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Dortmund in Warschau : Tuchels Premiere mit vielen Sorgen

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Wie startet der BVB in die Champions League? Trainer Tuchel hofft auf einen Sieg Bild: dpa

Vor seinem ersten Auftritt in der Champions League hat BVB-Trainer Tuchel einige Baustellen. Es fehlt eine stabile Einheit und die Rückkehr eines Mittelfeld-Stars bleibt ungewiss.

          In Gedanken hat Thomas Tuchel schon einmal durchgespielt, wie er sich wohl fühlen wird an diesem Mittwochabend in Warschau (20.45 Uhr / Live im ZDF, auf Sky und im Champions-League-Ticker auf FAZ.NET). „Wenn ich die Hymne höre und an der Seitenlinie stehen darf, ist das bestimmt ein besonderer Moment – ein großes Geschenk.“ Gemeint ist die Hymne, die vor jeder Partie der Champions League gespielt wird. Der Trainer von Borussia Dortmund kennt diese Zeremonie nur aus dem Fernsehen. In Tuchels erstem Dortmunder Jahr hatte der BVB auf der deutlich kleineren Bühne der Europa League auftreten müssen.

          So groß die Vorfreude auf den Start in die europäische Königsklasse auch sein mag – der Trainer und sein Ensemble sind nicht frei von Sorgen nach Warschau gereist. In den ersten Spielen der Saison war unverkennbar, dass die auf wesentlichen Positionen umbesetzte Mannschaft noch Zeit braucht, um zu einer stabilen Einheit zu werden. Das jüngste warnende Beispiel lieferte die Niederlage gegen Aufsteiger RB Leipzig, bei der es den Dortmundern an Sinn für die Details und an Präzision mangelte. „Wir wollen diesen Eindruck revidieren und müssen deutlich zulegen, auch schon in Warschau“, sagte der Sportdirektor Michael Zorc dem Magazin „Kicker“.

          Nicht allein die sportliche Klasse

          Es ist nicht allein die sportliche Klasse von Profis wie Hummels, Gündogan oder Mchitarjan, die Dortmund ziehen ließ, weil der Revierverein aus München und Manchester Angebote erhalten hatte, die er aus wirtschaftlichen Gründen nicht ablehnen konnte. Der Umbau der Mannschaft wird vor allem durch zwei Faktoren erschwert. Mats Hummels fehlt nicht nur als Abwehrchef, sondern als Kopf der Mannschaft. Marc Bartra, beim FC Barcelona ausgebildet, mag hier und da noch zu riskant vorgehen, zeigt in der Spieleröffnung aber ähnliche Ambitionen wie sein Vorgänger.

          Hummels fehlt vor allem als Persönlichkeit, die auch für eine bestimmte Rangordnung steht. Wie es scheint, muss sich eine solche Hierarchie erst herausbilden. Die meisten Leute hatten damit gerechnet, Marco Reus würde die Lücke schließen. Hans-Joachim Watzke, Vorsitzender der BVB-Geschäftsführung, hatte sogar schon vor Augen, dass der gebürtige Dortmunder in seiner Heimatstadt „eine Legende wie einst Uwe Seeler in Hamburg“ werden könnte. Aber Reus fällt seit vier Monaten aus. Seit dem Pokalfinale im Mai leidet er unter den Folgen einer Verletzung, die im offiziellen Bulletin des Klubs als „leichte Schambeinentzündung“ verbunden mit einem „kleinen Einriss des Adduktorenansatzes“ beschrieben wird.

          Wann spielt Marco Reuß wieder für den BVB? Seit vier Monaten schon fällt der Dortmunder wegen einer Verletzung aus.

          Lange hatten die Verantwortlichen versucht, die Verletzung herunterzuspielen, und ein baldiges Comeback des Stürmers angekündigt. Seine Rückkehr ins Mannschaftstraining war für den 20. August avisiert worden mit dem Hinweis, der Patient sei „auf Kurs, voll im Plan“. Und Watzke wagte die Prognose, Reus werde „wahrscheinlich am dritten Spieltag zur Verfügung stehen“, also beim Bundesliga-Heimspiel an diesem Samstag gegen den SV Darmstadt 98. Beide Termine haben sich als illusorisch erwiesen. Reus ist über das fortgeschrittene Stadium von individuellem Aufbautraining nicht hinausgekommen.

          „Die Rehaphase ist so, dass es von den linearen Bewegungen zu den Richtungswechseln übergeht“, formuliert Tuchel in der Diktion eines Fußball-Gelehrten. „Marco macht sehr, sehr, sehr dosiertes Training mit dem Ball.“ Einen neuen Termin für die Rückkehr des feingliedrigen Technikers wollen die Dortmunder nicht nennen. Er sei kein Arzt, sagte Watzke vor dem Abflug nach Polen. „Ich kann es, ehrlich gesagt, nicht seriös beantworten.“ Schon tauchen Spekulationen auf, Reus könnte erst in der Rückrunde wieder unter Wettkampfbedingungen voll belastbar sein. Dem widerspricht Sportdirektor Zorc. „Es geht eher um Wochen.“ Ob Wochen oder Monate: Reus fehlt dem BVB, um den vielen neuen, teils hochqualifizierten Kräften den Weg zu weisen.

          Tuchel hat Marcel Schmelzer zum Kapitän ernannt, einen Profi, der lange im Verein ist, viel Sozialkompetenz ausstrahlt und von Tuchel sogar als Identifikationsfigur angepriesen wird. Schmelzer hat sich im Konkurrenzkampf auf der linken Abwehrseite zunächst gegen den aufstrebenden Europameister Raphael Guerreiro durchgesetzt, aber wie lange wird er dem Druck des Portugiesen standhalten? Der 28 Jahre alte frühere Nationalspieler ist, zumindest auf den ersten Blick, nicht der Typ, der kraft seiner Klasse oder seiner Aura einen BVB-Anführer verkörpert.

          Liegt das Kapitänspatent nun langfristig bei Schmelzer, der seinen Vertrag vor kurzem bis 2021 verlängert hat? Tuchel weicht aus. Stattdessen verweist er darauf, dass die Entscheidung „logisch ist“, schon aufgrund des Charakters und der Verdienste, die Schmelzer auszeichneten. Im gleichen Atemzug betont der Fußball-Lehrer, wie unwichtig die Kapitänsfrage sei. Junge Spieler als Kofferträger und Spielführer, die mit dem Habitus von Kapitänen einherschreiten, gebe es doch schon lange nicht mehr, sagt Tuchel. Aber eine dominante Persönlichkeit würde dem BVB, gerade während des Umbruchs, vermutlich gut tun.

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