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Champions League : Die Gladbacher auf Forschungsreise

  • -Aktualisiert am

Trainer Rose gibt sich selbstbewusst vor dem Spiel in Mailand. Bild: dpa

In Mailand könnte ein neues Kapitel Klubgeschichte für Borussia Mönchengladbach beginnen. Trainer Rose glaubt an die Kampfstärke seiner Truppe, die bereit ist für einen historischen Moment.

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          Christoph Kramer hat sich dieser Tage in einem Gespräch mit dem Vereinsmagazin von Borussia Mönchengladbach zu einer bemerkenswerten Schwärmerei hinreißen lassen. Mit einem Spiel bei Inter Mailand (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League bei DAZN) startet der Klub am Mittwochabend in die neue Champions-League-Saison, was den 29 Jahre alten Mittelfeldspieler dazu veranlasst, in Erinnerungen zu schwelgen, an die großen Duelle dieses Wettbewerbs, die er als Kind im Fernsehen sah. An die Gefühle, die die Hymne auslöst, die Stadien, die großen Gegner. Sogar den Ball findet Kramer unglaublich schön. Sechs Partien bestritt er in der Königsklasse für Leverkusen, in seinen fünf Spielen für Mönchengladbach war er einmal erfolgreich, beim 2:0 bei Celtic Glasgow.

          Kaum ein Gladbacher verfügt über viel mehr Erfahrung in der Champions League, die für Trainer Marco Rose völlig neu ist – kein Wunder also, dass Kramer von einer „Underdog-Rolle“ der Borussia in der schweren Gruppe mit Real Madrid, Inter Mailand und Schachtor Donezk spricht.

          Champions League

          Ein bisschen wirken die Gladbacher auf ihren Europa-Reisen immer noch wie Touristen, die über die Sehenswürdigkeiten staunen, denen sie begegnen. Dem Stadio Giuseppe Meazza im Mailänder Stadtteil San Siro zum Beispiel oder einer Ikone wie Sergio Ramos in den Duellen mit Real. Zugleich sind sie aber auch Reisende, die die eigene Klubgeschichte erforschen, an vielen Orten der Champions League ist der Klub während der großen Zeit in den 1970er Jahren ja schon gewesen. Die Begegnung mit Inter Mailand bringt beispielsweise die alte Geschichte vom berühmten Büchsenwurf aus dem Duell von 1971 an die Oberfläche. Erinnerungen an jene Nacht, die zu den Gründungsmythen der Legende von der Fohlen-Elf zählt. Aber für den Kopf könnte die Außenseiterposition tatsächlich ganz gut sein: Wenigstens unter der Woche sind die Gladbacher befreit von dem Erwartungsdruck, der neuerdings auf dem Klub lastet.

          „Wenn wir alle gesund sind, dann sehe ich uns tatsächlich in der Lage, gegen jeden Gegner zu bestehen, gegen jeden Gegner zu punkten“, sagt Rose derzeit immer wieder. Die Gladbacher befinden sich an einem historischen Moment, der das Potential birgt, der Auftakt zu einer der aufregendsten Phasen der Klubgeschichte zu werden. Bayern Münchens Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hat die Borussia jüngst sogar in den „erweiterten Kreis“ der Kandidaten für den Meistertitel befördert, denn das starke Team des Vorjahres ist komplett zusammengeblieben. Es gibt auf einem immer noch sehr hohen Niveau spielende Routiniers wie Lars Stindl, Kramer, Yann Sommer oder Oscar Wendt. Hinzu kommt eine Gruppe von erfahrenen Leuten Mitte 20 wie Matthias Ginter, Stefan Lainer, Alassane Pléa, Jonas Hofmann und Großtalente wie Marcus Thuram, Denis Zakaria, Florian Neuhaus oder Hannes Wolf. Mit Wolf von RB Leipzig und dem noch verletzten Valentino Lazaro von Inter Mailand sind nur zwei Neue dabei. Die Mischung stimmt, die Arbeit aus dem Vorjahr kann ohne Umbruch fortgesetzt werden. Aber irgendwie läuft es noch nicht wie erhofft.

          Es deutet sich ein Rückfall an

          Der Begriff „Mentalität“ ist etwas abgegriffen, wenn im Fußball Erfolg oder Misserfolg erklärt werden soll, und bei der Borussia hat auch niemand dieses kontaminierte Wort in den Vordergrund gestellt nach den beiden Unentschieden in den zwei bisherigen Bundesliga-Heimspielen. Aber die Selbstkritik zielt schon ziemlich genau auf die Frage, ob die Mannschaft nach dem erfolgreichen Vorjahr mit der gleichen inneren Haltung, mit der richtigen Mischung aus Freude sowie Konsequenz und Aufmerksamkeit bei der Sache ist. Rose war im Sommer 2019 explizit mit dem Auftrag aus Salzburg nach Mönchengladbach gewechselt, einen Klub, der alle Gründe hatte, sehr zufrieden mit sich selbst und der Welt zu sein, aus der Bequemlichkeit herauszuholen. Das war wunderbar gelungen, doch irgendwie deutet sich jetzt ein Rückfall an.

          In Mailand werden die Sinne aber anders geschärft sein als im Bundesliga-Alltag gegen Union Berlin oder den VfL Wolfsburg. Es gelte, „extrem mutig Fußball zu spielen“, ruft Rose seinem Team zu, zumal wieder alle Angreifer einsatzbereit sind. Thuram ist fit, und Pléa, der in der Nacht zum Samstag Vater geworden ist und daher beim 1:1 gegen Wolfsburg fehlte, ist auch mit nach Mailand geflogen.

          Präsenz vor dem gegnerischen Tor wird wichtig sein, sonst droht die Defensive schnell überfordert zu sein mit der Wucht der brillanten Angreifer Romelu Lukaku, Lautaro Martínez und dem früheren Dortmunder Achraf Hakimi. Was fehlen wird, ist allein der Zauber eines vollen Stadions, weshalb dieser Abend zumindest atmosphärisch kaum heranreichen wird an die atmosphärischen Höhepunkte, an die Kramer sich so gerne zurückerinnert.

          Ausfälle bei Mailand wegen Corona

          Rechtsverteidiger Achraf Hakimi (21) von Inter Mailand ist wenige Stunden vor dem Champions-League-Duell mit Borussia Mönchengladbach positiv auf das Coronavirus getestet worden. Das gab der italienische Vizemeister bekannt. Der Test sei ihm Rahmen des im Protokoll vorgeschriebenen letzten UEFA-Checks durchgeführt worden.

          Hakimi, der in den vergangenen beiden Spielzeiten von Real Madrid an Borussia Dortmund ausgeliehenen war, zeige keine Symptome und habe sich umgehend in Isolation begeben. Schon am vergangenen Wochenende hatte Inter sechs Coronafälle gemeldet, das Derby gegen den AC Mailand am Samstagabend (1:2) stand kurz vor der Absage.

          In der im Frühjahr so arg gebeutelten Lombardei steigen die Fallzahlen seit Tagen deutlich an, im Amateurbereich ist der Trainings- und Spielbetrieb seit dem Wochenende eingestellt. Ab Donnerstagabend gilt in der Lombardei eine nächtliche Ausgangssperre. (sid)

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