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Eintracht-Coup in Marseille : Auswärts sind die Frankfurter eine Macht

Erster Frankfurter Torschütze in der Champions League: Jesper Lindström (links) Bild: Huebner

Das 1:0 in Marseille hat gezeigt, dass die Eintracht auch Champions League kann. Schlimme Verfehlungen von Krawallmachern sorgen aber für eine schwarze Stunde des Fußballs.

          3 Min.

          Am Abend, als die Raketen flogen, passierte Historisches. „Der erste Champions-League-Sieg in der Vereinsgeschichte – das ist natürlich unglaublich“, sagte Markus Krösche. Der Sportvorstand, hin- und hergerissen nach dem 1:0 der Eintracht gegen Olympique, zeigte sich „glücklich, dass wir drei Punkte gesammelt haben. Aber die Umstände hatten weniger mit Fußball zu tun“.

          Ralf Weitbrecht
          Sportredakteur.

          Nach dem Coup in Marseille ist die Eintracht im Kampf um den angestrebten Einzug in das Achtelfinale als punktgleicher Tabellendritter mit dem kommenden Gegner Tottenham Hotspur wieder mittendrin. Für diejenigen, die aus der Abteilung Fußball für ein sportlich bedeutsames Ergebnis sorgten, war es ein „großartiger Sieg auf allen Ebenen“.

          „Jetzt ist wieder alles offen“

          Sebastian Rode sprach in den Katakomben des Stade Vélodrome aus, was vorab für die angeschlagenen Frankfurter kaum für möglich gehalten worden war, in letzter Konsequenz aber dann doch nicht überraschte. Die Eintracht kann Europa – und sie kann augenscheinlich auch Champions League. Zumindest und vor allem auswärts, der Lieblingsspielwiese einer Mannschaft, die sich in der Fremde besonders wohlfühlt.

          Champions League

          Seit dem unglücklichen Halbfinal-Aus in der Europa League beim FC Chelsea in London, als man im Mai 2019 erst im Elfmeterschießen ausgeschieden war, hat die Eintracht auswärts kein Europapokalspiel mehr verloren. Dass nun auch die erste Champions-League-Hürde bei den überaus heimstarken Franzosen genommen wurde, begründete der eingewechselte Kapitän Rode mit einer „phantastischen Mannschaftsleistung. Wir mussten heute fast gewinnen, aber jetzt ist wieder alles offen“, sagte Rode, der ebenso wie seine Spielkameraden auf eine Reaktion nach der 0:3-Auftaktniederlage gegen Sporting Lissabon gehofft hatte. „Nun kann in den zwei Spielen gegen Tottenham schon vieles entschieden werden.“

          Hasebes „unglaubliche Leistung“

          Einer der Schlüssel zum Erfolg war die Rückkehr zur Dreierkette. Trainer Oliver Glasner hatte sich aus der verletzungsbedingten Not heraus zu dieser taktischen Maßnahme entschieden. Makoto Hasebe nicht nur als Chef der Defensive, sondern als Souverän auf dem Platz: „Das war eine unglaubliche Leistung von ihm“, schwärmte auch Sportvorstand Krösche über den Japaner, der in vier Monaten 39 Jahre alt wird.

          Mit welcher Ruhe und Spielintelligenz das Phänomen Hasebe allen sportlichen und sonstigen Widrigkeiten dieses hitzigen Fußballabends begegnete, verdient größten Re­spekt. „Extralob für Makoto“, sagte sein Trainer später auf dem Podium, wo der Österreicher über einen Sieg sprach, „der uns allen guttut. Auch denen, die nicht gespielt haben.“

          Jesper Lindström hat von Beginn an gespielt. Er war der Mann, der als Einziger ins Tor von Olympique traf (43. Minute). Auch andere Mitspieler wie beispielsweise Randal Kolo Muani hätten es dem Dänen gleichtun können, scheiterten aber. Und als es mit Daichi Kamada dann doch jemand schaffte, war Abseits im Spiel.

          „Nicht ich als erster Torschütze der Frankfurter Champions-League-Geschichte bin wichtig, sondern die Mannschaft“, sagte Lindström später. „Es war nicht einfach, hier aufzutreten.“ Schon bei der Anreise zum Stade Vélodrome, berichtete Rode, „haben wir ewig im Bus gesessen, und im Stadion war es brutal laut. Es war insgesamt eine Szenerie, die mit einem Champions-League-Spiel nichts zu tun hat.“

          Mannschaft geht zu den Fans

          Trotz der Verfehlungen und Entgleisungen, an denen neben den personell übermächtigen französischen Chaoten auch die gleichfalls zündelnden und Raketen abfeuernden Frankfurter Anhänger ein gehöriges Maß an Mitschuld trugen, wollte Glasners Mannschaft nicht auf das übliche Ritual verzichten. Auch im Hexenkessel von Marseille begab sie sich nach dem Spielende in Richtung Kurve, um sich bei denjenigen unter den 3300 Anhängern zu bedanken, die das Team friedlich unterstützt hatten.

          Dabei hielten die Frankfurter Fußballprofis einen großen Sicherheitsabstand ein. Überlegungen der Vereinsführung, auf dieses Ritual gänzlich zu verzichten, hatte es nicht gegeben. Die Verantwortlichen waren in einer schwarzen Stunde des Fußballs damit beschäftigt, sich um andere Dinge zu sorgen. „Wichtig ist, dass alle hier wieder heil und gesund rauskommen“, sagte Vorstand Philipp Reschke.

          Sehr aggressive  Atmosphäre:
 Chaosabend in Marseille.
          Sehr aggressive Atmosphäre: Chaosabend in Marseille. : Bild: Huebner

          Auch Kamada wusste um die speziellen Umstände an der französischen Mittelmeerküste. „Es war ein sehr schwieriges Spiel. Unser Trainer hat uns gesagt, dass wir unseren Stil durchziehen und auf den Platz bringen sollen. Zuletzt hatten wir das ja nicht geschafft. Aber heute haben wir gut zusammengespielt.“

          Es war auch die Schnelligkeit einzelner Spieler, mit der die Eintracht Olympique in Bedrängnis brachte. „Wir wussten, dass Marseille Mann gegen Mann verteidigt“, sagte Trainer Glasner in seiner Analyse. „Deshalb wollten wir sie durch unsere Schnelligkeit, vor allem mit Randal Kolo Muani und Jesper Lindström, vor Probleme stellen.“ Glasner zeigte sich angetan vom sportlichen Auftritt seiner Spieler. „Sie haben gezeigt, dass sie an der Leistungsgrenze gegen viele Mannschaften in vielen Stadien gewinnen können.“

          So schön und beruhigend das 1:0 gegen Marseille auch an diesem in vielerlei Hinsicht herausfordernden Abend gewesen sein mag: „Es war eine sehr aggressive Atmosphäre“, sagte Glasner. „Ein paar Chaoten haben den Fußball als ihre Bühne missbraucht.“ In der sportlichen Betrachtung lagen die Einschätzungen der beiden verantwortlichen Trainer auseinander.

          Während der Eintracht-Coach nach dem couragierten Auftritt seiner Mannschaft von einem „verdienten Sieg“ sprach, wäre für Igor Tudor „ein Unentschieden gerecht gewesen. In der zweiten Halbzeit konnten wir mehr pressen und hätten den Ausgleich verdient gehabt“, sagte der erstmals in dieser Saison in einem Pflichtspiel zu Hause geschlagene Olympique-Coach. Das historisch erfolgreiche Fußballspiel der Eintracht hätte an diesem Chaos-Abend ganz andere Rahmenbedingungen verdient gehabt.

          Champions League

          „In unserer Welt habe ich das nicht für möglich gehalten“

          Die Entrüstung war groß. „Wir alle haben so etwas noch nicht erlebt und in der Form für möglich gehalten. Ein Frankfurter Fan ist ernsthaft verletzt und im Krankenhaus, aber stabil und außer Lebensgefahr.“ Philipp Reschke war das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, als er über den „befürchteten Ausnahmezustand“ sprach. „Es ist sehr befremdlich, welches Ausmaß an Aggressivität und Hass uns entgegenschlug und auf Reaktionen traf“, sagte das Vorstandsmitglied der Eintracht AG nach dem nur sportlich erfolgreichen Abend für den Frankfurter Fußball.

          „Auf beiden Seiten gibt es eine ganze Menge Täter, bedeutend mehr bei den Franzosen. Es ist außergewöhnlich, unter welchen Bedingungen ein Fußballspiel stattgefunden hat. In unserer Welt habe ich das nicht für möglich gehalten.“ Reschke wusste: In Marseille hat „völlig sinnloses Geknalle hier eine gewisse Routine im Umgang. Für uns ist das neu in dieser Hölle.“ Dass sowohl Olympique als auch die Eintracht unter besonderer Beobachtung der Europäischen Fußball-Union stehen und beiden Klubs bei Verfehlungen jeweils ein Geisterspiel droht, ist bekannt. „Wenn ich eine Bestrafung fürchte, dann eher für ein Auswärtsspiel“, sagte Reschke. „Ich kann aber nicht ausschließen, dass es auch ein Heimspiel betrifft.“

          Was in Marseille an diesem schlimmen Abend des 13. September passiert ist, „macht uns sprach- und ratlos. Das Verhalten unserer Fans ist nicht zu entschuldigen.“ Auch über den sogenannten Fan, der den „Hitlergruß“ gemacht haben soll, äußerte sich Reschke. „Der Kerl hat sich proaktiv bei unserer Fanabteilung gemeldet. Es gibt ausscherende Armbewegungen in Richtung anderer Gruppen. Wir müssen prüfen, ob diese Darstellung glaubhaft ist. Bei leisesten Zweifeln wird er aus der Eintracht-Familie ausgeschlossen. Er hat dort nichts verloren.“ Unmittelbar vor dem   Spielende hatte die Eintracht in einem Statement geschrieben: „Die auf einem Video zu sehende Person  weist den Vorwurf einer antisemitischen Intention nachdrücklich zurück. Eintracht Frankfurt steht für Toleranz und Vielfalt und zeigt im Kampf gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung eine klare Haltung.“ (raw.)

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