann kurz nach 22.00 Uhr am Mittwochabend in München platzte er dann doch, der große Bayern-Ballon, und übrig war nur noch heiße Luft.

          „Wir haben wenige Argumente fürs Weiterkommen“, gestand der torlose Torjäger Robert Lewandowski, sichtlich angefressen von der vorsichtigen Gangart seines Teams und seines Trainers. „Wir haben zu defensiv gespielt. Wir hatten nicht genug Spieler vorn, um Druck zu machen.“ Abgesehen vom Ausgleich zum 1:1 nach 38 Minuten, als der frühere Schalker Joel Matip den Ball in letzter Not vor Lewandowski nur noch ins eigene Tor bugsieren konnte, und einer ähnlichen Situation nach einer Stunde, als Lewandowski im Fünfmeterraum eine Hereingabe von Serge Gnabry knapp verpasste, kamen die Bayern auf keine nennenswerte Torchance.

          „Ein Tick mehr Mut hätte uns gut getan“, sagte Verteidiger Mats Hummels, der eine Woche nach seiner Ausbootung im Nationalteam eine gute Leistung zeigte, bei den Kopfballtoren der beiden überragenden Liverpooler Virgil van Dijk (68.) und Mané (84.) jedoch einen Hauch zu spät kam. „Wir waren zu passiv.“

          „Uns hat die Durchschlagskraft nach vorn gefehlt“, klagte Torwart Manuel Neuer. „Wir hatten zu wenige klare Chancen.“ Bei der ersten Chance für Liverpool nach 26 Minuten war es Neuer selbst, der Mané bei dessen erstem Treffer den Weg mit einem voreiligen Hinauslaufen ebnete. Der Ausgleich zwölf Minuten später belebte die Lebensgeister der Bayern neu, die nun wieder nur noch einen Treffer vom Weiterkommen entfernt waren. Doch nach der Pause waren es überraschend die Liverpooler, die plötzlich das Kommando übernahmen und munter nach vorn spielten, während die Bayern rund um völlig abtauchende Stars wie Thiago oder Franck Ribéry (in seinem vielleicht letzten Champions-League-Spiel) in Einfallslosigkeit erstarrten.

          „Das Gegentor hat bei uns den Glauben genommen“, sagte Hummels zum 1:2, bei dem sich van Dijk nach einer Ecke gegen die beiden kopfballstärksten Bayern, Martinez und Hummels, behauptet hatte. „Dieses Standardtor killt uns zu einem unglücklichen Zeitpunkt“, fand Neuer. „Danach konnten wir nichts mehr umsetzen.“ Aber was hieß schon unglücklicher Zeitpunkt? Es waren noch rund 25 Minuten zu spielen – was in besseren Bayern-Jahren für jeden Gegner eine schwierige Schlussphase unter Dauerdruck durch das Heimteam bedeutet hätte. Doch nun war es umgekehrt. Die Bayern schienen sich früh aufzugeben. Nie fanden sie und ihr Trainer Lösungen für das Pressing der Liverpooler, gegen das sie „zu oft nach hinten spielten und den Sicherheitspass wählten“, wie Hummels einräumte, eine Analyse, die in ein Lob für seinen früheren Trainer mündete: „Jürgen Klopp hat es geschafft, unsere Stärken aus dem Spiel zu nehmen.“

          Präsident Uli Hoeneß sagte nur einen Satz: „Liverpool hat einfach besser gespielt und verdient gewonnen.“ Daran konnte niemand zweifeln. Während in den vergangenen Jahren das Ausscheiden der Bayern oft unglücklich und stets knapp war, wie 2016 gegen Atlético oder bei den Dramen gegen Real 2017 und 2018, gab es diesmal keinen Spielraum für das alljährliche Was-wäre-wenn-Lamentieren. Die beste Chance hatte Kovacs Team vielleicht schon im Hinspiel vergeben, als es, trotz einer wackligen Liverpooler Abwehr ohne den gesperrten van Dijk, mit einem 0:0 zufrieden war. Im Rückspiel dagegen waren die Bayern vom Anspruch, eine europäische Größe zu sein, sportlich so weit entfernt wie seit zehn Jahren nicht, als man unter Trainer Jürgen Klinsmann 0:4 in Barcelona verlor.

          Das Bild des Tages, das den rapide geschrumpften deutschen Fußballstatus in Europa illustrierte, bot Oliver Bierhoff, der Manager der Nationalmannschaft. In der ersten Halbzeit, an der Seite von Bundestrainer Joachim Löw auf der Tribüne, trug er noch einen rot-weißen Bayern-Schal. In der zweiten Halbzeit, als der Erfolgs-Nimbus der Bayern sich so rasch auflöste wie zuvor der des Nationalteams, war der Schal verschwunden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Will nicht weichen: Baschar al Assad am Mittwoch in Idlib

          Syrien-Konflikt : Wer Schutz verspricht, muss schützen

          Seit Jahren wird über sichere Zonen in Syrien diskutiert, doch nie waren die Umstände widriger. Nato-Mitglieder zweifeln an Deutschlands Motiven – derweil spielen russische und türkische Einsatzkräfte vor Ort ihre Macht aus.
          Das war nichts: Axel Witsel (Zweiter von links) und Borussia Dortmund verlieren in Mailand.

          Pleite in Champions League : Enttäuschende Vorstellung des BVB

          Beim 0:2 gegen Inter Mailand bleiben die Dortmunder vieles schuldig: Es fehlt weiter an Tempo und Überraschungsmomenten. Besonders eine Situation dürfte die Borussia deshalb besonders ärgern.
          Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow im September bei der Kartoffelernte in Heichelheim.

          Linkspartei in Thüringen : Ganz anders als gedacht

          In Thüringen führt Bodo Ramelow seit fünf Jahren die erste rot-rot-grüne Regierung. Am Sonntag will er wiedergewählt werden. Selbst ohne eigene Mehrheit könnte er im Amt bleiben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.