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Dortmund besiegt Inter : „Das war absoluter Wahnsinn“

Nicht nur Axel Witsel hat gut lachen im Lager der Dortmunder. Bild: dpa

Aus einem 0:2 macht Dortmund in einer furiosen zweiten Halbzeit ein 3:2 gegen Inter Mailand. Vor allem ein Spieler sticht beim BVB heraus. Und Trainer Lucien Favre ist nicht mehr zu halten – trotz Schmerzen.

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          Am Ende war Lucien Favre gar nicht mehr zu halten. Die Linie der Coachingzone war für ihn nur noch eine bloße Empfehlung. Schließlich überschritt der Trainer von Borussia Dortmund gar den Kreidestrich, der das Spielfeld markiert. Plötzlich stand er auf dem Rasen und ruderte wild mit den Armen. So kannte man den Schweizer bisher nicht wirklich. Doch die emotionale Schlussphase beim 3:2-Sieg des BVB in der Champions League über Inter Mailand ließ auch den Fußballlehrer so manche regeltechnische Grenze überschreiten. „Es war ein verrücktes Spiel“, sagte Favre später bei DAZN und freute sich über eine „fantastische Leistung“ seiner Mannschaft.

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          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          Der Trainer hatte dabei ein verschmitztes Lachen im Gesicht, das man nicht oft von ihm sieht. Und es erstaunte, wie fidel der 62-Jährige an der Seitenlinie – und jenseits davon – auftrat. Schließlich hatte er sich vor einigen Tagen im Training einen Muskelfaserriss zugezogen, der ihm beim Jubel über die drei Treffer von Achraf Hakimi (51. und 77. Minute) sowie Julian Brandt (64.) an den schmerzenden Oberschenkel fassen ließ. Lautaro Martínez (5.) und Matías Vecino (40.) hatten die in der ersten Halbzeit sehr effektiven Italiener in Führung gebracht. Dann drehte der BVB auf und das Ergebnise um.

          Favre sah den ersten Teil der Partie trotz des 0:2-Rückstands nicht so kritisch wie mancher Beobachter. „Die erste Halbzeit war absolut nicht schlecht“, sagte der Trainer. „Aber in der zweiten haben wir besser gepresst, um Konter zu vermeiden. Das war der Schlüssel zum Erfolg.“ Tatsächlich resultierten die beiden Gegentreffer aus schnellen Angriffen Inters. Beim ersten nutzte Martínez einen kleinen Stoß gegen Manuel Akanji, um sich Raum zu verschaffen und danach Mats Hummels abzuschütteln. Beim zweiten Gegentor hatte Mailand viel zu viel Platz, ehe Vecino aus dem Rückraum einschoss.

          Auch Hummels wollte die erste Halbzeit nicht als schlecht einstufen. „Inter hat das sehr abgezockt gemacht“, sagte der Abwehrchef. „Aber dann haben wir eine echt gute zweite Halbzeit aufs Parkett gelegt.“ Der BVB stemmte sich in diesem wichtigen Spiel im Kampf um die ersten beiden Plätze nach dem 0:2 im Hinspiel vor zwei Wochen und dem 0:2 zur Pause des zweiten Vergleichs mit aller Macht gegen die Niederlage – und wurde mit einem beeindruckenden Sieg belohnt. Das Wort „Mentalität“, in Dortmund seit einiger Zeit negativ belegt, durfte diesmal ausschließlich in positivem Sinne verwendet werden.

          Dafür war maßgeblich Hakimi verantwortlich, der mit Abstand beste Spieler auf dem Rasen. Der Marokkaner war eigentlich als rechter Außenverteidiger nominiert. Doch auch das sah er, wie Favre die Abgrenzung seines Arbeitsbereichs, allenfalls als theoretische Empfehlung an. Immer wieder schaltete sich die am Vortag gerade 21 Jahre alt gewordene Leihgabe von Real Madrid in die Angriffe ein und traf zunächst wie ein Mittelstürmer aus der Drehung, ehe er nach Pass von Jadon Sancho die gesamte Inter-Abwehr stehenließ. „Er ist extrem offensiv und spürt die Situationen. Er war überall“, lobte Favre. Hakimi hatte schon beim 2:0-Sieg in Prag beide Tore erzielt. „Achraf ist mit seinem Speed unberechenbar. Er ist eine sehr, sehr große Bereicherung für uns“, sagte Mario Götze. „Vier Tore in der Champions League – das ist nicht so schlecht.“

          Den Ausgleich gegen Inter besorgte Brandt, nachdem der gerade eingewechselte Paco Alcácer den Italienern den Ball bei einem Einwurf weggespitzelt hatte. „Es fühlt sich brutal gut an“, sagte Brandt. „Die erste Halbzeit war nach vorne ordentlich, aber wir haben halt zwei Tore gefressen. Die zweite Hälfte hat dann allen Leuten im Stadion, glaube ich, viel Spaß gemacht.“ Brandt jedenfalls fand Gefallen am turbulenten Verlauf der Partie. „Wenn alles perfekt wäre, wäre es auch ein bisschen langweilig.“ Mit dem Finale der Mannschaft war der deutsche Nationalspieler jedenfalls ziemlich zufrieden. „Die erste Halbzeit war sehr bitter, aber unsere Reaktion dann absoluter Wahnsinn.“

          Die Erleichterung über die drei Punkte war auch Sebastian Kehl am späten Dienstagabend anzumerken. „Diesen Charaktertest haben wir bestanden“, sagte der Leiter der Lizenzspielerabteilung. „Das war wirklich grandios, was die Mannschaft in der zweiten Halbzeit abgeliefert hat. Großes Kompliment. Das tut uns in der jetzigen Situation sehr, sehr gut.“ Man sei davon überzeugt, „dass wir auf dem richtigen Weg sind. Aber dennoch müssen wir alles kritisch analysieren. Denn wir wissen auch, dass wir unser Potential noch nicht vollständig ausgeschöpft haben. Das weiß auch der Trainer.“

          Die Lage in der Gruppe in der Champions League hatte sich jedenfalls innerhalb von knapp einer halben Stunde merklich verbessert. Hinter dem FC Barcelona, der kurz zuvor nur 0:0 gegen Slavia Prag spielte, ist der BVB mit sieben Punkten Zweiter. Inter hat vier Zähler. In drei Wochen tritt Dortmund bei Barcelona an. Auch dort sehen sich die Borussen nicht chancenlos, zumal die Spanier alles andere als beeindrucken. Ein Punkt in Katalonien und dann im abschließenden Heimspiel gegen Prag alles klarmachen – so lautet die Wunschvorstellung von Favre und Co.

          Doch soweit ist es noch lange nicht. Zunächst geht es am Samstag in der Bundesliga zum FC Bayern. „Diese Spiele sind immer etwas Spezielles, etwas Besonderes“, sagte Hummels, der in der vergangenen Saison beim 0:5 der Dortmunder noch das Münchner Trikot trug und sogar traf. Nun ist die Lage spannend für den BVB. In der Tabelle liegen sie einen Punkt vor dem Rivalen, der jüngst Trainer Niko Kovac vor die Tür setzte. „Es war ein Fußballabend, wie ihn die Leute lieben“, sagte Vereinschef Hans-Joachim Watzke mit Blick auf das Inter-Spiel. „Das gibt uns Rückenwind für Samstag. Wir sind bereit für den Clásico.“ Und wie geht Favre die Partie an? „Darüber möchte ich an so einem tollen Abend noch nicht reden. Wir genießen unser Spiel von heute und denken nicht an Samstag“, ließ er verlauten, lächelte und schlenderte mit lädiertem Bein glücklich von dannen.

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