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0:2 bei Atlético Madrid : Der große Dortmunder Glanz verblasst

  • -Aktualisiert am

Alleine Axel Witsel (links) und Torwart Roman Bürki zeigten eine ansehnliche Leistung in Madrid. Bild: AP

Kein Biss, kein Mumm, keine Frische und keine Kreativität: Der BVB zeigt beim 0:2 in Madrid den schwächsten Auftritt der Saison. Aus deutscher Sicht hat dieser Auftritt nur einem gefallen.

          Sie hatten 68 Prozent Ballbesitz, brachten aber nur vier Torschüsse zustande, die alle ihr Ziel verfehlten. Kein Wunder, dass unter diesen Umständen, die die Harmlosigkeit des ungeschlagenen Bundesliga-Tabellenführers Borussia Dortmund an diesem Dienstagabend spiegelten, kein voller Erfolg möglich war. Dass es nicht einmal ein halber wurde, lag an der defensiven wie offensiven Qualität von Atlético Madrid, das der 0:4-Niederlage im Champions-League-Gruppenspiel beim BVB zwei Wochen später einen 2:0-Erfolg durch die Treffer von Saúl Niguez (33. Minute) und Antoine Griezmann (80.) folgen ließ.

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          Damit gewannen die Westfalen den direkten Vergleich trotz des mäßigen Auftritts im neuen Estadio Metropolitano und blieben Erster der Gruppe A. Ein Punkt fehlt noch zur Qualifikation für die K.o.-Phase. Es sollen möglichst drei werden im kommenden Heimspiel gegen den FC Brügge am 28. November.

          Gegen den zweimaligen Champions-League-Finalisten fehlte den Westfalen über die komplette Strecke der Biss, der Mumm, die Frische und die Kreativität, um Atlético auch in vertrauter Umgebung durchrütteln zu können. Vier Tage vor dem deutschen Clasico im Bundesliga-Gipfeltreffen mit dem zuletzt in eine Herbstkrise getaumelten Meister FC Bayern München verpatzten die Borussen die europäische Generalprobe, was auf der klassischen Theaterbühne angeblich ein gutes Vorzeichen für eine gelungene Premiere sein soll.

          Gilt das auch im Fußball? Auf jeden Fall beeilten sich alle Dortmunder Protagonisten beim Blick zurück auf ihren bisher wohl schwächsten Saisonauftritt, sich die Vorfreude und den Optimismus vor dem Spiel gegen die Bayern nicht eintrüben zu lassen. Auch nicht durch diese Niederlage, die Mannschaftskapitän Marco Reus in leichter Verkennung der herrschenden Verhältnisse als „unnötig“ empfand. Für dieses Prädikat aber gab die Wiederbegegnung mit der dritten spanischen Fußballgroßmacht neben Real Madrid und dem FC Barcelona nichts her.


          Während Atlético seine Robustheit, Aggressivität, defensive Härte und Konterklasse, wenn es darauf ankam, konsequent ausspielte, blitzten die Tugenden der derzeit besten deutschen Vereinsmannschaft, wenn überhaupt, dann nur schemenhaft auf. Die an großen Tagen so faszinierende Spielfreude der Abteilung Attacke blühte am Dienstag im Verborgenen, weil Pulisic und Sancho weit unter ihren Möglichkeiten blieben, Alcácer keine Gelegenheit fand, seine Vollstreckerkünste zu zeigen, und selbst Reus einmal ein Luftloch produzierte und zu selten für etwas Belebung im Spiel nach vorn sorgte.

          Im Mittelfeld ließ Delaney die ihm nachgesagte Unbeugsamkeit in den Zweikämpfen mit den Spaniern vermissen und in der Abwehr muteten Akanji und Piszczek gelegentlich etwas zaghaft an, wenn die Spanier auf sie zurauschten. Ein starker Torwart Bürki und ein solider Mittelfeldanker Witsel waren zu wenig, um die Mitspieler nachhaltig beflügeln zu können.

          „Damit müssen wir jetzt umgehen“, sagte Roman Bürki zum Thema Verarbeitung der ersten Saisonniederlage, „ich glaube, es ist gar nicht so schlecht, dass wir auf dem Boden der Tatsachen angekommen sind. Das schärft die Sinne für Samstag.“ Auch Trainer Lucien Favre wollte nicht zu streng sein bei seiner knappen Spielanalyse. „Du musst hier mit Geduld und Schnelligkeit spielen“, sprach er zwei Dortmunder Defizite an diesem Abend an und fügte rasch hinzu, „aber so eine Niederlage kann passieren. Bis zum Spiel gegen Bayern haben wir noch Zeit, um nachzudenken.“ Reus verwies darauf, dass auch der BVB mal schwächeln dürfe. „Wir waren nicht so frisch“, sagte er, „und waren geistig nicht auf der Höhe. Solche Tage gibt es, da müssen wir jetzt durch.“

          Zu düsteren Selbstreflexionen bestand in Madrid zwar kein Anlass, und doch zeigte der Auftritt in der Arena, in der am 1. Juni 2019 das Champions-League-Finale ausgetragen wird, dass Dortmund im Augenblick die beschwingte Leichtigkeit aus den Spätsommerwochen bis in den goldenen Oktober abgeht. In der Bundesliga reichte das zuletzt zu Arbeitssiegen, vom 2:2 gegen Hertha BSC abgesehen. Doch der große Glanz verblasste nach dem 4:0-Triumph über Atlético ein wenig. Den Spaß am Spiel in alter Frische wiederzubeleben ist das Tagesziel für Samstag, wenn es zum großen deutschen Fußball-Showdown kommt. Den Bayern dürfte der Dortmunder Auftritt in Madrid gefallen haben. Atlético hat ihnen gezeigt, wie und mit welchen Mitteln der BVB in Schwierigkeiten gebracht werden kann. Alles scheint also offen vor dem Spiel der Spiele. Das sind schöne Aussichten für Fußballliebhaber, die ein spannendes Spiel mit Festtagscharakter sehen wollen.

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