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Vor Champions-League-Duell : Die vielen Probleme des FC Bayern

Trägt die Hauptlast im Bayern-Angriff: Reicht die Wucht von Robert Lewandowski, um die Lücken in der Defensive zu kompensieren? Bild: EPA

Uli Hoeneß meldet Niklas Süle nach dessen Verletzung für die EM ab. Was heißt das für die Statik der Nationalmannschaft? Und was ganz aktuell für das wichtige Duell in der Champions League gegen Olympiakos Piräus?

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          Am Montag ging Uli Hoeneß auf seine letzte Champions-League-Reise als Präsident des FC Bayern. Er hätte das in unbeschwerter Stimmung tun können. Seit mehr als zwei Jahren, seit dem 0:3 bei Paris St-Germain im September 2017, das zur Entlassung von Trainer Carlo Ancelotti und der erfolgreichen Reaktivierung von Jupp Heynckes führte, hat er sein Team auswärts in Europa nicht mehr verlieren sehen. Und nach dem begeisternden 7:2-Erfolg bei Tottenham Hotspur vor drei Wochen scheint die Prognose nicht sehr verwegen, dass die Serie auch an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) bei Olympiakos Piräus halten könnte.

          Champions League
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Doch zwei Tage nach dem doppelten Nackenschlag in Augsburg war die Lage vor dem Abflug nach Athen angespannt. Die Kombination aus wiederholten Defensivaussetzern, die dem Außenseiter den späten Ausgleich zum 2:2 ermöglichte, und der schweren Verletzung von Niklas Süle beschäftigte Hoeneß. „Ein Drama“, ja „die totale Katastrophe“ nannte er den Kreuzbandriss des Verteidigers. Und eröffnete indirekt die nächste potentielle Kontroverse mit dem Deutschen Fußball-Bund und Bundestrainer Joachim Löw, nachdem er vor vier Wochen im Zorn über die Torwartdebatte angekündigt hatte, im Falle der Ablösung Manuel Neuers durch Marc-André ter Stegen keine Bayern-Spieler mehr ans Nationalteam abzustellen.

          Diese Drohung ließ sich angesichts der Regularien nicht halten. Doch der Fall Süle könnte spätestens im nächsten Frühsommer das Spannungsfeld zwischen den Interessen des Klubs und des Verbandes neu austesten. „So wie es ausschaut, ist die Saison beendet, die Europameisterschaft ist ad acta gelegt, die können Sie total vergessen“, sagte Hoeneß zur Perspektive des verletzten Hünen. Und machte die Priorität der Bayern deutlich: „Er muss zur neuen Saison wieder fit sein.“

          Boateng, Pavard, Hernandez?

          Löw dürfte das anders sehen. Er braucht Süle früher. Er hat den Abwehrchef, den er als „Fixpunkt“ im Nationalteam sieht, bisher für die EM im kommenden Juni fest eingeplant. Süle ist in den zwei Jahren seit dem Wechsel aus Hoffenheim mit seiner Präsenz, Physis, Schnelligkeit und Nervenstärke bereits zum wichtigsten Abwehrpfeiler der Bayern und der DFB-Auswahl geworden. In beiden Teams verdrängte er Mats Hummels und Jerome Boateng – und könnte nun doch für den Rest dieser Spielzeit wieder durch sie ersetzt werden.

          Boateng, entgegen Hoeneß’ Wechselempfehlung in München geblieben, ist nun neben den Franzosen Benjamin Pavard und Lucas Hernandez der einzige fitte Innenverteidiger der Bayern. Und Hummels, der im Sommer zu Borussia Dortmund zurückkehrte, dürfte mit jedem Spiel, in dem er an seine bisherigen starken Saisonleistungen anknüpfen kann, die Diskussion um eine Rückkehr ins Nationalteam weiter befeuern. Diese würde allerdings eine Kehrtwende des Bundestrainers voraussetzen, der nach dem WM-Debakel auf Verjüngung gesetzt und den verblüfften Hummels, Boateng und Müller im März das Ende ihrer Karriere im Nationalteam verkündet hatte.

          Lösung aller Defensiv-Sorgen? Für Uli Hoeneß sollte Javi Martinez (Bild) auf der „Sechs“ gesetzt sein.

          „Es gibt aktuell keine Veranlassung, den Mats zu nominieren“, verkündete Löw erst vor zwei Wochen vor den Spielen gegen Argentinien und Estland, für die er nach den Ausfällen von Matthias Ginter und Antonio Rüdiger lieber den Freiburger Debütanten Robin Koch berief als den erfahrenen Hummels. An dessen Form kann es nicht liegen. „Er war und ist der beste Abwehrspieler in Deutschland“, sagte zuletzt BVB-Sportchef Michael Zorc. Kapitän Marco Reus fand, Hummels „würde aufgrund seiner Leistung jede Mannschaft stärker machen“.

          Und das gilt wohl auch für die Bayern, die den Alt-Weltmeister im Sommer ziehen ließen, weil sie die Neu-Weltmeister Pavard und Hernandez bekamen. Der ganz große Rückhalt sind die beiden Franzosen noch nicht geworden. Angesichts der vielen Gegentore klang der Optimismus von Sportdirektor Hasan Salihamidzic, der die Innenverteidigung am Montag auch ohne Süle als „sehr, sehr gut besetzt“ bezeichnete, eher wie das Pfeifen im Walde. Vier Spiele hintereinander mit jeweils mindestens zwei Gegentreffern hatten die Bayern zuletzt vor 15 Jahren.

          Auch die Allzweckwaffe, die Hoeneß ins Spiel brachte, wird kaum alle Zweifel beseitigen: „Die Abwehrproblematik wird sich demnächst erledigen, wenn der Martinez dann jetzt auf der Sechs spielt. Dann kriegen wir sowieso in Zukunft weniger Gegentore.“ Der spanische Veteran bringt als Abräumer vor der Abwehr mehr Zweikampfhärte und Physis ins Spiel als die spielstärkeren Thiago oder Kimmich. Dafür hat er seine Defizite im Spielaufbau. Während die Sechser-Position, auf der die Bayern nach dem verpassten Wunschtransfer des Spaniers Rodrigo keine Verstärkung fanden, eine Baustelle bleiben dürfte, ist mit dem Ausfall von Süle für den Rest der Saison eine neue, größere entstanden – eine, die die Statik der Bayern und der Nationalelf verändern könnte.

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