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Champions-League-Analyse : Warum Bayern das Spiel noch drehte

So gerade noch gutgegangen: Bayern-Trainer Pep Guardiola. Bild: Picture-Alliance

Juventus überrascht die Münchner mit einer ungewohnten Taktik. Erinnerungen an ein Bayern-Debakel von 2014 werden wach. Doch dann trifft Pep Guardiola drei richtige Entscheidungen.

          Kurz nach der Halbzeit schüttelte Pep Guardiola lange mit dem Kopf. Es schien, als plage den Trainer des FC Bayern ein Albtraum. Dabei war das, was ihn ärgerte, ganz real – und erinnerte an eine böse Niederlage vor zwei Jahren. Damals verloren Guardiolas Münchner im Halbfinale der Champions League 0:4 im eigenen Stadion gegen Real Madrid. Die Spanier nutzten seinerzeit die konfuse Abwehrleistung und führten den deutschen Meister vor. Der Start ins Achtelfinal-Rückspiel gegen Juventus Turin am Mittwoch erinnerte wohl nicht nur den Coach fatal an die Lehrstunde von 2014.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Paul Pogba brachte die Italiener nach dem 2:2 im Hinspiel früh in Führung (6. Minute), Juan Cuadrado schloss einen mustergültigen Konter zum 0:2 ab (29.). Sollte sich die Geschichte wiederholen? 2014 hatte Guardiola auf Wunsch der eigenen Spieler auf die falsche Marschroute gesetzt; Real bestrafte die offensive Herangehensweise eiskalt. Nun hatte der katalanische Coach im Vergleich zum Hinspiel in der Innenverteidigung auf Medhi Benatia und vor der Abwehr auf Xabi Alonso gesetzt – in der Erwartung, dass Turin, wie italienische Mannschaften es so oft tun, erstmal auf Defensive setzt. Zudem spielte Franck Ribéry von Beginn links außen.

          Benatia sollte sich als körperlich robustester Abwehrmann um den einzigen Juventus-Stürmer Alvaro Morata kümmern, der Stratege Alonso das Münchner Spiel aus der Defensive mit klugen Pässen und Verlagerungen steuern. Doch dieser Strategie hatte Turin-Trainer Massimiliano Allegri, dessen Stürmer Paulo Dybala (Torschütze im Hinspiel, nun aber verletzt in Italien geblieben) und Mario Mandzukic (auf der Bank) in der Startelf fehlten, eine ziemlich kluge Idee entgegenzusetzen. Er überraschte mit voller Offensive inklusive Pressing am Bayern-Strafraum – von der ersten Minute an.

          Mittelfeldspieler Paul Pogba rückte gar nach vorne als zweite Spitze – und traf zum 0:1, weil er das Missverständnis von Torwart Manuel Neuer und David Alaba nutzte. Auch Sami Khedira, sonst für die defensiven Aufgaben im Mittelfeld zuständig, verlagerte sein Betätigungsfeld weit in die Bayern-Hälfte (siehe nachfolgende Grafik mit der durchschnittlichen Position). Der wenig ballsichere Benatia hatte einige Probleme mit dem unerwarteten Druck der Turiner, Alonso war das Tempo bisweilen zu hoch – wie beim Konter zum 0:2, als Juventus dreizehn Sekunden vom eigenen Strafraum bis zum Tor brauchte.

          In der Pause setzte Guardiola zur ersten Korrektur an. Er nahm Benatia aus der Mannschaft, brachte Linksverteidiger Juan Bernat und schob den ballsichereren David Alaba für Benatia nach innen. So gewann der Trainer mehr Ballsicherheit gegen das Pressing von Juventus. Die Maßnahme verbesserte die Defensive – doch die Münchner brauchten zwei Tore. Nach einer Stunde griff Guardiola daher zur zweiten personellen Korrektur. Kingsley Coman, vor der Saison aus Turin ausgeliehen, kam für Alonso. Coman übernahm fortan den rechten Flügel, den sehr engagierten Douglas Costa zog es dafür ins Zentrum.

          Der 19 Jahre alte Franzose Coman stellte die Juventus-Abwehr vor neue Aufgaben. Zuvor hatten die Italiener jeweils mit zwei Spielern auf die Versuche der Bayern, über außen zum Erfolg zu kommen, reagiert. Weder Ribéry auf links noch Costa auf rechts fanden eine Lücke für Flanken. Nun aber nahm Allegri den starken Khedira aus der Partie – und die Kraft ließ nach. Comans Einsatz war die Basis für Costas Flanke von rechts auf Robert Lewandowski vor dem 1:2 (73.), Coman selbst gab den Ball zu Müllers Ausgleich in die Mitte (90.+1.). „Wir brauchten das Eins gegen Eins von Coman gegen Alex Sandro, der ein bisschen müde war“, sagte Guardiola. Seine personellen Schachzüge gingen auf – gerade noch rechtzeitig: Die Bayern hatten – wie Juventus im Hinspiel – einen Zwei-Tore-Rückstand ausgeglichen.

          Vergleichen Sie die Spieler durch Auswahl im Pull-Down-Menü:

          Doch anders als Allegri hatte Guardiola noch einen weiteren Joker im Ärmel in der Verlängerung. Für den müden Ribéry kam Thiago Alcantara (101.) – damit hatte er alle drei Spieler, die im Rückspiel zu Beginn neu ins Team gerückt waren wieder ausgewechselt. Thiago ging in die Mittelfeld-Zentrale, Costa rückte nach links außen. Nur sieben Minuten später zahlte sich der Tausch aus. Der frische Thiago schaltete schneller als die Italiener nach einem abgewehrten Ball, die Ablage von Müller und der Schuss waren technisch hochwertig (3:2, 108.). Dass Coman nach einem Konter wenig später noch das 4:2 nachlegte (110.), machte das Wechsel-Glück des Pep Guardiola perfekt.

          Wählen Sie die Entstehung der einzelnen Tore jeweils aus:

          Entscheidender Treffer: Thiago bringt seine Bayern in Führung Bilderstrecke

          Die Partie war ein Lehrbeispiel dafür, wie der Wechsel von Spielern mit ihren speziellen Fähigkeiten und Aufgaben die Statik entscheidend verändern können. Die Taktik-Füchse Guardiola und Allegri zeigten bei aller Leidenschaft, Kraft und Emotion, die beide Mannschaften 120 Minuten einbrachten, dass die richtige Strategie ein gewichtiger Faktor sein kann, wenn es darum geht, ein enges Spiel zweier fast gleichwertiger Teams auf höchstem Niveau zu entscheiden. Mit den drei Einwechslungen hatte Guardiola nun das richtige Händchen. Ganz anders als noch beim Albtraum von 2014, aus dem er erst erwachte, als die Bayern ausgeschieden waren.

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