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Borussia Dortmund : Der BVB verliert sein „Diamantenauge“

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Demnächst ein „Gunner“: Sven Mislintat wird den Dortmunder Weg künftig nur noch aus der Ferne verfolgen. Bild: firo Sportphoto

Sven Mislintat verlässt den BVB und wird Chefscout bei Arsenal. Der Boulevard schreibt von „Katastrophe“ und „Drama“. Was aber macht Mislintat so wertvoll?

          Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist mit gesunder Skepsis zu betrachten, aber der Geburtstag eines Menschen ist in der Regel richtig vermerkt. Doch die Suche nach dem Geburtstag von Sven Mislintat verläuft dort ohne Ergebnis – es gibt ihn einfach nicht. Auch auf der Internetseite von Mislintats bisherigem Arbeitgeber Borussia Dortmund gab es bis gestern nur vier „Treffer“. Der jüngste aus dem Jahr 2013 berichtete davon, dass Mislintat den Spieler Neven Subotic nach einem Kreuzbandriss beim Auswärtsspiel mit dem Auto nach Dortmund gefahren hatte. Die noch älteren Einträge bezeichnen Mislintat als Chefscout des Klubs. Seit Anfang des Jahres 2017 war er zwar „Leiter Profifußball“, diese Beförderung verschweigt die Borussia aber in ihrem Archiv. Am späten Montagnachmittag wurde auf der BVB-Internetseite eine Meldung veröffentlicht, die den Wechsel von Mislintat zum FC Arsenal bekanntgab. Vom 1. Dezember an wird er beim Klub der englischen Premier League demnach „Head of recruitment“ sein – also wieder Chefscout.

          Mislintats Abgang ist ein herber Verlust für den BVB, der Boulevard schrieb gar schon von einer „Katastrophe“ und einem „Drama“, als es sich bei diesem möglichen Transfer nur um ein Gerücht handelte. Was aber macht Mislintat so wertvoll? Die Transfers von Robert Lewandowski, Shinji Kagawa, Pierre-Emerick Aubameyang, Julian Weigl, Ousmane Dembélé und auch Raphaël Guerreiro gehen auf seine Sichtung zurück. Der engste Mitarbeiter von Sportdirektor Michael Zorc wird in der Branche als „Diamantenauge“ bezeichnet. In England feiern sie ihn daher auch schon als „diamond eye“, zumal die Dortmunder Geschichte von Jürgen Klopp, dem aktuellen Trainer des FC Liverpool, eng mit der von Mislintat verknüpft ist. Die beiden holten zusammen zwei Meisterschaften und einen Pokalsieg.

          Selten sind bei derart hochkarätigen Mitarbeitern der Fußballbranche ohne Wikipedia-Eintrag solche Untergangsszenarien entworfen worden. Sie passen allerdings auch gerade gut in die Zeit, denn Borussia Dortmund holte nur einen Punkt aus den vergangenen fünf Spielen in der Bundesliga. Selbst bei einem Sieg an diesem Dienstag (20.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Sky) gegen Tottenham Hotspur wäre es kaum mehr möglich, das Achtelfinale der Champions League zu erreichen.

          Es geht vielmehr darum, die bessere Ausgangslage gegenüber den Zyprern von Apoel Nikosia zu wahren, um wenigstens noch in die Europa League abzugleiten. Dort könnte dann im Frühjahr der FC Arsenal ein Gegner werden. Der Klub aus London mit Trainer Arsène Wenger zahlt seinen neuen Chefscout 1,5 Millionen Euro, der dafür bei den immens gestiegenen Ablösesummen noch Schnäppchen finden soll. Mislintats Vertrag, der gestern aufgelöst wurde, war bis 2021 gültig.

          Bei Wikipedia wird bald stehen, dass Mislintat am 5. November 1972 in Dortmund geboren wurde. Er wuchs in der Nachbarstadt Kamen auf, sein erstes Trikot als BVB-Fan war eines mit der Rückennummer von Mirko Votava. Mislintat schaffte es als Fußballspieler mit dem SV Holzwickede bis in die Oberliga, damals noch die dritthöchste Klasse. Als 2005 sein erstes von zwei Kindern geboren wurde, hörte er als Spieler auf. Da arbeitete er schon für eine Firma in München als Analyst von Fußballspielen. Bei der WM 2002 versorgte er den Deutschen Fußball-Bund mit Informationen, später war er Mitbegründer einer Firma für Spielanalysen, an der er heute noch beteiligt ist.

          Während seines Studiums der Sportwissenschaft an der Ruhr-Universität in Bochum legte Mislintat die Schwerpunkte auf Spielbeobachtung und Trainingswissenschaft. Im American Football, in der Datenanalyse dem Fußball damals meilenweit voraus, schaute er sich einiges für seine Sportart ab – und galt schon als einer der Besten in seiner Branche, als er 2006 beim BVB begann. Fünf Jahre später wurde ihm im Jahrgang mit Thomas Schneider, Roger Schmidt, Markus Weinzierl und Markus Gisdol auch die Fußballlehrer-Lizenz überreicht. Uli Hoeneß, heute wieder Präsident des FC Bayern, soll damals schon aufmerksam den Weg von Mislintat verfolgt haben.

          Die Münchner wollten ihn im vergangenen Sommer als Kaderplaner verpflichten, nachdem Michael Reschke zum VfB Stuttgart gewechselt war. Aber die Bemühungen waren vergeblich, genau wie die von Fortuna Düsseldorf, des Hamburger SV und des VfB selbst, die Mislintat gerne gehabt hätten. Der BVB legte Wert, das „Diamantenauge“, wenn überhaupt, dann nur an einen Klub aus dem Ausland zu verlieren. Dem Vernehmen nach hätte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den Vertrag bei einem neuerlichen Vorstoß eines deutschen Vereins auch nicht aufgelöst.

          Mislintat, so ist auch zu hören, wollte mal raus aus dem Trott, mal weiter weg von zu Hause, etwas Neues, ein bisschen Fremdes und vermutlich noch Größeres kennenlernen. Der Streit mit Thomas Tuchel wird vielleicht auch Spuren hinterlassen haben, selbst wenn sich der BVB von seinem Trainer nach der vergangenen Saison getrennt hatte. Tuchel und Mislintat waren über den letztlich geplatzten Transfer des Spaniers Óliver Torres im Januar 2016 heftig aneinander geraten. Der Chefscout sollte sich vom Trainingsplatz fernhalten, durfte nicht mehr mit der Mannschaft reisen und sollte sogar den Kontakt zu den Spielern abbrechen.

          Mislintat nahm das lange mit westfälischer Gelassenheit hin. Er sondierte den Markt, gab Daten in seinen Computer, der ihm dann etwa Kandidaten für einen Innenverteidiger präsentierte, der etwa mindestens 60 Prozent seiner Zweikämpfe gewinnt, größer als 1,80 Meter ist, bevorzugt mit dem linken Fuß schießt und 85 Prozent der Pässe an den Mitspieler bringt. Diese Arbeit wird er bald bei Arsenal verrichten. Und solange dürfte sich der Gedanke, dass Thomas Tuchel ein Nachfolger-Kandidat von Wenger sein könnte, erledigt haben.

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