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Vor der Champions League : Diese Baustelle hat der BVB

  • -Aktualisiert am

Emotional: BVB-Profi Mats Hummels (Zweiter von rechts) Bild: Picture-Alliance

Die Dortmunder Abwehr ist die beste der Liga – und doch kann dieser Umstand über teils gefährliche Lücken nicht hinwegtäuschen. Nun eröffnet Trainer Lucien Favre auch noch eine rätselhafte Torhüterdebatte.

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          Auf den ersten Blick bietet so ein deutlicher 3:0-Sieg gegen einen ganz und gar harmlosen Gegner wie den FC Schalke 04 des Herbstes 2020 nicht viel Anlass, die Defensive von Borussia Dortmund genauer hervorzuheben. Der BVB hatte 18-mal aufs Tor geschossen, der Krisenklub aus Gelsenkirchen nur dreimal. Eine Torchance hatten die Gäste aus der Nachbarstadt nicht, was nach Aussage des Schalkers Bastian Oczipka nicht mit der Dortmunder Abwehrleistung zusammenhing, sondern an „eigenen Unzulänglichkeiten“ lag. Und doch war es die Defensivabteilung der Mannschaft von Trainer Lucien Favre, die nach diesem Tag am Wochenende viel Aufmerksamkeit verdiente. Zumal vor dem wichtigen Champions-League-Duell am Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) gegen Zenit St. Petersburg.

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          Klar, der unglaubliche Erling Haaland hatte wieder sein Tor geschossen, aber das wichtige 1:0 war dem nach einer Covid-19-Erkrankung ins Team zurückgekehrten Innenverteidiger Manuel Akanji gelungen. Erst nach dieser 55. Minute brach das Schalker Bollwerk nach und nach in sich zusammen. Und Mats Hummels, Akanjis Partner im Abwehrzentrum, hatte sogar einen Moment erlebt, den er schon lange herbeisehnte. Der Kapitän hat bereits viele Erfolge gesammelt, Pokalsiege, Meisterschaften, den Gewinn der WM. Aber ein Tor in einem Revierderby fehlte noch in der Schöne-Momente-Kollektion des Verteidigers. So ein Treffer lässt sich zwar nicht in Form einer Trophäe in die Vitrine stellen, aber Hummels berichtete, dass dieses Erlebnis „ganz oben“ auf der To-do-Liste für sein fußballerisches Lebenswerk stand. „Das ist für einen Verteidiger ein absoluter Traumtag“, sagte er.

          Die Dortmunder konnten sich also über einen Sieg freuen, bei dem sie am Ende abermals keinen Gegentreffer zugelassen hatten, zum vierten Mal im fünften Bundesliga-Spiel. Kein Konkurrent in der Liga verteidigte bisher stabiler. Der BVB steht punktgleich mit dem FC Bayern auf dem dritten Platz, einen Punkt hinter Tabellenführer Leipzig, aber so etwas wie Begeisterung über einen Erfolg im Duell mit dem Erzfeind mochte am Samstagabend nicht entstehen. Weil die Stimmung, die die 300 Zuschauer auf den Rängen schufen, nicht vergleichbar war mit der atmosphärischen Wucht eines vollen Derbystadions. Und weil die Erlebnisse aus dem Spiel bei Lazio Rom vom vorigen Dienstag, das mit 1:3 verloren wurde, noch in den Bundesliga-Spieltag hineinlappten.

          Favre wirkt genervt

          Wieder einmal sind die alten Diskussionen über die Mentalität des Teams aufgeflammt, die automatisch auch immer Zweifel an Trainer Lucien Favre schüren. Eigentlich hätte der Sieg im Revierderby dem Schweizer neuen Rückhalt und frisches Selbstvertrauen geben können, aber wirklich glücklich wirkte er nicht, eher genervt, angestrengt. Das Spiel gegen Schalke sei „ganz okay“ gewesen, sagte er. Und Kritikern, die das Dortmunder Problem der fehlenden Konstanz im Verantwortungsbereich des Trainers verorten, hielt er entgegen: „Ich konzentriere mich auf das Wesentliche, ich lese viel, aber das nicht.“

          Wie sehr ihn diese Diskussion wirklich trifft, lässt sich schwer absehen, aber wirklich souverän tritt er in diesen Tagen nicht auf, was sich besonders deutlich in seinen Erläuterungen zur Torhüterdebatte zeigt, die er losgetreten hat. Nach der Länderspielpause war Roman Bürki krank, später kämpfte er noch mit einer Hüftblessur. Dreimal hatte Ersatzmann Marvin Hitz gespielt, aber Bürki war fit genug, um auf der Bank Platz zu nehmen. Nun spielte er wieder, grundsätzlichen Fragen zur Torhüterhierarchie wich Favre jedoch aus: Er bestätigte zwar, dass klare Verhältnisse auf dieser Position „natürlich“ wünschenswert seien, sagte aber auch: „Diese Frage gefällt mir nicht. Wir sehen, wie die trainieren.“

          Hitz sei „auch gut“ gewesen, „alle haben Konkurrenz“. Bislang gibt es weder verlässliche Informationen noch irgendwelche Gerüchte dazu, warum Bürkis Status als unumstrittene Nummer eins ins Wanken geraten ist. Auch Sebastian Kehl konnte an dieser Stelle trotz entsprechender Versuche nicht für endgültige Klarheit sorgen, „Roman bleibt unsere Nummer eins“, sagte der Leiter der Lizenzspielerabteilung, ergänzte diese Aussage jedoch mit einem etwas verwirrenden „in der Form“.

          Rätselhafte Torhüterdebatte

          Die Dortmunder Defensive bleibt aber nicht nur aufgrund dieser rätselhaften Torhüterdebatte eine Baustelle. Favre hat sein Team am Samstag erstmals seit vielen Monaten in der Bundesliga mit einer Viererkette spielen lassen, was ordentlich klappte, nachdem ähnliche Versuche in der Vorbereitung überhaupt nicht funktioniert hatten. Zudem muss Emre Can nach einem positiven Corona-Test vorerst pausieren, und Thomas Meunier spielte in Rom so schlecht, dass das Vertrauen in seine Fähigkeiten angeschlagen ist. Immerhin freute sich Sportdirektor Michael Zorc am Samstag über ein „sehr gutes Spiel“ des Belgiers, „sowohl defensiv als auch offensiv“.

          Das Hauptproblem, die Entwicklung einer stabilen Konstanz, ist allerdings noch vorhanden. „Jeden Tag auf dem Platz hart zu arbeiten ist das, was uns noch fehlt, um eines der absoluten Top-Teams zu sein“, sagte Hummels, aber es sei „besser geworden, vor allem seit im Januar Emre und Erling dazugekommen sind“. Dieser Derbysieg im fast leeren Stadion und gegen diesen schwachen Gegner taugte jedoch nicht dazu, diese Fortschritte zu einem Gefühl zu verfestigen, das die Dortmunder durch die intensiven Wochen tragen kann, die nun bevorstehen. Denn schon gegen St. Petersburg dürfte die Dortmunder Defensive deutlich mehr gefordert sein.

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