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Borussia Dortmund : Favre und die Anzeichen der Entfremdung

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Was wird bei der Erneuerung von Borussia Dortmund aus Lucien Favre? Bild: Reuters

Lucien Favre ist in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den Trainer öffentlich kritisiert, dürfte er keine große Zukunft bei Borussia Dortmund haben. Wie konnte das nur passieren?

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          Immerhin der zuletzt grippekranke Mario Götze saß auf seinem Platz, als der Flug „EW 1909“ am Dienstagmittag vom Flughafen Holzwickede in Richtung Mailand abhob. Gleiches galt für den am Samstag aus disziplinarischen Gründen suspendierten Jadon Sancho, sogar Roman Bürki hofft auf einen Einsatz, nachdem er sich am vorigen Spieltag aufgrund einer Kapselzerrung im Knie auswechseln lassen musste. Ein prominenter Kollege fehlte allerdings: Kapitän Marco Reus verzichtet wegen einer Erkältung auf die Reise zum wichtigen Champions-League-Duell an diesem Mittwoch (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) bei Inter Mailand, das nicht nur für die angestrebte Achtelfinalteilnahme von immenser Bedeutung ist. Bei Borussia Dortmund ist Trainer Lucien Favre in eine hochkomplizierte Lage hineingeraten. Obwohl keiner der Verantwortlichen den 61 Jahre alten Schweizer öffentlich kritisiert, verdichtet sich zum Erstaunen vieler Beobachter der Eindruck, dass dieser Trainer keine große Zukunft mehr in Dortmund haben wird.

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          Wobei dieser Vorgang der Entfremdung nicht ganz so rätselhaft ist, wie er aus der Ferne erscheinen mag. Wer ein paar Hintergründe zur gegenwärtigen Unzufriedenheit beim BVB verstehen möchte, findet interessante Antworten im Kapitel „Die neue Borussia“ der gerade erschienenen Biographie von Hans-Joachim Watzke. In dem Buch wird ein Prozess der Selbsterneuerung beschrieben, der im vergangenen Mai begonnen hat. In der zurückliegenden Saison sei „etwas neu entflammt, auch ohne Titelgewinn“, erläutert Watzke dort, „dieses permanente Understatement“, das die Dortmunder jahrelang gepflegt haben, müsse einer Haltung der nach außen spürbaren Stärke weichen.

          Wirtschaftlich bleibt zwar ein Rückstand auf den FC Bayern, aber fast alle anderen Indikatoren für Erfolg seien außerordentlich vielversprechend: die Infrastruktur, die Fans, der Aufbau der Sportlichen Leitung, die mit Sebastian Kehl und Matthias Sammer erweitert wurde, das Scouting, die Nachwuchsabteilung und das Fundament des Kaders. „Unser Selbstverständnis muss sich ändern“, fordert Watzke. Der BVB müsse „Ziele jetzt offensiver angehen als in den letzten Jahren“.

          Aus diesen Überlegungen entstand die öffentliche Bekanntmachung des Saisonzieles „Meistertitel“, aber es steckt noch viel mehr hinter dem Bedürfnis nach Fortschritt. Der ganze Klub soll eine deutlicher spürbare Größe ausstrahlen, eine respekteinflößende Kraft, die mit Überzeugung gelebt wird. Von den Mitarbeitern, den Führungskräften, der Mannschaft. Und: vom Trainer. Hier beginnt ein schwieriges Terrain. Lucien Favre ist ein zurückhaltender Mensch, große Töne, strategisch zum Einsatz gebrachte Posen der Autorität sind seinem Wesen fremd.

          Er ist ein Mann, der vornehmlich die Probleme sieht und versucht, diese zu bekämpfen, Watzke hingegen bastelt seit einigen Monaten an einem Verein, der mit wehenden Fahnen und möglichst ohne Selbstzweifel in den Kampf um große Titel zieht. In seinem Buch denkt Watzke sogar laut über einen „Paradigmenwechsel“ nach, in dessen Folge wieder Kredite zur Verstärkung des Kaders aufgenommen werden müssten. Solche Gedanken, die lange ein absolutes „No-Go“ in Dortmund waren, zeigen, wie weit das Umdenken gehen könnte und wie entschlossen man bereit ist, sich von der zurückhaltenden Herangehensweise der Vergangenheit zu lösen, die eben auch Favre verkörpert.

          Anders als die Bosse des FC Bayern München halten die Dortmunder Verantwortlichen sich zwar konsequent zurück mit öffentlich formulierter Kritik an ihrem Trainer. Aber wer den Klub aus der Nähe beobachtet, spürt schnell: Kaum noch jemand glaubt daran, dass der Fußball-Lehrer aus dem Bergdorf Saint-Barthélemy eine Ära bei den Dortmundern prägen wird. Die endgültige Verwandlung in einen Klub, wie Watzke ihn konstruieren möchte, wird mit dem zurückhaltenden Favre nur schwer möglich sein. Die „Süddeutsche Zeitung“ deutet sogar an, dass bereits „Sondierungen des Trainermarktes“ stattgefunden hätten, die „erwartungsgemäß nicht sonderlich ermunternd im Hinblick auf Alternativen zu Favre“ gewesen seien.

          Allerdings haben ausnahmslos alle Trainer dieser Welt, die immer komplexeren Ansprüchen gerecht werden müssen, Schwächen. Und normalerweise sind Klubführungen sehr darauf bedacht, diese Unvollkommenheit nicht allzu sichtbar werden zu lassen. In Dortmund springt derzeit niemand aus der Klubführung Favre entschlossen zur Seite.

          Die Kritik an der Bedächtigkeit des Trainers ist ja schon viele Jahre alt, und es mag sein, dass der Schweizer in dieser Saison mehr Punkte gesammelt hätte, wenn er sein Team in bestimmten Momenten zu mehr Mut getrieben hätte, statt seine eigenen Befürchtungen und Zweifel angesichts irgendwelcher drohender Gefahren auf die Mannschaft zu übertragen. Aber in der Arbeit eines Fußball-Lehrers, der es besser versteht, die neue Dortmunder Größe darzustellen, würden wahrscheinlich schnell andere Defizite sichtbar werden. In jedem Fall werden in Mailand viele Beobachter genau hinsehen, welche Impulse Favre mit seinen Statements und seinem Verhalten am Spielfeldrand geben wird.

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